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Filmkritik der Woche: "The Revenant": Das (Wieder-)Aufstehmännchen
Kultur 1 4 Min. 26.01.2016

Filmkritik der Woche: "The Revenant": Das (Wieder-)Aufstehmännchen

Leonardo DiCaprio ist "The Revenant": nach einer wahren geschichte um den Trapper Hugh Glass.

Filmkritik der Woche: "The Revenant": Das (Wieder-)Aufstehmännchen

Leonardo DiCaprio ist "The Revenant": nach einer wahren geschichte um den Trapper Hugh Glass.
Foto: 20th Century Fox
Kultur 1 4 Min. 26.01.2016

Filmkritik der Woche: "The Revenant": Das (Wieder-)Aufstehmännchen

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Ein guter Rat, den jeder beherzigen sollte, der vorhat, sich „The Revenant“ anzuschauen: Packen Sie, statt Popcorn und Cola, Analgetikum und eine Thermoskanne heißen Tees ein! Denn dieser Film tut weh. Und zwar so richtig!

Ein guter Rat, den jeder Zuschauer  beherzigen sollte, der vorhat, sich „The Revenant“ anzuschauen: Packen Sie, statt Popcorn und Cola, Analgetikum und eine Thermoskanne heißen Tees ein! Beides braucht man nämlich dringend: Denn Alejandro G. Iñárritus neuer Film tut weh, und zwar so richtig.

Dabei lässt seine umwerfende Bildgewalt zuweilen sogar vergessen, dass da ein Meister seines Faches eigentlich nur ausprobiert, wie weit er in seiner Stilübung gehen kann: „The Revenant“ ist zwar ganz großes Kino, aber kein filmisches Meisterwerk.

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Dies vorweg: Wer Trapperromantik und einen sexy Wimpernaufschlag von Hollywood-Beau Leonardo DiCaprio erwartet, wird in „The Revenant“ schnell – und vor allem überaus schmerzhaft – eines Besseren belehrt. Denn der Film von Regisseur Alejandro G. Iñárritu bietet alles andere als die gute alte Westernnostalgie: Hier gibt es – statt Helden, rauchenden Colts und Showdown – Blut, Schlamm und Schmerzen, und zwar so heftig und brutal realistisch aufgetischt, dass man sie als Zuschauer förmlich am eigenen Leib zu spüren glaubt.

Und vom mexikanischen Filmemacher so meisterlich orchestriert, dass es dem Ganzen in kurz aufblitzenden Momenten analytischer Klarheit fast die Seele zu rauben scheint.

In den landschaftlichen Atempausen, die der Film dem Publikum zwischen Metzeln und Morden beschert, offenbart sich dem Zuschauer nämlich, hinter der Fassade der starken Empfindungen, mit denen ihn die Geschichte des Fährtenlesers Hugh Glass konfrontiert, der für die „Rocky Mountain Fur Company“ arbeitet, auch ein Stückweit die filmische Stilübung, die zuweilen wie eine ganz persönliche Hommage an Kollegen anmutet.

Wahre Geschichte aus dem 19. Jahrhundert

Als Vorlage dient Iñárritu der gleichnamige, 2002 erschienene Roman des Amerikaners Michael Panke, dessen Rechte sich die Produzenten noch vor der Veröffentlichung sicherten.

Foto: 20th Century Fox

Der wahren Begebenheit um den Trapper Glass, der nach einem Bärenangriff 1823 von seinen Begleitern im winterlichen Wald als tot zurückgelassen wurde und doch überlebte, dichtet das Drehbuch zusätzlich eine Rachegeschichte, um den Mord an Glass' Halbblut-Sohn Hawk, hinzu und verleiht „The Revenant“ so eine zusätzliche historische Dimension, die den Film spezifisch amerikanisch macht und dennoch in ihrem politischen Diskurs universell zu bleiben vermag.

Vollster Körpereinsatz

Mit zwölf Nominierungen geht das Rachedrama am kommenden 28. Februar ins Rennen um den wichtigsten Filmpreis der Welt und gilt – logischerweise – als großer Favorit. Ob es seinem Hauptdarsteller auch den – von Fans seit Langem geforderten – Oscar einbringt, steht noch in den Sternen geschrieben. Sicher ist jedoch eines: Überlebensexperte Bear Grylls hat hier in Leo eindeutig seinen Meister gefunden!

