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Filmkritik der Woche: Menschliches, Allzumenschliches
Kultur 1 2 Min. 18.02.2017 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik der Woche: Menschliches, Allzumenschliches

Streiten auf Rumänisch: Große Kunst.

Filmkritik der Woche: Menschliches, Allzumenschliches

Streiten auf Rumänisch: Große Kunst.
Foto: WILD BUNCH DISTRIBUTION
Kultur 1 2 Min. 18.02.2017 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik der Woche: Menschliches, Allzumenschliches

Pol SCHOCK
Pol SCHOCK
Dieser Film ist eigentlich eine Zumutung: fast drei Stunden, nur Dialoge, wenig Schnitte und kein wirklicher Plot. Doch Regisseur Cristi Puiu gelingt Unglaubliches: "Sieranevada" fesselt über die gesamte Länge und entwickelt sich zu einer tragisch-komischen Gesellschaftsstudie.

Von Pol Schock

Rumänien? Selbst nach zehn Jahren EU-Beitritt wissen Westeuropäer wohl nur wenig über das Land am Schwarzen Meer. Den meisten wird es gar Schwierigkeiten bereiten, auf Anhieb mehr als drei rumänische Städte zu nennen. Dabei lohnt sich der Blick gen Osten. Aktuell finden die größten Massenproteste des Landes seit 1989 statt. Und unlängst gilt Rumänien als Geheimtipp des Autorenkinos. Regisseure wie Cristian Mungiu oder Cristian Nemescu werden in Feuilletons gefeiert für ihre eigenwilligen und unorthodoxen Erzähltechniken. Es gelingt ihnen, mit wenig viel zu erreichen.

Zu dieser Avantgarde des Autorenkinos gehört auch Cristi Puiu. Sein neuer Film „Sieranevada“ ist gerade in den Luxemburger Kinos gestartet und konnte bereits im vergangenen Jahr in Cannes positiv auf sich aufmerksam machen. Dabei ist der Film eigentlich eine Zumutung: fast drei Stunden, nur Dialoge, insgesamt wohl kaum mehr als ein Dutzend Schnitte und kein wirklicher Plot. Doch Puiu gelingt Erstaunliches: „Sieranevada“ fesselt über die gesamte Länge und entwickelt sich zu einem tragisch-komischen gesellschaftlichen Epos.

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Beinahe die gesamte Handlung spielt in einer winzigen Vierzimmerwohnung: Lary (Branescu Mimi), ein erfolgreicher Mediziner, macht sich mit seiner Frau Laura (Catalina Moga) auf zur familiären Gedenkfeier seines vor vierzig Tagen verstorbenen Vaters. Bereits auf der Hinfahrt streiten sich die beiden und beschließen, den unangenehmen Pflichtbesuch mit Zeremonie und Essen schnell hinter sich zu bringen: „Um 14 Uhr sind wir zurück“, sagt Lary.

Warten auf das Essen

Doch es kommt natürlich anders. Das Kammerspiel in der winzigen Vierzimmerwohnung wird zum Geduldspiel. Erst lässt der Priester auf sich warten, dann bringt die Tochter eine zugedröhnte Serbin oder Kroatin (so genau weiß das niemand) mit nach Hause, und später taucht auch noch Tony auf, ein notorischer Lügner, der vor kurzem mal wieder seine Frau betrogen hat. Der Film wird zur kafkaesken Zerreißprobe. Allianzen werden geschmiedet und gebrochen, es wird geraucht und getrunken, gelogen und betrogen: „Menschliches, Allzumenschliches“, würde Nietzsche das wohl bezeichnen. Und Lary, der so etwas wie der Protagonist des Films ist, und der am wenigsten neurotisch wirkt, hat Hunger und wartet vergeblich auf das Essen.

Was sich wie ein typisches Familiendrama anhört, ist jedoch eine beeindruckende Gesellschaftsstudie. Denn Puiu gelingt es, den Zustand der rumänischen Gesellschaft an einem einzigen, aufs engste begrenzten Ort zu skizzieren. Da wäre die Oma, die sich als alte Kommunistin gibt und das Erbe Ceausescus verteidigt: „Opfer müssen gebracht werden“. Eine Royalistin, die emanzipiert-forsch auftritt und gleichzeitig das Essen serviert, ein Priester, der durch eine Bemerkung eines Taxifahrers fast von seinem Glauben abfällt, und ein fanatischer Anhänger von 9/11-Verschwörungstheorien, der die Wahrheit im Internet gefunden hat. 

Der wahre Kunstgriff von Puiu liegt jedoch in der Kameraführung. Ohne Hektik, stets fest an einem bestimmten Platz, schwenkt die Kamera von links nach rechts. Immer dorthin, wo gerade etwas passiert. Der Zuschauer wird zum Voyeur, der unbemerkt Einblicke in eine halbwegs verrückte Familie erhält. Und dann gibt es Essen. Endlich.