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Filmkritik der Woche: "I, Tonya"
Margot Robbie liefert als Tonya Harding einen bemerkenswerten Kraftakt hin, der sich nicht allein auf das Körperliche beschränkt.

Filmkritik der Woche: "I, Tonya"

FOTO: CLUBHOUSE PICTURES
Margot Robbie liefert als Tonya Harding einen bemerkenswerten Kraftakt hin, der sich nicht allein auf das Körperliche beschränkt.
Kultur 1 3 Min. 24.02.2018

Filmkritik der Woche: "I, Tonya"

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Wie der 6. Januar 1994 der Karriere der amerikanischen „White Trash“-Eisprinzessin Tonya Harding ein jähes Ende setzte

Sie war die erste Amerikanerin, die auf dem Eis den dreifachen Axel schaffte. Doch in Erinnerung bleibt Tonya Harding wegen eines hinterhältigen Angriffs auf Rivalin Nancy Kerrigan. Dabei sind es nur ihre „White Trash“-Wurzeln, die der Eisprinzessin zum Verhängnis wurden. Kraft statt Grazie, Wille statt Mittel, „White Trash“ (wie die arme, amerikanische Unterschicht genannt wird) statt Elite: Tonya Harding entspricht in nichts dem elfenhaften, ätherischen Bild der Eiskunstläuferin. Am Ende kostete sie genau das ihre Karriere im Spitzensport.

Die gute Nachricht vorab: Man muss kein Sportfan sein und sich nicht einmal für Eiskunstlauf interessieren, um von Craig Gillespies „I, Tonya“ gebannt zu sein. Denn der Film des australischen Regisseurs geht weit über das rein Faktuell-Biografische hinaus: Er thematisiert nämlich die Geschichte einer Außenseiterin, die sich ihren Platz im Rampenlicht hart erkämpfen muss – und am Ende doch an der Feindseligkeit eines eingeschworenen Systems scheitert.

Diese Art Erzählung hat man nun schon oft auf großer Leinwand gesehen – doch gerade deshalb ist „I, Tonya“ mitsamt seinem ungewöhnlichen Setting-Clash von sozialer Realität und Traumkulisse „Spitzensport“ und der gehörigen Portion schonungs- und auswegloser Rohheit, die die Figuren charakterisiert – eine angenehme Überraschung.

Tonya Harding ist schon als (fast) vierjähriger Dreikäsehoch ein Naturtalent, alle anderen Voraussetzungen bringt sie nicht mit auf die Eispiste: LaVona (Allison Janney) ist Serviererin und alles andere als eine Vorzeigemutter, das Familienverhältnis unstetig, das Leben arm und perspektivlos.

Empathie für zum Scheitern verurteile Loser

Noch größeres Problem: Rohdiamant Tonya (Margot Robbie) lässt sich die proletenhaften Ecken und Kanten nicht zurechtschleifen. Im Gegenteil, sie behauptet ihre bescheidenen Wurzeln vor aller Öffentlichkeit – und weckt auch beim Zuschauer mit der Beherztheit, mit der sie an ihrer Identität und Misere festhält zwangsläufig Empathie. Auch die erste Liebesbeziehung mit Jeff Gillooly (Sebastian Stan) ist nur eine Auszeit mit begrenzter Lebensdauer, die letztlich zu noch Schlimmerem führt: dem Karriereaus.

Der Zwischenfall vom 6. Januar 1994, sprich der hinterhältige Angriff auf Rivalin Nancy Karrigan, der Tonya ihre Laufbahn und ihren Lebensinhalt kostet, ist da nur noch das logische Ende einer angekündigten Entwicklung und löste eine regelrechte mediale Hexenjagd aus.

In „I, Tonya“ ist auch dieser süffisante Blick der Wohlhabenden und bequem in ihrer gesicherten Existenz installierten ein Thema für Regisseur Gillespie, das dem Film eine ganz aktuelle, sozialkritische Dimension gibt. Er inszeniert hart an der Grenze des emotional Erträglichen und vermag trotzdem allen Charakteren, allesamt richtige Verlierer in ihren Kleinlichkeiten, dennoch eine in ihrer menschlichen Unvollkommenheit liebenswerte Dimension zu verleihen, die, wenn schon nicht als Entschuldigung, zumindest als Erklärung für ihr Handeln und Scheitern fungiert.

Dabei mischt der Regisseur dokumentarische, reportageartige Sequenzen mit klassisch filmischer Erzählung, wobei er seine Figuren sogar den Zuschauer direkt ansehen und -sprechen lässt. Alles eigentlich Dinge, die ein Filmemacher tunlichst vermeidet, um das Publikum nicht aus seiner Identifikation zu reißen. Doch gerade das macht dann hier auch die Kraft der Geschichte: dass das Publikum ebenso machtlos wie Tonya selbst in ihrem Leben den finalen Absturz miterlebt.

Schauspielerin Margot Robbie (zuletzt und demnächst wieder Harley Quinn in „Suicide Squad) liefert in der Rolle der Eiskunstläuferin eine körperliche Meisterleistung – auch wenn beim dreifachen Axel der Computer nachhalf. Sie vermag es, der Figur eine schlüssige Glaubwürdigkeit zu geben. In der Rolle der Mutter steht die aus „West Wing“ bekannte Allison Janney in Gefühlskälte selbst der Eiskönigin aus dem Märchen in nichts nach und dürfte ebenso wie Robbie berechtigte Oscar-Chancen haben. Ein gewinnender Film, der den reinen Sportrahmen sprengt.