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Entfesslungskünstler im TNL
Kultur 3 Min. 12.09.2019

Entfesslungskünstler im TNL

Die Oper „Love and Jealousy“ mit Sopranistin Nelly Necheva erzählt im TNL von tragischer Liebe.

Entfesslungskünstler im TNL

Die Oper „Love and Jealousy“ mit Sopranistin Nelly Necheva erzählt im TNL von tragischer Liebe.
Foto: TNL
Kultur 3 Min. 12.09.2019

Entfesslungskünstler im TNL

Sophia SCHÜLKE
Sophia SCHÜLKE
Theater als entfesseltes Gefängnis: Unter diesem Motto steht die neue Spielzeit des Théâtre National du Luxembourg (TNL), in der auch schwarzhumorige Uraufführungen und Gastspiele auf dem Programm stehen.

„Wir leben in Gefängnissen, die wir oder andere gebaut haben“, schickt Frank Hoffmann, Direktor des Théâtre National de Luxembourg, der neuen Spielzeit des TNL voraus. Populismus, Klimawandel, Brexit; es scheine, als ob eine Katastrophe die nächste jagen würde. Aber da kann Theater nicht stehen bleiben. „Die Aufgabe auf der Bühne ist heutzutage nicht nur, Missstände aufzuzeigen, sondern auch Perspektiven zu zeigen und Mut zu machen.“ 

Schließlich solle das Publikum nicht für seinen Gang ins Theater bestraft werden. „Spaß gehört auch dazu“, erklärt Hoffmann. Und so bietet die neue Saison, die unter dem Motto „Theater, das entfesselte Gefängnis“ steht, auch witzige Stücke.

„MayWeDance“ führt mit Jean-Guillaume Weis (l.), Sylvia Camarda (r.), Léa Tirabasso und Andreas Wagner zwei Generationen Luxemburger Choreografen und Tänzer in einer Welturaufführung zusammen. Ab 26. Mai.
„MayWeDance“ führt mit Jean-Guillaume Weis (l.), Sylvia Camarda (r.), Léa Tirabasso und Andreas Wagner zwei Generationen Luxemburger Choreografen und Tänzer in einer Welturaufführung zusammen. Ab 26. Mai.
Foto: TNL

Dunkelhumorig beginnt die Spielzeit mit der Wiederaufnahme von Yasmina Rezas modernem Klassiker „Le dieu de carnage“ am 4. Oktober. In Hoffmanns Inszenierung treffen zwei Luxemburger Paare aufeinander, weil ihre Enkelkinder sich Saures gegeben haben. Der Streit, der dann allerdings zwischen ihnen ausbricht, geht an die innerste Substanz von vier, nur scheinbar wohlgeordneten Existenzen. 


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Der Kinneksbond-Direktor Jérôme Konen beschwört für die neue Saison die „Politik des Teilens und der Offenheit“.

Noch vorher führt das TNL zur Feier von 100 Jahren Wahlrecht für Männer und Frauen in Luxemburg die politische Debatte von damals vor heutige Augen und Ohren (Uraufführung am 28. September). „Theater an der Chamber“ wird in der Chamber gespielt.

Neuer Dramaturg von der Burg

Jean-Paul Maes und Marc Baum indes bestreiten als Richter und Staatsanwalt einen Herrenabend, der aus dem Ruder läuft. „Nom Iesse gi mer an den Hobbykeller“ von Guy Rewenig versteht sich als Abgesang auf die Luxemburger Bourgeoisie (Premiere der Uraufführung am 22. Oktober). Es ist das zehnte Stück von Rewenig, das Hoffmann inszeniert. „Er kann Figuren schreiben, die wie echte Menschen sind. Das finde ich bei ihm immer besonders eindrucksvoll“, erklärt er seine Faszination für den Luxemburger Autor.

