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Erinnerung an Primo Levi: die Welt nach Auschwitz ordnen
Kultur 2 3 Min. 31.07.2019

Erinnerung an Primo Levi: die Welt nach Auschwitz ordnen

Kultur 2 3 Min. 31.07.2019

Erinnerung an Primo Levi: die Welt nach Auschwitz ordnen

Vor 100 Jahren wurde der Chemiker und Autor Primo Levi geboren. Mit seinem KZ-Bericht "Ist das ein Mensch?" fand der Holocaust-Überlebende auch literarischen Ruhm.

Dabei war das Schreiben wie die Naturwissenschaft für ihn eine Methode, der Welt ein Deutungsraster zu geben. Rom (KNA) Worte waren wichtig, überlebenswichtig. Die richtige Antwort auf eine Frage, einen Befehl, die Kenntnis des Jargons von Wachen und Häftlingen, das Wissen, wann es geboten war, zu reden oder zu schweigen - in Auschwitz entschied es über Untergang und Bestand, wenigstens für den Augenblick. 

Und Sprache war Zuflucht: die große, hohe Sprache von Dantes "Göttlicher Komödie" oder der Bibel, selbst wenn das Große und Hohe für sich genommen vielleicht gar nicht existierte, eher nur einen Hohlraum hinterlassen hatte, der zu füllen war mit dem eigenen Zeugnis, dem Zeugnis eines Primo Levi. 

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Weil es Auschwitz gab, konnte es keinen Gott geben. Das war die nüchterne Folgerung Levis, des Überlebenden, des Naturwissenschaftlers, des Schriftstellers. Jedenfalls fand er keine Lösung für dieses Dilemma. "Ich suche, aber ich finde sie nicht", bekannte Levi. Für ihn blieb es eine brüchige Existenz - brüchig, weil das Konzentrationslager zeigte, zu welcher Entmenschlichung der Mensch fähig ist. Levi überlebte, aber er lebte auf dünnem Boden, bis er, unter nie geklärten Umständen, am 11. April 1987 in seinem Wohnhaus drei Etagen tief zu Tode stürzte. 

Italien ehrt seinen großen Zeitzeugen der Schoah in dessen 100. Geburtsjahr mit zahlreichen Veranstaltungen. In Rom, Mailand, Florenz, Salerno und etlichen anderen Orten fanden oder finden Vorträge, Lesungen oder Kunstdarbietungen statt, zwei Dutzend Termine allein in Levis Heimatstadt Turin. Dort kam er am 31. Juli 1919 zur Welt, in einem gutbürgerlichen Palazzo am Corso Re Umberto, wo er die meiste Zeit seines Lebens wohnen blieb. 

Kritische Geister und Glaubenszweifel

Es war eine liberale jüdische Familie: Primo Levi besuchte das klassische Lyzeum D'Azeglio; zu dessen jungen Lehrern zählten der Schriftsteller Cesare Pavese und der Philosoph Norberto Bobbio, kritische, antifaschistische Geister. Als Levi dem faschistischen Jugendbund beitreten musste, entging er dem Schießtraining, indem er sich für die Wintersportsektion meldete. Die nahen Piemontesischen Alpen wurden sein Revier, auch später als Partisan.   

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Beruflich verlegte er sich auf die Chemie. Das Periodensystem, die Gesetzmäßigkeiten der Elemente - auch dies, wie das Erzählen, eine Methode, die Welt zu ordnen. Und ebenso wie das Erzählen war auch die Naturwissenschaft nicht moralisch indifferent und konnte über Leben und Tod entscheiden: So, als Levi während des Kriegs in der italienischen Nickelproduktion tätig war und wusste, dass seine Forschungen der deutschen Rüstung helfen würden. Später, in Auschwitz-Monowitz, rettete ihm sein Nutzwert als Labormitarbeiter in den Buna-Werken das Leben, wenngleich nur knapp. 

Hoffnung -  trotz allem

In den frühen 1980er-Jahren traf Levi mit einem anderen Überlebenden zusammen, der wie wenige Zeugnis ablegte über das Grauen von Auschwitz: Elie Wiesel (1928-2016). Auch für ihn bedeutete der Holocaust einen Bruch mit dem religiösen Glauben, in dem er aufgewachsen war; auch für Wiesel war Gott in Auschwitz "ermordet" worden. Doch Levi sah in Wiesel einen Gottesbesessenen, einen, der mit diesem Gott wenigstens noch ins Gericht ging.

Für Levi blieb nur die nüchterne Feststellung, dass Gott nicht existiert. Aber er beneidete die Gläubigen, "alle Gläubigen". Das Judesein war für ihn, noch vor der Frage des Glaubens, eine Frage der Identität. Er entdeckte sie nach dem Inkrafttreten der italienischen Rassegesetze 1938. Im Übrigen betonte er seine nationale Zugehörigkeit: Zu drei Vierteln Italiener, zu einem Viertel Jude, pflegte er zu sagen; aber dieses Viertel war ihm wichtig. 


In Auschwitz dem Tod entgangen, kehrte er nach Turin zurück, in sein Italien. Die Resonanz, die sein autobiografisches Werk "Ist das ein Mensch?" bei Schülern und Lehrern in Italien fand, schien ihn laut einem Nachtrag von 1976 mit einer gewissen Zuversicht zu erfüllen. Oft sprach er mit Heranwachsenden. Auf die Frage eines Jungen, was er von der neuen Generation halte, antwortete Levi, sie sei wohl besser als seine eigene, was etwa Toleranz, Demokratie oder das Recht auf Gleichheit bei allen Unterschieden angehe. Hoffnung, trotz allem.