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Facebook und Co.: Der digitale Albtraum ist Realität
Kultur 2 3 Min. 04.08.2019

Facebook und Co.: Der digitale Albtraum ist Realität

Der New Yorker Medien-Professor David Carroll ist eine der zentralen Figuren der Dokumentation: Er zog aus seine persönlichen Daten von Cambridge Analytica einzuklagen – vergeblich. Die Materialisierung der Daten, die jeder Mensch geradezu überall durch sein Handy oder die Nutzung von Kreditkarten hinterlässt, als kleine Kästchen, ist eine der visuellen Stärken der Dokumentation.

Facebook und Co.: Der digitale Albtraum ist Realität

Der New Yorker Medien-Professor David Carroll ist eine der zentralen Figuren der Dokumentation: Er zog aus seine persönlichen Daten von Cambridge Analytica einzuklagen – vergeblich. Die Materialisierung der Daten, die jeder Mensch geradezu überall durch sein Handy oder die Nutzung von Kreditkarten hinterlässt, als kleine Kästchen, ist eine der visuellen Stärken der Dokumentation.
Foto: Netflix
Kultur 2 3 Min. 04.08.2019

Facebook und Co.: Der digitale Albtraum ist Realität

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Die Netflix-Produktion „The Great Hack“ leuchtet den Cambridge-Analytica-Skandal aus und zeigt dabei wie gefährlich die Nutzung digitaler Daten auf politischer Ebene für die Demokratie sein können. Ein Film, der aufhorchen lassen muss - auch wenn er nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

„Danke für alle Mitteilungen bezüglich #TheGreatHack. Ich hatte nicht erfasst, wie groß Netflix ist – 190 Länder, 22 Sprachen – & habe ein Jahr lang meine Teilnahme daran verweigert. Aber es ist fantastisch die entsetzten Reaktionen von überallher (Gaza! Uruguay!) heute morgen zu lesen“, twittert am Sonntagmittag Carole Cadwalladr und fügt das Emoji einer schlagenden Faust hintendran.  Die Journalistin, Jahrgang 1969, arbeitet beim „The Observer“, Schwesterpublikation von „The Guardian“, und machte einer breiten Leserschaft in ihrem am 18. März 2018 ebenfalls in „The New York Times“ veröffentlichten Artikel über den Whistleblower Christopher Wylie den Cambridge-Analytica-Skandal bekannt. 

  Im 20. Jahrhundert war Wissen Macht, im 21. Jahrhundert ist es eine Waffe – die längst mit scharfer Munition geladen ist.  

Die Netflix-Dokumentation „The Great Hack“ zeigt nun auf, wie ein spielerischer Persönlichkeitstest, den Aleksandr Kogan von der Cambridge University entwickelte, letzten Endes zur Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Brexit führen konnte. Dabei lässt sie unterschiedliche Protagonisten wie u. a. Cadwalladr selbst, sowie den New Yorker Medien-Professor David Carroll, der auszog seine persönlichen Daten von Cambridge Analytica einzuklagen, deren ehemalige Mitarbeiterin Brittany Kaiser oder Whistleblower Wylie zu Wort kommen. 

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Zudem wird am Rande ebenfalls die zwielichtige Rolle von Breitbart-News-Gründer und Trump-Berater, Steve Bannon beleuchtet. So erfährt der Zuschauer (der es trotz der damaligen Berichterstattung vielleicht noch nicht wusste oder mitbekommen hat), dass nicht nur Daten von 300 000 Menschen, die Kogans App herunterluden, sondern ebenfalls ihre Facebook- Informationen, sowie die ihrer Freunde – ohne deren Zustimmung! – gesammelt und diese Daten von Millionen Nutzern später mit Cambridge Analytica geteilt wurden.


(FILES) In this file photo taken on July 04, 2019 shows the logo of the US online social media and social networking service, Facebook. - US regulators are expected to unveil July 24, 2019, a settlement with Facebook -- a reported $5 billion fine that might be the least painful part of the agreement for the social network. (Photo by LOIC VENANCE / AFP)
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Fünf Milliarden Dollar sind eine Menge Geld - aber für Facebook als Strafe für Datenschutz-Vergehen leicht zu verdauen. Zugleich setzte die FTC aber für die nächsten 20 Jahre Datenschutz-Kontrollen durch.

