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Filmkritik: „All You Need is Love“
Kultur 1 3 Min. 29.06.2019 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: „All You Need is Love“

Jack (Himesh Patel) ist plötzlich ein Superstar – doch das ist kein Zuckerschlecken.

Filmkritik: „All You Need is Love“

Jack (Himesh Patel) ist plötzlich ein Superstar – doch das ist kein Zuckerschlecken.
Foto: Universal Pictures International
Kultur 1 3 Min. 29.06.2019 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: „All You Need is Love“

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Oscar-Preisträger Danny Boyle lässt auf der großen Leinwand große Träume wahr werden und bekennt sich klar zu einem geradezu schamlos positiven Weltbild. Mit „Yesterday“ liefert er eine Liebeserklärung an die Beatles und ein Glaubensbekenntnis an das Gute.

Zwei Seelen wohnen in Danny Boyles Brust: Die eine hält sich an die Aufforderung, die Dantes Höllentor ziert, hat alle Hoffnung fahren gelassen und betrachtet die Existenz in all ihrer schonungslosen Misere; die andere ist trotz aller Probleme und Unzulänglichkeiten ein unverbesserlicher Träumer, der unerschütterlich an seinem Glauben festhält, dass am Ende jeder Geschichte Liebe, Freundschaft, Wahrheit – kurz das Gute siegt.

Und beide lassen sich am einfachsten durch zwei Szenen verdeutlichen, die in der umfassenden Filmografie des Briten, Jahrgang 1954 und Oscar-Preisträger für „Slumdog Millionaire“, einfach auszumachen sind: Zwischen Renton (Ewan McGregor), der 1996 in „Trainspotting“ aus der schmutzigsten Toilette Schottlands kriecht und dem glücklosen Musiker Jack Malik (Himesh Patel), der in Boyles neuem Film „Yesterday“ – unrechtmäßig – zum Weltstar aufsteigt und vor einem Millionenpublikum im Wembley-Stadion sein öffentliches Mea culpa ablegt, scheinen aber nur auf den ersten Blick Welten zu liegen. Denn beide verbindet der wohlwollend empathische Blick des britischen Regisseurs, der auch die Perspektive des Zuschauers in dieselbe Richtung lenkt. 

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Who the f*** are the Beatles?

Schwer fällt dies nicht, denn Jack, der statt einer sicheren Lehrerlaufbahn beharrlich eine erfolglose Musikkarriere verfolgt und dafür eine Halbtagsstelle als Supermarktangestellter auf sich nimmt, besitzt bereits vorab den Sympathiebonus des liebenswerten Losers beim Publikum, den dieses mit seiner Schulfreundin und Hobbymanagerin, der Mathelehrerin Ellie (Lily James), die auch noch tiefere Gefühle für ihn hegt, teilt.


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Und dann findet Jack sich nach der geradezu märchenhaften Fügung einer weltweiten Strompanne und eines Verkehrsunfalls, der ihn zwei Vorderzähne kostet und den Spott seines kleinen Freundeskreises einbringt, plötzlich in einer Welt wieder, in der scheinbar niemand je etwas von den vier Pilzköpfen aus Liverpool gehört hat. Als selbst die allwissende Onlinesuchmaschine bei „Beatles“ lediglich Käfer ausspuckt, beschließt Jack, sich „Let it Be“, „All You Need is Love“, „Hey Jude“ und alle Hits, an die er sich noch erinnert, anzueignen.

Ab da ist der Hype um dieses über Nacht bekannt gewordene Musikgenie Jack Malik nicht mehr aufzuhalten. Doch auf dem Weg zum planetaren Ruhm bleiben nicht nur Jacks Prinzipien auf dem Weg, sondern auch noch die treue Ellie und die wundervoll spießbürgerlichen Eltern. Ist Jack wirklich bereit, am Ende diesen Preis für den Erfolg zu bezahlen – und seine Seele zu verkaufen?

Ein Hoch auf die Kreativität

Schnell ist dem Zuschauer bei „Yesterday“ klar: Dieser Film ist nicht nur eine Hommage an das musikalische Genie von John, Paul, George und Ringo, es ist auch eine Liebeserklärung an künstlerische Kreativität, die Wichtigkeit, die sie in unser aller Leben einnimmt, und zuletzt nicht auch das Glaubensbekenntnis daran, dass der Mensch im Grunde – wie Goethe so schön dichtete – edel, hilfreich und gut ist – oder es zumindest sein sollte. Kombiniert ergibt dies ein Feelgood-Movie, das ganz ohne schlechtes Gewissen auch eine gewisse Sentimentalität, deren Blauäugigkeit nicht kitschig, sondern – genau wie die Figuren – liebenswert wirkt, zulässt. 

Foto: Universal Pictures International

Ein geradezu schamlos positives Weltbild

Wenn Jack beim fieberhaft erwarteten Plattenrelease auf dem Dach eines britischen Mittelklassehotels sein „Help Me“ ins Mikro brüllt, ist dies eine erfrischend menschliche Variation des voyeuristischen „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“, mit dem Reality-TV skrupellos niedere Instinkte anpeilt.

Und genau darin zeigt das Kino von Danny Boyle, dessen Können und Erfahrung ihm erlauben, Stimmungen perfekt zu dosieren, auch seine Stärke: Auf der großen Leinwand lässt er große Träume wahr werden und bekennt sich klar zu einem geradezu schamlos positiven Weltbild.

Zur fein hinzugemischten Ironie (herrlich, wenn Jack seinen Eltern „Let it Be“ vorspielen will!) gesellt sich dann auch noch eine Prise Showbiz-Selbstironie durch das Cameo des Weltstars und bekennenden Beatles-Fans Ed Sheeran, der sich hier – „Amadeus“ lässt grüßen – als zweitklassiger Salieri dem Musikgenie Malik beugen muss.

Ohne zu spoilern sei dann auch noch verraten, dass auch die Beatles auf der Leinwand eine wichtige Rolle spielen – nur eben überhaupt nicht so, wie man es sich erwartet hätte. Auch das fällt klar in die Kategorie „Wenn man etwas kann“ ... Hut ab, Danny Boy(le)!


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