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Filmkritik der Woche: "The Killing of a Sacred Deer": Auge um Auge, Zahn um Zahn
Kultur 2 Min. 04.11.2017 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik der Woche: "The Killing of a Sacred Deer": Auge um Auge, Zahn um Zahn

Der junge, irische Schauspieler Barry Keoghan, der u. a. auch in der 
Luxemburger Koproduktion „Mammal“ spielte, trägt den Film mit einer erstaunlichen Reife.

Filmkritik der Woche: "The Killing of a Sacred Deer": Auge um Auge, Zahn um Zahn

Der junge, irische Schauspieler Barry Keoghan, der u. a. auch in der 
Luxemburger Koproduktion „Mammal“ spielte, trägt den Film mit einer erstaunlichen Reife.
FOTO: ELEMENT PICTURES
Kultur 2 Min. 04.11.2017 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik der Woche: "The Killing of a Sacred Deer": Auge um Auge, Zahn um Zahn

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„Würden Sie Ihren Partner oder eines Ihrer Kinder opfern, um die anderen zu retten?“: Diese Frage steht im Zentrum von „The Killing of a Sacred Deer“: Kein Wunder also, dass es dem Zuschauer kalt den Rücken hinunter läuft.

Von Vesna Andonovic

Ein Mann ist tot: gestorben, weil ein Chirurg bei der OP betrunken war. Einen Prozess wird es nicht geben, das System deckt den Arzt, um sich selbst zu schützen. Doch der Sohn des Verstorbenen fordert Sühne: Dr. Steven Murphy soll ein Mitglied seiner Familie opfern, oder aber er wird sie alle drei verlieren.

„Würden Sie Ihren Partner oder eines Ihrer Kinder opfern, um die anderen zu retten?“: Diese Frage steht im Zentrum von „The Killing of a Sacred Deer“. Eine Antwort, die sich auch nur ansatzweise als richtig erweisen würde, gibt es darauf nicht. Doch wie die einzelnen Mitglieder einer Familie damit umgehen und welche Überlebensstrategien sie in dieser ausweglosen Situation entwickeln, ist der Stoff, aus dem Albträume sind, die der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos thematisiert.

Eigenwillige Handschrift

Dessen Filme tragen - mit ihrer eigenwilligen, für ein Unterhaltungskino gewohntes Publikum schwer verdaulichen Mischung aus spröder Manieriertheit und allegorischer Themenverarbeitung - eine ganz persönliche, wiedererkennbare Handschrift: „The Killing of a Sacred Deer“, der beim diesjährigen Filmfestival von Cannes im Wettbewerb lief, ebenso wie „The Lobster“, für den der Grieche bereits zwei Jahre zuvor auf der Croisette den Preis der Jury einheimste. Kein Wunder demnach, dass diesmal für den Griechen dabei der Preis für das Beste Drehbuch heraussprang – den er ebenso wie Lynne Ramsay für „You Were Never Really Here“ erhielt.

Gab es bei dem letzten Film noch eine spielerische, gar humorvolle Note rund um die Geschichte von Singles, die, wenn sie sich als beziehungsunfähig erweisen, in Tiere verwandelt werden, so ist Lanthimos' neues Opus von einer Dramatik durchzogen, deren epischer Atem nahe an dem antiker Tragödien liegt.

Griechische Tragödie in Filmform

Colin Farrell ist der charismatische Gott in Weiß Steven Murphy, dessen Trinksucht den Tod eines Patienten verursacht. Der Sohn des Verstorbenen, Martin (Barry Keoghan) dringt immer tiefer in Stevens Familienleben vor und stellt ihn vor die Wahl, einen der Seinen zu opfern, um seine Schuld zu sühnen. Als zuerst sein Sohn Bob (Sunny Suljic), dann seine Tochter Kim (Raffey Cassidy) und auch noch seine Frau Anna (Nicole Kidman) plötzlich nicht mehr laufen können und auch noch aufhören, Nahrung zu sich zu nehmen, wird der Spielraum des Arztes immer kleiner.

Ist am Ende vielleicht doch etwas dran, am „Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Deal, den Martin ihm aufzwingt? Nicht nur die Ausgangssituation der Geschichte, auch ihre Ausweglosigkeit weckt beim Zuschauer Erinnerungen an antike Tragödien und ihre Figuren.

Moderne Theatralik

Dabei ist vor allem die Art, wie der Regisseur die großen moralischen Fragen der Schuld, Sühne, Verantwortung und Opferbereitschaft mit einer zwar theatralischen, doch gerade deshalb auch irgendwie modern anmutenden Form verbindet, seine Stärke. Bei seinen Charakteren beschränkt sich der Filmemacher darauf, sie trotz thematisch bedingter Emotionalität als geradezu undurchdringliche Karikaturen zu zeichnen und lässt so den eigentlich zu erwartenden Aspekt der Identifikation gänzlich außen vor.

Hat Lanthimos mit dem Duo Kidman/Farrell ein ebenso erfahrenes wie in Nuancen versiertes Schauspielerpaar, so ist es der junge, irische Darsteller Barry Keoghan, Jahrgang 1992, der als Martin der verstörend intensive Mittelpunkt aller Gefühle ist. Zuvor hatte er bereits in „Mammal“, einer Luxemburger Koproduktion von Calach Films und Les Films Fauves, die 2016 beim Sundance Festival lief, auf sich aufmerksam gemacht. Hier legt er - mit undurchdringlicher Mimik in der kindlich-magischer Glaube und eine Angst einflößende Kälte verschmelzen – eine beeindruckende Reife an den Tag.

Ein thematisch unbequemer, emotional fordernder und ebenso spannender wie aufreibender Film.