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Feldmaus Frederick sammelt seit 50 Jahren Farben
Kultur 3 Min. 11.11.2017 Aus unserem online-Archiv
Kinderbuchklassiker

Feldmaus Frederick sammelt seit 50 Jahren Farben

Entspannte Feldmaus: Frederick wird 50
Kinderbuchklassiker

Feldmaus Frederick sammelt seit 50 Jahren Farben

Entspannte Feldmaus: Frederick wird 50
Foto: Beltz & Gelberg Verlag
Kultur 3 Min. 11.11.2017 Aus unserem online-Archiv
Kinderbuchklassiker

Feldmaus Frederick sammelt seit 50 Jahren Farben

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
"Herr, es ist Zeit - der Sommer war sehr groß." Rainer Maria Rilkes Gedicht "Der Herbsttag" hat der italienische Weltbürger Leo Lionni in ein Meisterwerk der Kinderbücher des 20. Jahrhunderts verwandelt. Eine Hommage.

(KNA) In freier Wildbahn hat die gemeine Feldmaus (Microtus arvalis) eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa neun Monaten. Die Ausnahme: Frederick, Kinderbuchheld von Leo Lionni, wird in dieser Erntezeit 50 Jahre alt - und er ist so lebendig und lebenskundlich wie eh und je. 

Die Feldmaus gehört zur Unterfamilie der Wühlmäuse. Sie ist ein tapferer Arbeiter und gehört zu den häufigsten Säugetieren in Mitteleuropa. Im Winter bildet sie zumeist unterirdische Nestgemeinschaften. Damit ist aus biologischer Sicht der Erzählrahmen des Kinderbuchklassikers "Frederick" abgesteckt. Literarisch ist der Plot weniger profan, sondern voller Poesie. 

Frederick, eine Feldmaus mit freundlichem Schlafzimmerblick, lebt mit seinen Verwandten in einer alten Mauer auf einem verlassenen Bauernhof. Im Spätsommer sammeln alle schon eifrig Vorräte für den Winter - nur Frederick nicht. Warum bloß sitzt er die ganze Zeit herum? Eine faule Maus? Eine Zeitlang schaut sich die Familie das an - dann stellt sie ihn zur Rede. Verträumt antwortet Frederick, er sammele Sonnenstrahlen, Farben und Wörter für kalte, graue und lange Wintertage. 

Eine rätselhafte Antwort. Denn Lichtmangel-Depression oder Winterdepression (kurz SAD) war - obschon bereits in der Antike von Hippokrates beschrieben - vor 50 Jahren noch nicht wirklich Thema. Heute weiß man: Neben bedrückter Stimmung, Reduzierung des Energieniveaus und Ängstlichkeit kommen bei SAD für Depressionen untypische Symptome wie Kohlenhydrat-Heißhunger und größeres Schlafbedürfnis hinzu. 

Lange jedenfalls kommen die Mauermäuse mit ihren Vorräten durch den Winter. Doch zum Ende wird es eng. Nun schlägt die Stunde von Frederick; nun sind seine Vorräte dran. All die Sonnenstrahlen, die er gesammelt hat, sorgen im Nest für wohlige Wärme. Seine Farben lassen den grauen Spätwinter weniger trist erscheinen, und am Ende reimt er sogar seine warmen Worte. Die Familie ist begeistert: "Frederick, du bist ja ein Dichter!" - "Ich weiß es, ihr lieben Mäusegesichter." 

Das Buch trifft in den bewegten Spät-60er Jahren einen Nerv. So farbig, so poetisch - das wird in Zeiten jugendgefährdender Schriften und umstrittener TV-Experimente wie der "Sesame Street" als pädagogisch besonders wertvoll eingestuft. Die ehrwürdige National Education Association in den USA nimmt "Frederick" vom Start weg in die Top 100 der Kinderbücher auf. 

Ein kosmopolitisches Multitalent: Leo Lionni

Fredericks Schöpfer, Leo Lionni (1910-1999), war ein Weltbürger. Als Sohn eines jüdischen Diamantschleifers und einer Opernsängerin in Amsterdam geboren, zog er mit seinen Eltern schon mit 12 Jahren nach Philadelphia und kam 1925 mit einigen Umwegen nach Italien. Mit 15 Jahren sprach er fünf Sprachen. Begeistern aber konnte er sich vor allem für Kunst. Sein Vater sah ihn freilich in der Wirtschaft - und so wurde er, 25-jährig, eher wider Willen mit einer volkswirtschaftlichen Arbeit über den Diamantenhandel promoviert. 

Doch Lionnis Liebe gehörte der Malerei und Grafik, näherhin den avantgardistischen Ideen des Futurismus. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wanderte er 1939 in die USA aus und reüssierte bald als innovativer Grafiker für Zeitschriften und Magazine sowie als Unternehmensdesigner. 1945 erwarb Lionni die US-Staatsbürgerschaft - doch trotz seines großen wirtschaftlichen Erfolgs kehrte er 1962 als Künstler nach Italien zurück. 

Zuvor erschien 1959 mit "Das kleine Blau und das kleine Gelb" sein erstes Kinderbuch. Das abstrakte Werk handelt von Toleranz und Freundschaft und wurde von der Kritik hoch gelobt. Weitere Erfolge in rascher Folge waren "Stück für Stück", "Swimmy" - ein Buch über Mut und Ideenreichtum im großen Meer - und "Alexander und die Aufziehmaus". Für seine Bücher wurde Lionni vielfach ausgezeichnet, etwa 1964 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für "Swimmy". 

Seine letzten Lebensjahre verbrachte der vielbegabte Künstler, parkinsonkrank, in seinem Haus am Golf von Genua und in New York. 1998 erschien seine Autobiografie "Zwischen Zeiten und Welten". Lionni starb mit 89 Jahren in Radda in Chianti. Sein Frederick lebt noch heute - und hilft kleinen und großen Menschen durch den Winter.