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Enrico Rava: "Ich lüge nie, wenn ich spiele"
Kultur 1 5 Min. 13.05.2019

Enrico Rava: "Ich lüge nie, wenn ich spiele"

Enrico Rava ist einer der bekanntesten Jazzmusiker Europas. Zum „Like a Jazz Machine“ begleitet ihn ein hochkarätiges Quintett.

Enrico Rava: "Ich lüge nie, wenn ich spiele"

Enrico Rava ist einer der bekanntesten Jazzmusiker Europas. Zum „Like a Jazz Machine“ begleitet ihn ein hochkarätiges Quintett.
Kultur 1 5 Min. 13.05.2019

Enrico Rava: "Ich lüge nie, wenn ich spiele"

Jörg TSCHÜRTZ
Jörg TSCHÜRTZ
Trompeter Enrico Rava spielt am Donnerstag beim „Like a Jazz Machine“-Festival in Düdelingen. Im Interview spricht der Maestro über seinen 80. Geburtstag, magische Momente auf der Bühne – und seine Erinnerungen an Luxemburg.

Enrico Rava, geboren 1939 in Triest und aufgewachsen in Turin, tritt erstmals Anfang der Sechziger Jahre ins Rampenlicht, zunächst als Posaunist. Inspiriert von den Jazzgiganten Miles Davis und Chet Baker wechselt der Autodidakt zur Trompete. Später zieht es Enrico Rava nach Rom, Buenos Aires und New York City. 


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Im Lauf seiner langen und erfolgreichen Karriere spielt der Trompeter mit zahlreichen Größen des Jazz zusammen, darunter Gato Barbieri, Steve Lacy und Carla Bley. In der Spätblüte seines Schaffens flirtet Enrico Rava mit der Popmusik („Rava on the Dance Floor“) und steht jungen italienischen Jazztalenten als Mentor zur Seite. Am Donnerstagabend tritt der gefühlvolle und verspielte Maestro in Düdelingen auf. 

Enrico Rava, Sie spielen im Rahmen ihrer „80th Birthday Tour“ wieder in Luxemburg. War das Tourmotto Ihre Idee? 

Nein. Ich werde im August 80, also sollten wir eigentlich erst dann über meinen Geburtstag reden (lacht). Das Alter ist doch nur eine chronologische Sache. Ich spüre immer noch dieselbe Leidenschaft in mir wie zu meinem 20. Geburtstag. Körperlich habe ich mehr Probleme als früher, klar, aber es ist schon okay. 

Was ist anders im Vergleich zu Ihren früheren Tourneen? 

Ich mag das Reisen nicht, allein schon die ganzen Kontrollen am Flughafen. Aber wenn man spielen will, muss man reisen. Und ich liebe es immer noch, auf der Bühne zu stehen. 

Wird es mit dem Alter eigentlich schwieriger, Trompete zu spielen? 

 Nein, überhaupt nicht. Sie brauchen dafür nicht mehr Luft als für ein normales Gespräch. Eine Treppe hochzulaufen ist anstrengender, als in die Trompete zu blasen. 

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Hat sich Ihre Art zu spielen verändert? 

Nein, ich glaube nicht. Das Spielen ist Ausdruck deiner Persönlichkeit. Die kann man nur schwer ändern – außer, man lügt. Ich lüge nie, wenn ich spiele. Die Musik muss aufrichtig sein. Wenn du spielst, stellst du dich bloß, du stehst nackt vor dem Publikum. 

Ist diese spezielle, intime Spannung auf der Bühne der Grund, warum Sie immer noch auf Tournee gehen? 

Ich könnte auch ohne Live-Auftritte ein sehr gutes Leben führen. Aber ich mache es, weil ich es liebe und es mir großen Spaß macht, mit jenen Musikern aufzutreten, die ich mir selbst aussuche. Es freut mich, wenn das Publikum einen Moment der Verbundenheit mit uns erlebt. 

In Berichten über Sie werden Sie manchmal der italienische Miles Davis genannt. Was halten Sie von solchen Vergleichen? 

Ach ... Miles Davis war ein Genie, den gab es nur einmal. Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich nur mich selbst. 

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Luxemburg? 

Oh, ich bin schon viele Male in Luxemburg aufgetreten. Im Vorjahr spielte ich mit Joe Lovano, 2017 mit Joachim Kühn (Anm. d. Red.: die Konzerte fanden in der Philharmonie und beim Jazz Festival in Düdelingen statt). Einer meiner ersten Auftritte in Luxemburg war vor etwa 30 Jahren gemeinsam mit Miroslav Vitous und Daniel Humair. Dieses Konzert ist mir gut in Erinnerung geblieben, weil ich nicht oft in Clubs aufgetreten bin und diese Konstellation ein großer Spaß war. 

Was dürfen die Zuschauer am Jazz Festival von Ihnen erwarten? 

Es wird anders werden als in der Philharmonie. Bis auf Pianist Giovanni Guidi sind andere Musiker mit dabei. Ein ganz besonderer Bandkollege ist Gianluca Petrella. Er ist momentan vielleicht der beste Posaunist der Welt, auf jeden Fall der beste in der Geschichte des italienischen Jazz. Er hat etwas Genialisches an sich. Auf der Bühne haben wir eine fast telepathische Verbindung, wir verstehen uns sehr gut. 

Es ist, als ob Sie ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springen würden.

Welche Stücke bekommen die Zuschauer zu hören? 

Das ist eine Überraschung. Es ist vom Moment abhängig, je nachdem, worauf wir gerade Lust haben. Es hängt auch von der Akustik und den Zuschauern ab. Jeder in der Band ist frei, auf einen anderen Tune zu wechseln, dem ich dann folge, oder eben umgekehrt. Bei dieser Art von Musik gibt keine Garantie, es ist, als ob Sie ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springen würden. 

Werden Sie sich auch andere Bands beim Jazz Festival anhören? 

Vor meinen Auftritten höre ich mir niemanden anderes an. Und danach gehe ich direkt ins Bett, das ist auch der Grund, warum ich noch immer ganz gut in Form bin (lacht). 

Haben Sie alle künstlerischen Ziele in Ihrem Leben erreicht?

Ich komme mir manchmal vor wie in meinen Lehrjahren, ich will immer noch besser werden und neues ausprobieren. Dieses Suchen und Erkunden ist noch da, ich übe täglich mehrere Stunden. Erst vor Kurzem war ich ganz überrascht über mich selbst, als ich einen ganz hohen Ton spielte, den ich noch nie zuvor gespielt habe. Ich wusste gar nicht, dass ich das kann. 


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Ist dieses „sich selbst überraschen“ der Grund, warum Sie immer noch auf die Bühne gehen? 

Ja, anders wäre es doch langweilig. In der Musik und speziell beim Jazz gibt es diese magischen Momente, dieses Gefühl des vollkommenen gegenseitigen Verstehens. Ich erlebe das in letzter Zeit häufiger: Jeder Musiker trägt genau das bei, was die anderen Bandmitglieder brauchen, die Egos treten in den Hintergrund. Es fühlt sich an wie echte, ideale Demokratie. Ein Moment absoluten Glücks. Genau das gibt mir Kraft. Andernfalls hätte es doch gar keinen Sinn, als alter Mann herumzufahren und in ein verdammtes Horn zu blasen. 

Denken Sie, dass Musik die Welt verändern kann? 

Die schrecklichsten Momente in der Geschichte waren oft jene, in denen die größten musikalischen Werke geschaffen wurden. Mit der Kunst können Sie Menschen schöne Momente schenken, aber sie kann die Welt leider nicht verändern.