Denn zählt zumindest der Körpereinsatz beim Dreh, der in Kanada und Argentinien stattfand, so dürfte DiCaprio den Goldjungen zweifelsohne bald auf dem heimischen Kaminsims begrüßen dürfen: Nicht umsonst soll der Vegetarier rohe Bisonleber verspeist haben und nackt in einen echten Pferdekadaver gekrochen sein. Und auch hier überzeugt DiCaprio durch sein schonungsloses Spiel – aber, dass der Junge weitaus mehr drauf hat, als nur hübsch anzusehen, wusste man ja spätestens seit seinem Auftritt in „What's Eating Gilbert Grape“ – und da hatte er 1993 nicht mal die Hauptrolle zu bestreiten.

Dem amerikanischen Schauspieler gelingt durch seine Rollenwahl, was so manchem seiner Kollegen nicht so glücklich von der Hand geht: Sich ein künstlerisches Profil zu schaffen, das sein Äußeres zu überlagern vermag und ihn als ernst zu nehmenden Darsteller positioniert.

Bildgewaltig und atemberaubend

Ihm gegenüber steht ein auf den ersten Blick unkenntlicher Tom Hardy, der vor allem an der Stimme wiederzuerkennen ist und als Fitzgerald eigentlich eine ebenso wichtige, gar von den Nuancen her noch interessantere Rolle ebenso schlüssig spielt wie DiCaprio.

Die ätherischen Traumsequenzen aus "The revenant" scheinen geradewegs aus einem Malick-Film geborgt.
Die ätherischen Traumsequenzen aus "The revenant" scheinen geradewegs aus einem Malick-Film geborgt.
Foto: 20th Century Fox

Eigentlich stehen die Schauspieler in der bildgewaltigen Form, die der Film konsequent fährt, alle irgendwie in der zweiten Reihe: Der wahre Star ist die gleichmütig grandiose Landschaft, die alle menschlichen Konflikte widerspiegelt und gleichzeitig stets in eine weitere Perspektive setzt.

Auch wenn der Film nicht als Meilenstein in die Filmgeschichte eingehen wird, so dürfte zumindest die – atemberaubende! – Szene des Bärenangriffs zum sofortigen Klassiker werden.

Iñárritu macht seinen Malick

Die Kamerafahrt zum Einstieg in die Geschichte ist schon ein wahres filmisches Kleinod – aber das konnte man bei Iñárritu bereits seit „Babel“ (2006) und spätestens nach seinem letzten, vierfach Oscar-preisgekrönten „Birdman or The Unexpected Virtue of Ignorance“ auch eigentlich erwarten.

Der Mexikaner denkt und spricht in Bildern und beherrscht deren Syntax so meisterlich, dass er von poetischer Introspektion zu dokumentarischem Realismus fliegend wechseln kann – und in allen Registern glaubhaft bleibt.

Nicht nur an Kameramann Emmanuel Lubezki, der vor seinen beiden Oscar-ausgezeichneten „Birdman“ und „Gravity“ an „The Tree of Life“ und „To the Wonder“ arbeitete, liegt es, dass „The Revenant“ Reminiszenzen an Terrence Malicks unverkennbaren Stil weckt.

Bewusst spielt Iñárritu mit dessen Markenzeichen geradezu ätherisch anmutender Traumsequenzen, die das Publikum erst inhaltlich als Puzzle zusammensetzen muss, und setzt sie in Kontrast zu brutalst plastischen und dabei durchaus stets realistisch anmutenden Szenen.

Der mexikanische Filmemacher paraphrasiert zuweilen visuell sogar Kusturicas „Time of the Gypsies“.

Für alle Film-, Leo- und Westernfans ist der Film, der bei den Oscars sicherlich absahnen wird, demnach ein absolutes Muss – am besten auf leeren Magen!

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Abenteuerfilm/Drama (USA 2015). Regie: Alejandro G. Iñárritu. Mit Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter. Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Mark L. Smith, nach dem Roman von Michael Punke. Kamera: Emmanuel Lubezki. Musik: Ryûichi Sakamoto, Alva Noto. 156 Min. (Ab 16)


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