Mit „Love and Jealousy“ (Premiere am 6. Dezember) zeigt das TNL eine Oper von Albena Petrovic-Vratchanska. Begleitet wird das Werk, eine Produktion des bulgarischen Nationaltheaters der Stadt Stara Zagora, von United Instruments of Lucilin. Farbig und spontan, so beschreibt Guy Frisch, künstlerischer Leiter des Orchesters, den „außergewöhnlichen Stil“ der Luxemburger Komponistin bulgarischen Ursprungs.


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Ein Drama nach Harold Pinter, ein Musical über Charlie Chaplin und Musik auf der Bambusflöte: Das CAPE will in der neuen Saison die ganze Familie in Ettelbrück unterhalten.

„La Vieille qui marchait dans la mer“ nach Frédéric Dard (Premiere am 23. Januar) erzählt von einer 85-jährigen Diebin, die sich in einen weitaus jüngeren Mann verliebt. „Es ist ein Text, der sehr gut von der vergehenden Zeit und dem Tod erzählt. Und ein Werk, das seltsam, aber auch sehr witzig ist“, berichtet Regisseurin Katia Scarton-Kim, die den Text des französischen Bestsellerautors für die Bühne adaptiert hat.

Hausautor liefert zwei Stücke

Einen Neuzugang verzeichnet das TNL mit Florian Hirsch. Der deutsche Dramaturg, der vom Wiener Burgtheater nach Luxemburg wechselt, freut sich vor allem auf die Inszenierung von Franz Kafkas Meisternovelle „Die Verwandlung“ (Premiere am 27. Februar). „Kafka liest sich heute so frisch wie damals, vielleicht noch frischer.“

„Die Verwandlung“ mit Uwe Bohm wendet sich nicht nur an Kafka-Fans.
„Die Verwandlung“ mit Uwe Bohm wendet sich nicht nur an Kafka-Fans.
Foto: TNL

Michel Clees, Hausautor der diesjährigen Spielzeit, hat dem Theater das neue Stück „Parterre“ geschrieben (Premiere 25. März), in dem er ein Muttersöhnchen, einen Flüchtling und eine Studentin in einer WG versammelt und sie und ihre Überzeugungen unter der Regie von Bernhard Eusterschulte aufeinanderprallen lässt.

Mit „Captcha“ (Premiere am 31. Januar) gestaltet der Schriftsteller, Chansonkomponist und Schauspieler aus Esch/Alzette zudem einen musikalisch-poetischen Abend, den die Schauspielerin Patrycia Ziolkowska und die Viola-Solistin Danielle Hennicot, Mitbegründerin von Lucilin, bestreiten.

Versenkung per Knopfdruck

Zum Programm gehören unter anderem auch Gastspiele: „Baal“ nach Bertolt Brecht; „Qui a tué mon père“, eine Produktion des Théâtre de Strasbourg; „Ritter Odilo und der strenge Herr Winter“, eine Kinderoper vom saarländischen Staatstheater Saarbrücken und die Lesung „Was glaubt ihr denn? Urban Prayers“; „Why?“, ein Stück über das Theater selbst.


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Darüber hinaus stehen auch technische Veränderungen an: Ab Oktober wird eine neue Zuschauertribüne von zwei Seiten begehbar sein, im Januar kommen neue Stühle hinzu. 

Die spektakulärste Aussicht wird sich durch eine neue Versenkungsbühne eröffnen, die drei Stufen umfasst und zwischen Hauptbühne und Zuschauerreihen auf- und abfahren kann. „Sie kann für Stücke, Musikerauftritte oder im geschlossenen Zustand genutzt werden, um mehr Platz für Stuhlreihen zu haben“, erklärt Hoffmann. Während die Versenkung erst im Lauf der Spielzeit zum vollen Einsatz kommt, sind Lüftung, Scheinwerfer- und Tonanlage bereits zu Beginn modernisiert.
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Details und das gesamte Programm unter www.tnl.lu


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