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Entwaffnend ehrlich
Kultur 1 2 Min. 21.04.2018 Aus unserem online-Archiv

Entwaffnend ehrlich

Haben sich viel zu sagen: Joaquin Phoenix als John Callahan (l.) and Jonah Hill als Donnie.

Entwaffnend ehrlich

Haben sich viel zu sagen: Joaquin Phoenix als John Callahan (l.) and Jonah Hill als Donnie.
Foto: Scott Patrick Green / Amazon Studios
Kultur 1 2 Min. 21.04.2018 Aus unserem online-Archiv

Entwaffnend ehrlich

Mireille MEYER
Mireille MEYER
Jenseits aller Gefühlsduselei zeigt Gus Van Sant in seinem neuen Drama vielmehr Gefühl für die Geschichte eines Menschen, der am absoluten Tiefpunkt angelangt ist und dann erkennt, was seinem Leben wirklich Sinn gibt.

Der Weg aus dem Sumpf der Alkoholsucht ist voller Rückschritte, ein ewiges Auf und Ab. Analog dazu ist auch die Erzählstruktur dieser Verfilmung von Callahans Autobiografie ein andauerndes Hin und Her. In Flashbacks und mit Hilfe einer Reihe eingeblendeter, von Callahan gezeichneten Cartoons erfährt man: John, schon mit Anfang 20 ein Alkoholiker, trinkt sich an einem beliebigen Abend mit seinem neuen Kumpel Dexter das Leben schön. Sturzbesoffen torkeln sie dann zu Johns hellblauem Käfer, Dexter setzt sich ans Steuer und provoziert einen schweren Unfall, bei dem John einen Wirbelbruch erleidet. Er ist für den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt, kann nur noch seinen Kopf und eingeschränkt seine Arme bewegen. Und er ist weiterhin Alkoholiker. Eine „Eingebung“ bringt ihn jedoch dazu, mit dem Trinken aufhören zu wollen, John geht fortan zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Deren Zwölf-Schritte-Programm liefert die Struktur, an der sich der Film entlanghangelt.

Der alkoholsüchtige John Callahan an dem Tag, der sein Leben für immer verändern wird.
Der alkoholsüchtige John Callahan an dem Tag, der sein Leben für immer verändern wird.
Foto: Scott Patrick Green / Amazon Studios

Verschrobene Charaktere und schwarzer Humor

Man muss schon ganz schön aufpassen, um zu wissen, auf welcher Zeitschiene der Streifen gerade fährt. Allein an Johns Frisur und körperlicher Verfassung lässt sich nicht immer sofort festmachen, wo man dran ist. Diese gestückelte Erzählweise passt allerdings sehr gut zum unsteten Leben Callahans und seinem sprunghaften und launischen Charakter, den er bei seiner Rehabilitation an den Tag legt. Das Einblenden der Cartoons und die mal horizontal, mal vertikal verlaufenden Bilderreihen, die ebenfalls als Rückblenden dienen, geben dem Film einen experimentellen Charakter. Das Ganze wirkt manchmal wie eine Übung in alternativem Storytelling. Kameramann Christopher Blauvelt greift oft zur Handkamera, stellt den Fokus manchmal erst nachträglich ein, wie ein Hobbyfilmer auf einer Hochzeit. Das ergibt einen schnörkellosen und direkten Dokumentarstil.

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Dieses Biopic-Drama lebt eindeutig von den verschrobenen Charakteren, die bei den AA-Treffen zusammenkommen und denen Callahan auch sonst in seinem Leben begegnet. Joaquin Phoenix versucht gar nicht erst, krampfhaft eine schauspielerische Glanzleistung liefern zu wollen. Er ist authentisch, entwaffnend ehrlich in seiner Darstellung von John Callahan. Auch dessen rüder und bissiger Humor kommt zum Tragen, unter anderem in Szenen, in denen er, den Stift mit beiden Händen haltend, seine krakeligen Cartoons zu Papier bringt. Jonah Hill überrascht mit einer erstklassigen Leistung in der Rolle des homosexuellen Leiters der AA-Gruppe Donnie. Seine entspannte Attitüde und seine gelassene Art, John mit der Nase auf, für ihn, grundlegende Wahrheiten zu stoßen, verleihen dem Film eine wunderbar unaufgeregte Atmosphäre.

Rooney Mara in der Rolle von Johns Krankengymnastin und späterer Partnerin Annu kommt leider viel zu selten zum Zug.

Die Auftritte von Beth Ditto (Reba), Kim Gordon (Corky) und Jack Black (Dexter) reichen in ihrer Ausführung von glaubhaft bis überdreht.

„Don't Worry, He Won't Get Far on Foot“ ist ein sehr menschlicher Film und auch in keiner Weise perfekt. So ist die Szene, in der Johns Mutter ihm erscheint und ihn dazu bringt, die Finger vom Alkohol zu lassen, zu kitschig geraten. Doch zum Glück gibt es schwarzen Humor.