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Filmisches Stoßgebet
Kultur 1 4 Min. 24.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Filmisches Stoßgebet

Stark im Ausdruck: In seiner ersten Hauptrolle überzeugt der junge Darsteller Anthony Bajon von der ersten 
Minute des Films an – und bekam dafür den Darstellerpreis bei der Berlinale.

Filmisches Stoßgebet

Stark im Ausdruck: In seiner ersten Hauptrolle überzeugt der junge Darsteller Anthony Bajon von der ersten 
Minute des Films an – und bekam dafür den Darstellerpreis bei der Berlinale.
FOTO: LES FILMS DU WORSO/C. BETHUEL
Kultur 1 4 Min. 24.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Filmisches Stoßgebet

Bei "La prière" haben unsere Kulturredakteure Vesna Andonovic (vac) und Daniel Conrad (dco) genauer hingeschaut. Wie religiös ist der Streifen wirklich?

von Vesna ANDONOVIC und Daniel CONRAD

In dem abgelegenen, kirchlichen Berghof soll eine neue Zukunft endlich gelingen: Thomas – 22, drogenabhängig, fast untherapierbar – wird in das spartanische Leben zwischen Arbeit, Entzug und Gebet geworfen. Ein harter Kampf um eine echte Perspektive beginnt. Geht das Thema im Film von Cédric Kahn auf?

dco: Ernsthaft, Vesna, der Film weiß doch eigentlich nicht, was er will! Einerseits ist „La prière“ ein Junkie-Porträt, andererseits ein Eintauchen in die Gemeinschaft und Kameradschaft dieses kirchlich geführten Therapie-Werkhofs, in dem Thomas clean werden soll; dann ist er ein Film über Seelsorge und die Macht des Gebets, ein schillernder Bergfilm und eine Wundergeschichte. Man könnte doch fast alles davon unterschreiben. Was hältst du davon?

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vac: Also mich stört das auch richtig, Daniel: Dieser Wankelmut in der Ausrichtung. Vor allem aber stört mich, wenn man einen Film „La prière“ nennt und ich dabei als Zuschauer das Gefühl habe, dass der religiöse Aspekt eigentlich nur eine bedeutungsschwangere, doch nicht wirklich ausgelotete Kulisse ist. Für mich ist der Film auch eher ein Werk über die Macht und Dynamik der Sucht als über den Glauben oder die Gemeinschaft, die dem Einzelnen Kraft verleiht: Thomas wechselt eigentlich einfach nur sein Rauschmittel – von den Drogen zum Glauben und am Ende vielleicht zur Liebe.

dco: Sind das lediglich also nur andere Formen der Abhängigkeit, denen er über den Film hinweg verfällt? Das würde ich so nicht beschreiben. Ich würde das eher als „Suche nach Halt“ bezeichnen. Thomas sucht nach Ankerpunkten, die seinem Leben Struktur und eine Art Berufung geben; ob das in der Gemeinschaft auf diesem Therapiehof, im Glauben oder in der Liebe und Selbstaufgabe an eine Frau. Und was das Thema des religiösen Aspekts als „nicht wirklich ausgelotete Kulisse“ angeht: Dagegen sprechen doch schon die Passagen, in denen alle Bewohner des Hofs ihre Hoffnung an den Glauben ausdrücken. Oder die Wundererfahrung von Thomas und sein Dialog mit Hanna Schygulla als fast mystische Obernonne Schwester Myriam ...

Verfahrene Regie, aber ein wunderbarer Hauptdarsteller

vac: Und genau diese Wundererfahrung und Schygulla als mystische Obernonne – so einleuchtend sie auch aus Thomas‘ (subjektiver) Sicht scheinen mögen – sind es, die für mich als Zuschauer die Glaubwürdigkeit des Ganzen in Frage stellen – und den Glauben zur Kulisse machen. Denn letztlich den Film „La prière“ zu nennen, nur weil das Gebet mit der Nonne für Thomas den Moment des emotionalen Loslassens zusammenfasst, reicht mir persönlich nicht aus. Und Regisseur Cédric Kahn hätte das Wundererlebnis beliebig auch zu einem Fallschirmsprung oder einem Sonnenaufgang nach durchzechter Nacht machen können. Kahn gibt dem Film zwar anfangs eine Dynamik und Struktur, verliert aber irgendwie schnell das Interesse daran und lässt das so vor sich herdümpeln.

dco: Letztlich ist das ein Problem einer insgesamt verfahren wirkenden Regie: Als zwölfter Streifen von Kahn, der gerade mit seinen ersten Langspielfilmen wie „Bar des rails“, „Trop de bonheur“ und „L’ennui“ auf den Festivals für Aufmerksamkeit sorgte, könnte man ihm also durchaus den Vorwurf machen, nicht fokussiert genug zu sein. Und doch nimmt einen die Figur des Thomas schon mit. Das liegt vor allem an der darstellerischen Leistung von Anthony Bajon ...

vac: Also in diesem einem Punkt sind wir uns sicher einig: Der Darstellerpreis für den französischen Nachwuchsschauspieler bei der letzten Berlinale ist mehr als verdient! Bajon spielt den drogenabhängigen Thomas nicht nur mit einer wahnsinnigen Leinwandpräsenz, sondern trägt durch die Intensität und Aufrichtigkeit seines „à fleur de peau“-Spiels den gesamten Film – und seine zuweilen doch etwas dick aufgetragene Handlung – auf seinen Schultern. Die zentrale Frage ist nämlich: Wäre der Film auch ohne Bajon so fesselnd geworden. Und die Antwort aus meiner Sicht ist da ein klares: Nein! Oder nicht?

dco: Da gebe ich dir recht. Der Film überzeugt dank ihm. Was mir allerdings noch positiv auffällt, ist weit jenseits der dick aufgetragenen Handlung der Mut der Kamera von Yves Cape zu langen Bildern und Sequenzen. Die aufgezeichnete Anstrengung der Arbeit auf dem Hof, der Aufstieg der Gemeinschaft in das Bergmassiv, oder auch das Einfangen von kleinen Gesten und den eng begleiteten Konflikten zwischen den Figuren – rein aus dem technischen Blickwinkel ist „La prière“ einfach schön anzusehen – so hab ich den Film zumindest gesehen.

vac: Ja, das ist er – Capes Bildkompositionen geben dem Film letztlich nicht nur diese Tiefe und Vielschichtigkeit, die er in seiner Erzählung nicht zu erreichen vermag, sie machen ihn neben Anthony Bajons schauspielerischer Leistung auch zu einem sehenswerten Werk. Und am interessantesten finde ich dabei die Schlusssequenz, bei der der Film eigentlich den Zuschauer dazu bringt, etwas ganz Intimes über sich selbst zu verraten – was das genau ist, wird aber hier natürlich nicht gespoilert ...