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Filmkritik: Der Absturz von Amerikas Liebling
Kultur 1 2 Min. 18.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: Der Absturz von Amerikas Liebling

Verdient wurden die Darstellungskünste von Renée Zellweger mit einem Golden Globe geehrt: Als abgezehrte und vom Erfolg emotional und körperlich aufgebrauchte Judy vollbringt die Schauspielerin wahrhaftig einen körperlichen und mentalen Kraftakt.

Filmkritik: Der Absturz von Amerikas Liebling

Verdient wurden die Darstellungskünste von Renée Zellweger mit einem Golden Globe geehrt: Als abgezehrte und vom Erfolg emotional und körperlich aufgebrauchte Judy vollbringt die Schauspielerin wahrhaftig einen körperlichen und mentalen Kraftakt.
Foto: BBC Films
Kultur 1 2 Min. 18.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: Der Absturz von Amerikas Liebling

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„Judy“ zeichnet den Leidensweg der erfolgreichen Judy Garland nach – mit einer umwerfenden Renée Zellweger.

Die Yellow Brick Road, der das Mädchen Dorothy 1939 gemeinsam mit ihren Freunden in „The Wizard of Oz“ folgt, führt die junge Schauspielerin, die die Rolle des Mädchens aus Kansas weltberühmt macht, geradewegs an den Rand des Abgrunds: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Judy Garland abstürzt und am Erfolg, der sie zu Amerikas Liebling machte, zerschellt. 30 Jahre später ist der Traum vom Star nämlich vorbei: Judy Garland hat vier Scheidungen, drei Kinder, kein Dach über dem Kopf und Hunderttausende Dollar Schulden.

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Ein Engagement beim Londoner Theaterdirektor Bernard Delfont (Michael Gambon) für seine „Talk of the Town“-Show soll wenigstens die leidigen Geldprobleme lösen und Judy (Renée Zellweger) endlich ein gemeinsames Leben mit den beiden jüngeren Kindern ermöglichen, die kurzzeitig beim Ex-Mann, Showproduzent Sidney Luft (Rufus Sewell), untergekommen sind. Doch der Niedergang des einstigen Stars ist nicht mehr aufzuhalten.

Heutzutage würde das, was MGM-Chef Louis B. Mayer (Richard Cordery) mit seinem Kindstar Frances Ethel Gumm (Darci Shaw) macht, zweifelsohne als Missbrauch der übelsten Sorte gewertet werden: Judy hat nämlich Erfolg, aber weder Freunde, noch ein wahres Leben fernab des Rampenlichts.

Foto: BBC Films

Nicht nur das Date mit Co-Star Mickey Rooney (Gus Barry) auch Judys Geburtstagsparty ist werbegerecht inszeniert. Und während die Taschen des Studio-Bosses vom Erfolg des Mädchens mit der kristallklaren Stimme regelrecht gemästet werden, verkümmert sie körperlich und emotional.

Konventionelle Inszenierung

Pille statt Burger und French Fries, Pillen, um etwas Schlaf zu finden, Pillen, um wieder in (Top-)Form für 18-Stunden-Drehtage zu sein: Hinter der schönen Kulisse ist Amerikas Sweetheart bereits im Kindesalter ein Wrack. Bis sie selbst nur einen Ausweg sieht: an dieser toxischen Fassade festhalten und die innere Leere mit der Liebe des Publikums füllen, bis sie daran zerbricht.

Foto: BBC Films


Für sein Drehbuch, greift Tom Edge auf das Bühnenstück „End of the Rainbow“ des Autors Peter Quilter zurück und inszeniert ein erzählerisch überaus klassisches Werk. Der britische Regisseur geht dabei seine Hauptfigur mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Mitgefühl an – und verbirgt die Sympathie, die er für diese nicht vom Leben gebeutelte, sondern – schlimmer noch – von ihrem Umfeld ausgebeutete, talentierte junge Frau hat zu keinem Moment.

Und die eigentliche Subtilität des konventionell präsentierten Films offenbart sich dem Zuschauer erst beim zweiten Hinschauen – nämlich in dem Augenblick, wenn es ihm bei den Nahaufnahmen von Judys bzw. Zellwegers Gesicht dämmert, dass auch er Teil dieser Meute ist, die Berühmtheiten wie Garland durch ihre ganze Existenz hindurch jagt; und dabei die Grenze zwischen Realität und Traum verschwinden lässt.

Verdient wurde Judy-Garland-Darstellerin Renée Zellweger für den emotionalen und körperlichen Kraftakt (sie singt selbst!) mit dem Golden Globe als beste Schauspielerin ausgezeichnet, und auch ein Academy Award, für den sie nominiert ist, wäre durchaus angebracht.

Foto: BBC Films

Der Zuschauer muss wirklich ein zweites Mal hinschauen, um die ehemalige Bridget Jones unter der dunklen Kurzhaarperücke und mit falscher Nasenspitze in diesem von Essstörungen gezeichneten Körper wiederzuerkennen. Und die Frau spielt nicht nur hinreißend intensiv, sie kann auch noch singen!

Zwölf Tage nach ihrem 47. Geburtstag stirbt Judy Garland am 22. Juni 1969 einsam an einer Überdosis Schlaftabletten in London. „Somewhere over the Rainbow“, das Lied, das sie unsterblich machte, verkörpert heute noch für Millionen Menschen den Traum einer rosigeren Zukunft. 


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