Obwohl letztere angehalten wurden, alles zu löschen, taten sie es nicht. Sondern nutzten sie, um Kunden wie der Trump- oder der Leave.Eu-Kampagne zu gezielter Werbung zu raten, die Bürger vor den betreffenden Abstimmungen letztlich beeinflusste. 

Eindringliche Warnung und zwei wichtige Lehren 

Die Schlussfolgerung ist ebenso klar, wie brutal: War im 20. Jahrhundert Wissen Macht, so ist es im 21. Jahrhundert zur Waffe geworden – die längst mit scharfer Munition geladen ist und jeden einzelnen Menschen im Visier hat. Digitale Daten privater Natur werden zu gezielter politischer Manipulation genutzt. Die 113 Minuten lange Dokumentation ist ein böses Erwachen für all jene, deren Glaube an den technischen Fortschritt und das Gute, das er der Menschheit über soziale Netzwerke bringen sollte, bislang unerschütterlich war. 

Sie sollte jedoch nicht als der Weisheit letzter Schluss, sondern eher als ein dringend notwendiger Warnschuss verstanden werden. Dass die Zielführung der Filmemacher klar und ihre Argumentation zuweilen etwas schulmeisterlich aufgebaut ist, dürfte die Wirkmacht von „The Great Hack“ dabei etwas abschwächen.


Ein gefährlicher Freund
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Zudem legt der Film die Gefahr des Ge- und Missbrauchs digitaler Daten, für westliche Demokratien zwar einerseits dar, vermag dabei aber nicht wirkliche ihre Reflexion soweit zu führen, dass mögliche Lösungsansätze aufgezeigt werden können. Zwei wichtige Lehren, die der Zuschauer aus der Dokumentation von Karim Amer und Jehane Noujaim ziehen sollte, gibt es dennoch: Zum einen, dass eine gesunde Portion Misstrauen stets mit einer selbigen des Menschenverstands einhergehen sollte; zum anderen, dass es dringend eines institutionellen, sprich politischen Rahmens bedarf. 

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Wer sich tiefgründiger mit der Thematik beschäftigen will, sollte sich auch Cadwalladrs TED Talk vom 16. April über die Rolle Facebooks in der Brexit-Abstimmung auf YouTube anschauen. In der Szene – die ebenfalls in „The Great Hack“ zu sehen ist –, in der sie „die Götter von Silicon Valley: Mark Zuckerberg, Sheryl Sandberg, Larry Page, Sergey Brin und Jack Dorsey“ zum Handeln aufruft, scheint sie wie eine neuzeitliche Kassandra, die stetig warnt, jedoch nicht gehört wird. 


(FILES) In this file photo taken on May 1, 2018 Facebook CEO Mark Zuckerberg speaks during the annual F8 summit at the San Jose McEnery Convention Center in San Jose, California. - Facebook is leaping into the world of cryptocurrency with its own digital money, designed to let people save, send or spend money as easily as firing off text messages."Libra" -- described as "a new global currency" -- was unveiled June 18, 2019 in a new initiative in payments for the world's biggest social network with the potential to bring crypto-money out of the shadows and into the mainstream. Facebook and an array of partners released a prototype of Libra as an open source code to be used by developers interested in weaving it into apps, services or businesses ahead of a rollout as global digital money next year. (Photo by JOSH EDELSON / AFP)
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Dass sie die Betroffenen unberührt lässt, dürfte inzwischen klar sein; sie sollte aber umso deutlicher von Bürgern aus aller Welt gehört werden. Denn wenn hier eine ebenso dynamische Reaktion entsteht wie bei den Kommentaren über Twitter, sieht die Zukunft ein Stückweit weniger düster aus. Schlimmstenfalls lässt „The Great Hack“ den Zuschauer in Überwachungsparanoia verfallen, bestenfalls ermutigt sie ihn zum bewussteren und wachsameren Umgang mit den eigenen Daten, und schärft dabei sein kritisches Denken und Hinterfragen.

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 „The Great Hack“ ist seit dem 24. Juli auf Netflix verfügbar.