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Filmischer Maßanzug für Huppert
Kultur 1 2 Min. 10.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Filmischer Maßanzug für Huppert

Bertrand (Gaspard Ulliel, l.) und die Prostituierte Eva wagen ein Spiel – am Roulettetisch und im Bett.

Filmischer Maßanzug für Huppert

Bertrand (Gaspard Ulliel, l.) und die Prostituierte Eva wagen ein Spiel – am Roulettetisch und im Bett.
FOTO: MACASSAR PRODUCTIONS / G. FERRANDIS
Kultur 1 2 Min. 10.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Filmischer Maßanzug für Huppert

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Unsere Filmkritik der Woche: Auch wenn "Eva" die Berlinale-Kuratoren zu einer Auswahl in den Hauptwettbewerb überzeugte, ist der Streifen mit Isabelle Huppert als Edelprostituierte nur was für Fans des französisschen Topstars.

„Eva“ – schon beim Namen schwingt die Verführung mit. Und Benoît, Bertrand oder auch die Kuratoren des Berlinale-Hauptwettbewerbs konnten dieser Versuchung nicht widerstehen. Benoît? Regisseur Benoît Jacquot weidet sich geradezu in 100 Minuten an der von James Hadley Chase adaptierten und von ihm auf die Leinwand gebrachten Geschichte um eine Edelprostituierte, in die sich eine seiner künstlerischen Musen, Isabelle Huppert, verwandelt.

Es ist bereits die sechste Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur – in diesem Fall auch Ko-Drehbuchautoren – und dem Top-Kinostar Frankreichs; den Luxemburgern wird sicher noch ihr gemeinsamer, 1998 für den Hauptwettbewerb der Filmfestspiele in Cannes ausgewählter Streifen „L'école de la chair“ in Erinnerung geblieben sein, den die heimische Filmfirma Samsa damals koproduzierte.

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Nur eben spielt Huppert diesmal nicht die Frau, die einen jüngeren Stricher aushält, sondern gibt die gefühlt doppelt so alte Hure, in die sich der junge Bertrand vernarrt – und von ihr nicht loskommt. Bertrand? Ein junger Hochstapler, gespielt von Gaspard Ulliel – eigentlich ein Callboy, der erst das fertige und herausragende gute Drama-Manuskript eines Kunden, der verstirbt, stiehlt und dann die Lorbeeren dafür einheimst.

Der Erfolg des Theaterstücks wird seine Eintrittskarte in die höhere Gesellschaft. Und mit Caroline, seiner Verlegerin und Tochter aus höherem Hause, mit der er eine Beziehung eingeht, könnte es ein perfektes Leben werden. Doch als er die Prostituierte Eva mit einem ihrer Kunden im verschneiten Alpen-Chalet von Carolines Familie erwischt, prallen diese zwei vorgeschobenen Identitäten aufeinander: die der Hure und des betrügerischen Schriftstellers.

Eine unmögliche Liebe

Warum haftet sich Bertrand plötzlich an diese Frau, wenn er doch sonst alles erreicht hat? Ist es, weil er selbst schon den Abgrund spürt? Weil sich immer weniger erklären lässt, warum er kein weiteres Stück schreiben kann? Bei aller Vertrautheit fallen die Masken des Hochstaplers und seiner Femme fatale lange nicht. Der Film lotet das Bröckeln dieser Fassaden für den Zuschauer aus, spielt mit der Lust am Frust und der stetigen Enttäuschung – weil echte Liebe ohne Authentizität zum Scheitern verurteilt ist.

Das Thema des Films sind die Lebenslügen, der Schein, hinter dem die Abgründe lauern – und selbst, als sich die Fassaden auch für die Protagonisten auflösen, scheitert diese Beziehung durch das Gefangensein beider in der „normalen“ Rolle. Diese Unmöglichkeit der Liebe erzählt Jacquot so ausladend, dass der Film sich in den von der Kamera gebannten Gesichtern verliert. Und das wirkt auf die Dauer – außer für absolute Huppert-Fans – als Belastung.