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Filmkritik: "De Gaulle", Vater der Grande Nation
Kultur 1 3 Min. 20.06.2020

Filmkritik: "De Gaulle", Vater der Grande Nation

Ein ungewohntes Bild, das auf einer reellen Fotografie basiert, die der Regisseur auf einem Kaminsims platziert – so als ob er die Legitimität seines Films subliminal unterstreichen wolle: der „Général“ de Gaulle (Lambert Wilson) als Familienvater mit Ehefrau Yvonne (Isabelle Carré) und Tochter Anne, die 1928 in Trier mit dem Down-Syndrom zur Welt kam.

Filmkritik: "De Gaulle", Vater der Grande Nation

Ein ungewohntes Bild, das auf einer reellen Fotografie basiert, die der Regisseur auf einem Kaminsims platziert – so als ob er die Legitimität seines Films subliminal unterstreichen wolle: der „Général“ de Gaulle (Lambert Wilson) als Familienvater mit Ehefrau Yvonne (Isabelle Carré) und Tochter Anne, die 1928 in Trier mit dem Down-Syndrom zur Welt kam.
Kultur 1 3 Min. 20.06.2020

Filmkritik: "De Gaulle", Vater der Grande Nation

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Es schwingt eine gewisse Nostalgie mit – in jedem einzelnen der mit äußerster Sorgfalt ausgelegten Bilder von Gabriel Le Bomins „De Gaulle“. Dabei war der gebürtige Korse selbst gerade mal erst zwei Jahre alt, als die Hauptfigur seines Films am 9. November 1970 in Colombey-les-Deux-Eglises starb. Doch der „Général“ ist den Franzosen, was George Washington den Amerikanern ist: der Vater der modernen (Grande) Nation.

Erstaunlicher-, ja geradezu koketterweise beginnt Le Bomin seinen „De Gaulle“ mit ...einer Bettszene. Doch keine Angst, der aktuelle Bildersturm, der so manche Figur aus der Vergangenheit von ihrem steinernen Podest stößt – wobei bronzene Abbilder De Gaulles zwar gleich wiederholt, jedoch lediglich nur beschmiert wurden in Pavillons-Sous-Bois und Hautmont, – findet in den 108 Minuten, die folgen, nicht statt.

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Die intime Szene zwischen Charles (Lambert Wilson in all seiner schauspielerischen Souveränität) und Ehefrau Yvonne (Isabelle Carré, die trotz Zurückhaltung Profil entwickelt) gibt dennoch den Ton an: Denn es soll nicht nur die Geschichte des Übervaters des modernen Frankreichs erzählt werden, sondern auch die des Papas Nesthäkchens Anne, 1928 in Trier mit Down-Syndrom geboren.

Es ist die Figur des Mädchens, die der Film zwar gefühlvoll, aber dennoch für seine homöopathische Filmhagiografie instrumentalisiert und die der Ehefrau, die stellvertretend für die ganze Nation als Verkörperung der Marianne, aus ihrem Heim vertrieben mit den drei Kindern die Flucht vor den vorrückenden Deutschen antreten muss, die letztlich den Soldaten zum Mann machen. Und die Mischung aus Verherrlichung und Vermenschlichung gelingt dem französischen Regisseur erstaunlich gut, weil er die formale Qualität gewandt als Bindemittel für das Ganze nutzt.

Untypischer Held

De Gaulle ist dabei ein untypischer Heldencharakter, denn trotz Statur hat er zugleich auch etwas Unscheinbares – was ihn wiederum zur perfekten Identifikationsfläche für den Zuschauer macht. Denn auch Letzterer hätte die Schande der Kapitulation vor den Nazis nicht hingenommen und sich gegen ein ganzes, kriegsmüdes, politisches und militärisches Establishment gestellt, das darin den einzigen Ausweg sieht, – oder zumindest glaubt er das.

Die imposant-hagere, etwas schlaksige Gestalt, die ihn bereits zu Lebzeiten wie ein umherwandelndes Denkmal aussehen lässt, hat sich nicht nur in das französische kollektive Gedächtnis eingebrannt, sondern ist für ganz Europa zur symbolischen Verkörperung der Ve République geworden. De Gaulles BBC-Radio-Appell vom 18. Juni 1940 aus dem Londoner Exil an seine Landsleute, sich um ihn zu scharen und dem deutschen Joch zu widerstehen, ist dabei die „Stunde Null“ und gleichzeitig der Bruch mir der von Maréchal Pétain angeführten französischen Regierung in Bordeaux.

Das Problem mit den alten, weißen Männern

Der Film zeigt den Weg zu diesem historischen Moment – von April bis Juni 1940 – aus der Perspektive De Gaulles und des Landes, dargestellt durch das Erleben seiner Frau bzw. Familie.

Wenngleich er eine 80 Jahre alte Geschichte erzählt, die gestern von Präsident Macron in London feierlich begangen wurde, hat „De Gaulle“ eine erstaunliche politische und gesellschaftliche Aktualität. Denn die Frage, die er aufwirft, ist zeitlos: Wieweit muss bzw. soll – oder nicht – der Einzelne im Staatsapparat für eigene Überzeugungen einstehen?

De Gaulle, erst am 1. Juni 1940 zum General ernannt, ist hierbei nicht nur Außenseiter, sondern ironischerweise geradezu der ungestüme Revoluzzer, der eigenhändig Vorbilder stürzt. Selbst Kriegsveteran – er wurde im belgischen Dinant und in Verdun verwundet – nimmt er es mit dem „Sieger von Verdun“, Maréchal Pétain auf. Und hier zeigt sich, dass die sprichwörtlichen alten, weißen Männer nicht nur für Frauen, sondern auch für die nachrückenden Generationen des eigenen Geschlechts ein Hindernis darstellen.

Erstaunliche Aktualität

Lambert Wilson verkörpert den General mit fein distanzierter Losgelöstheit und ungelenker Eleganz – und klingt beim gefühlsbetonten Vorlesen von Charles’ Liebesbriefen fast wie Philippe Noirets Major Delaplane in „La vie et rien d’autre“. So, als ob er sich ständig eine historische Legitimität geben müsste, achtet der Regisseur auf historische Genauigkeit und vermeidet dabei dennoch nicht ganz Bilder, die klischeehaft wirken – wie beispielsweise die unendlichen Kolonnen der Flüchtenden auf den Landstraßen Frankreichs.

Vor dem Hintergrund der Corona-Virus-Pandemie bietet der Film aber eine unverhoffte Gelegenheit zu überdenken, welche politischen und vor allem menschlichen Qualitäten jeder eigentlich von (s)einem Staatsmann erwartet. „Pétain est un étendard, il rassure les Français“, legt das Drehbuch dem damaligen französischen Ministerpräsidenten Paul Reynaud (Olivier Gournmet) in den Mund und fasst gekonnt die wichtigste Lektion des Films zusammen: Zukunft ist immer etwas Unsicheres, ob das eine Chance und eine Gefahr ist, liegt allein in der eigenen Perspektive. 

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