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Filmkritik der Woche: „23, Pardon 24 Seelen wohnen, ach! in meiner Brust ...“
Kultur 1 3 Min. 25.02.2017 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik der Woche: „23, Pardon 24 Seelen wohnen, ach! in meiner Brust ...“

James McAvoy 
übt sich in „Split“ im verstörenden Spielregister.

Filmkritik der Woche: „23, Pardon 24 Seelen wohnen, ach! in meiner Brust ...“

James McAvoy 
übt sich in „Split“ im verstörenden Spielregister.
FOTO: UIP
Kultur 1 3 Min. 25.02.2017 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik der Woche: „23, Pardon 24 Seelen wohnen, ach! in meiner Brust ...“

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„Split“ ist ein typischer Shyamalan-Thriller mit allen Stärken und Schwächen, die dies vereint.

Von Vesna Andonovic

„Shyamalan ist seit jeher ein Filmemacher, den die Schnittstelle zwischen Realität und Absurdität interessiert“, hält der Filmdienst in seiner Besprechung von „Split“ fest. Leider nur rutschte der Regisseur, der mit „The Sixth Sense“ an sich ja einen Bilderbuchstart im Filmgeschäft hinlegte, daraufhin immer öfter in das zweite Register ab und landete dabei zuweilen auch ungewollt, wie u. a. in „After Earth“ im Lächerlich-Langweiligen.

Gebrochen scheint dieser Fluch, der seit längerem seine Karriere überschattet, nun mit „Split“ auch nicht wirklich, denn Shyamalan verfällt wieder in sein Lieblingsschema bedeutungsschwangere mystisch angehauchte Erklärungen mit klassischen Thrillerelementen mischen zu wollen und verliert so, wie so oft, den Blick für das große Ganze – und letzten Endes die Aufmerksamkeit und das Interesse des Zuschauers.

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„Split“ hätte an sich ein richtig spannender und packender Film sein können. Allein schon mit der Geschichte dreier Teenager, die vom augenscheinlich geistesgestörten Kevin gekidnappt werden und alles dransetzen, zu fliehen bevor in ihrem von multiplen Persönlichkeiten beseelten Entführer, eine noch furchterregendere, 24. in Erscheinung tritt: das „Biest“.

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass multiple Persönlichkeitsstörung im Zentrum eines Filmes steht: Man erinnere sich an James Mangolds „Identity“ aus dem Jahre 2003 mit John Cusack in der Hauptrolle, ein überaus spannender, intelligent gemachter Film.

Das Thema bietet somit zwar einen – vom Potenzial her – fruchtbaren Nährboden, doch verlangt es auch eine stetige Pflege, sprich vom Regisseur durchgehende Konzentration, um daraus etwas Glaubhaftes erwachsen zu lassen. Schnell fliegt man bei seiner Komplexität buchstäblich „aus der Kurve“ und landet entweder in der komfortablen und eintönigen Spur uninteressanter Reduktion oder aber im unwegsamen Terrain des Reißerischen, das nur die Oberfläche beleuchtet und nie in die Tiefe dieser Persönlichkeitsstörung hineindringt.

Stärken und Schwächen

Wo genau Shyamalan hineingerät, lässt sich am Ende auch nicht sagen: Tatsache ist jedoch, dass hat der Zuschauer erst einmal die Zusammenhänge der Geschichte verstanden, die filmisch eigentlich ganz sauber erzählt werden, verliert er immer mehr die Empathie und das Interesse für ihre Figuren. Das liegt wohl daran, dass der Regisseur u. a. mit seinem in Rückblenden erzählten Kindesmissbrauch-Aspekt und etwas unnuancierter Überleben-der-Stärksten-Grundlage statt spannende Graunuancen zu erforschen zu offensichtlich in Schwarz-Weiß-Malerei verfällt.

Mit Billy Milligan, der 1978 als erster Angeklagter in Amerika in seinem Vergewaltigungsprozess auf Unzurechnungsfähigkeit plädierte, weil er 24 Persönlichkeiten hatte – gibt es für Shyamalan, der wie gewohnt auch sein eigener Drehbuchautor ist, ein klinisches Fallbeispiel, das als handfeste Inspirationsquelle dient. Daniel Keyess‘ Buch „The Minds of Billy Milligan“ dürfte er mit Sicherheit gelesen haben, um daraus die Grundlage für sein „Split“ zu schöpfen.

Nur leider ist er als Erzähler nicht so gewandt, wie als Regisseur, und begeht seinen gewohnten Fehler, zu viele ablenkende Elemente in seine Geschichten zu packen. James McAvoy darf zwar, als Kevin, gleich mehrere Charaktere spielen und tut dies auch stimmig – doch auch er vermag nicht „Split“ vor einem Schluss zu retten, der entzaubernd überspitzt ist. Nach Hitchcock-Manier spielt Shyamalan die gewohnte Cameo-Rolle – als Concierge von Dr. Fletcher (Betty Buckley als etwas unnuancierte Therapeutin).

Dabei bringt Shyamalan auch gleich mehrere Referenzen zu seinem „Unbreakable“ unter. Dies erklärt sich dadurch, dass er die Figur des Kevin Crumb eigentlich bereits für diesen Film erfunden hatte, jedoch entschied, ihr später einen eigenen Film zu widmen. Der Blitzauftritt des alten Bekannten daraus, David Dunn, erweitert am Ende schlagartig den Kontext des Films und untermauert Shyamalans Absicht seine beiden gebrochenen Superhelden-Figuren in einem nächsten Film aufeinandertreffen zu lassen. „Split“ ist demnach ein echter Shyamalan – mit allen Stärken und Schwächen, die dies vereint.


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