Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Filmkritik der Woche: Das Wendewunder
Kultur 1 2 Min. 19.10.2019

Filmkritik der Woche: Das Wendewunder

Flucht vor der Stasi. Fritzi wird mit der harten Realität des DDR-Überwachungsstaats konfrontiert.

Filmkritik der Woche: Das Wendewunder

Flucht vor der Stasi. Fritzi wird mit der harten Realität des DDR-Überwachungsstaats konfrontiert.
Kultur 1 2 Min. 19.10.2019

Filmkritik der Woche: Das Wendewunder

"Fritzi - eine Wendewundergschichte" ist ein wichtiger Familienfilm in Zeiten der Rückkehr von Grenzzäunen und -mauern .

„Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ erzählt die letzten Tage der DDR aus der Sicht der Kinder, und genau das macht den Animationsfilm interessant. Weltpolitik für Kinder, aber nicht nur für sie – der Streifen, der seit Mittwoch in den Kinos läuft, ist generationsübergreifend.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Koproduzent ist die Luxemburger Gesellschaft Doghouse Films, die zusammen mit deutschen, belgischen und tschechischen Partnern eine Erzählung über die Wende in einen spannenden Film gepackt hat. Nach „Pachamama“ und der Bedrohung von „Mutter Erde“ aus der Sicht der Inka-Kinder hat sich das Animationsstudio aus Differdingen in seinem zweiten Langspielfilm an eine der größten Zäsuren der jüngeren Weltgeschichte gewagt – die Öffnung der Grenzen zwischen Ost und West vor dreißig Jahren.

Dass damals die Erdkugel in zwei Lager aufgeteilt war, wird gleich zu Beginn des Films vermittelt: Diagonal durch die ersten Bilder verläuft ein vier Meter hoher Grenzzaun, und ein Militärfahrzeug prescht brutal hervor. Sirenen ertönen, Schreie, dann Schüsse. Vom Knall aufgeschreckt steigen Vögel hoch, es sind weiße Tauben, Friedenstauben, für die es keine Grenzen gibt. Sie fliegen nach Osten, lassen sich auf den Dächern einer naheliegenden Stadt nieder, auf die sich dann der Blick der Zuschauer richtet – die Erzählung nimmt ihren Lauf.

"Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ erzählt aus der Sicht eines zwölfjährigen Mädchens, wie vor 30 Jahren der Eiserne Vorhang fiel.
"Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ erzählt aus der Sicht eines zwölfjährigen Mädchens, wie vor 30 Jahren der Eiserne Vorhang fiel.

Leipzig, 1989. Fritzi und Sophie, beide zwölf Jahre alt, toben in einem Baumhaus. Sie tanzen, spielen Mundharmonika und singen einen alten Song der DDR-Band Karat. Es ist der letzte Abend vor Sophies Abreise. Mit ihrer Mutter will sie anderntags in den Urlaub nach Ungarn und überlässt deshalb ihrer Freundin ihren Hund Sputnik. Zwei Wochen später ist Schulanfang, doch die Bank neben Fritzi bleibt leer. Wie viele andere auch ist Sophie in diesem Sommer in den Westen geflohen. Auf der Suche nach ihrer Freundin gerät Fritzi in die Wirren der Wende.

In ihrem Animationsfilm zeigen die beiden Regisseure Ralf Kukula und Matthias Bruhn Facetten des Lebens in der ehemaligen DDR, von hässlichen als auch von schönen Seiten. Dabei sind die Dekore mehr als nur beliebiges Beiwerk. Das Kinderzimmer erinnert an die Jugendkultur des Ostens. Zu sehen sind ein Poster von der Sängerin Inka Bause aus Leipzig und ein Filmplakat vom DEFA-Kinderfilm „Moritz in der Litfaßsäule“. Von der Audiokassette ertönt derweil das Lied „Bis ans Ende der Welt“, ein alter Hit der Puhdys.


„Fritzi" zeigt Kindern, wie die Mauer fiel
Jugenddrama am Grenzzaun: Wie der Animationsfilm „Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ mit Luxemburger Hilfe deutsch-deutsche Geschichte für Kinder erzählt.

Natürlich fließen auch die ernsteren Themen in die Erzählung ein – die Friedensgebete in der Nikolaikirche, die Montagsdemos in der Innenstadt, die Abendnachrichten im Westfernsehen über die Flucht von DDR-Bürgern in die deutschen Botschaften von Budapest und Prag. Damalige Politiker wie Genscher, Honecker und Krenz tauchen in dem Animationsfilm auf. Besonders bewegend sind dabei die Sprechchöre der Demonstranten, da sie authentisch sind – ein Fotograf der DDR hatte sie damals heimlich aufgenommen.

Fritzi versucht den Hund Sputnik über die Grenze zu bringen.
Fritzi versucht den Hund Sputnik über die Grenze zu bringen.

Der Animationsfilm löst sich aber sehr stark von der Buchvorlage (siehe Artikel unten), wobei das Drehbuch den Streit der Eltern über Anpassung, Auflehnung oder Flucht, so wie er im Buch geschildert ist, leider nicht berücksichtigt. Dies hätte aber vor allem den Figuren des Vaters und der Mutter mehr Profil gegeben, beide haben im Film nur wenig Charakter und wirken eher wie Schablonen. Trotzdem ist der Film ein absolut empfehlenswerter Beitrag über die Wende und gerade in Zeiten des Wiederaufbaus von Mauern und der Rückkehr der Grenzzäune ein wichtiges Zeichen für die Völkerverständigung.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Zeitloses Kino ausgezeichnet
Über das Eigenleben einer abgetrennten Hand hat Jérémy Clapin das Kristall für den besten Animationsfilm beim Festival in Annecy gewonnen. Die Luxemburger Koproduktionen gingen leer aus. Rückblick auf das Festival.
Écran géant/Giant Screen (Pâquier): "Spider-Man : New Generation"/"Spider-Man: Into the Spider-Verse"
Filmfestival in Annecy: Luxemburger Koproduktionen gehen leer aus
"J'ai perdu mon corps" von Jérémy Clapin gewinnt den Preis für den besten Langspielfilm beim Festival des Animationsfilms in Annecy. Vier Luxemburger Koproduktionen waren in vier verschiedenen Kategorien selektioniert - sie gingen anders als im Vorjahr diesmal leer aus.
Film ab!
Jugendprogramm des Luxemburger Filmfestivals: Filme, die unterhalten, die aber auch zum Nachdenken anregen und die man einfach nur bewundern sollte.
Blick in die Trickkiste
Wie entsteht ein Zeichentrickfilm? Die fünfte Schulklasse aus Contern wollte mehr dazu erfahren und schickte zwei Schüler nach Differdingen in das Animationsstudio Doghouse Films.
Chefredakteur fir een Dag:Film Doghouse Pachamama.Foto:Gerry Huberty
Licht aus, Film ab
Elf Tage Filmfestival in Luxemburg, an denen es mehr als vierzig Mal heißen wird: Licht aus, Film ab. Am Donnerstagabend ist der Auftakt mit der Luxemburger Koproduktion "The Breadwinner".
Luxembourg City Film Festival: d’Virbereedungen fir d’Ouverture en Donneschdeg, le 20 Fevrier 2018. Photo: Chris Karaba
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.