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Elvis Costello will "Oliver's Army" nicht mehr spielen
Kultur 1 3 Min. 13.01.2022
Rassistischer Unterton?

Elvis Costello will "Oliver's Army" nicht mehr spielen

Elvis Costello 2013 in der Abtei Neumünster.
Rassistischer Unterton?

Elvis Costello will "Oliver's Army" nicht mehr spielen

Elvis Costello 2013 in der Abtei Neumünster.
Foto: Laurent Blum
Kultur 1 3 Min. 13.01.2022
Rassistischer Unterton?

Elvis Costello will "Oliver's Army" nicht mehr spielen

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Der größte Hit des Sängers aus dem Jahr 1979 enthält das "N-Wort" - wenn auch in einem anderen Zusammenhang als üblich. Costello appelliert auch an Radiosender, den Song nicht mehr zu spielen.

Das Lied ist so fröhlich, so eingängig, so „großer Pop“, man würde es nicht für einen politisch extrem aufgeladenen Song über ein schwarzes Kapitel der britischen Geschichte halten. Die Aussage von Elvis Costellos „Oliver's Army“  aus dem Jahr 1979 kommt heimlich durch die Hintertür. Der Songtext ist eine fast zynische Beschreibung der Situation in Nordirland Ende der 1970er. Dort tobt damals seit gut einem Jahrzehnt ein Bürgerkrieg mit religiösem Hintergrund. Belfast, die Hauptstadt Nordirlands ist quasi von englischen Truppen besetzt, Anschläge und Feuergefechte zwischen „Unionisten“ und „Loyalisten“, die Nordirland bei Irland oder genau entgegengesetzt im Vereinigten Königreich sahen, waren noch bis 1998 an der Tagesordnung. 

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Das ist die Vorgeschichte zu „Oliver's Army“ (der Titel ist eine Anspielung auf Oliver Cromwell, den Engländer, der Irland 1649 mit Gewalt unterwarf). Costello, dessen Vater und Großvater aus Irland stammen, hatte 1978 Belfast zum ersten Mal besucht und war geschockt: „Junge britische Soldaten, fast noch Kinder, patrouillierten die Straßen, mit automatischen Waffen unter dem Arm.“ 

Costello verarbeitet das Gesehene – und landet mit genau diesem Widerspruch zwischen  düsterem Text und poppiger Komposition einen Hit. „Oliver's Army“, musikalisch irgendwo zwischen „Baby, I love You“ von den Ronettes und „Dancing Queen“ von Abba, ist extrem radiotauglich und schaffte es für zwölf Wochen in die britischen Charts, davon drei Wochen auf Platz 2. Der Song gilt als einer von Costellos besten, war jahrzehntelang fester Bestandteil der Konzerte des englischen Songwriters. Es gibt zahlreiche Coverversionen. 


TOPSHOT - The Rolling Stones band members (L-R) Ronnie Wood, Mick Jagger, Charlie Watts and Keith Richards perform on stage during their "No Filter" tour at NRG Stadium on July 27, 2019 in Houston, Texas. (Photo by SUZANNE CORDEIRO / AFP)
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Doch jetzt hat sich der Urheber selbst zu Wort gemeldet. Elvis Costello hat angekündigt, „Oliver's Army“ nicht mehr live spielen zu wollen - trotz des großen Publikumserfolgs. Mehr noch, er hat an Radiosender weltweit appelliert, den Song aus dem Programm zu streichen ersatzlos. Der Grund? Im Text kommt eine Zeile vor, die rassistisch konnotiert ist. „Only takes one itchy trigger“, heißt es da, „es braucht nur einen nervösen Finger am Abzug“. Und weiter: „One more widow, one less white n…“ - „eine Witwe mehr, einen weißen N… weniger.“ 

Der Kontext ist ein anderer

Das Wort, das sich hier auf „trigger“ reimt, ist natürlich nicht mehr zeitgemäß, nicht nur bei Costello. Dennoch liegt die Sache hier etwas komplexer: Im Zusammenhang mit „white“ ist das Wort eine in der britischen Armee gebräuchliche Beleidigung für irische Katholiken - zumindest war es das mal: „Ich würde es heute vielleicht nicht mehr so schreiben, aber die Formulierung ist historisch belegt. Mein Großvater wurde noch in der Armee so genannt“, so Costello gegenüber dem Daily Telegraph. Das weiß aber offenbar nicht jeder, der das Lied hört: „Die Leute hören das N-Wort und beschuldigen mich einer Aussage, die ich sicher nicht treffen wollte.“ Zumal es nicht Costellos eigene Perspektive ist - er beschreibt die Innensicht eines britischen Soldaten im Nordirlandkonflikt.  


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Das Problem ist nicht neu: Radiosender sind bereits vor einigen Jahren dazu übergegangen, das Wort hinter „white“ einfach „rauszupiepsen“, eine im englischen Sprachraum recht gängige Praxis. Doch auch daran stört sich Costello: „Sie machen es mit dem Piep nur schlimmer - indem sie die ganze Aufmerksamkeit darauf lenken.“ Das hatte er bereits 2013 kritisiert und für „Oliver's Army“ extra eine neue Strophe geschrieben, die unter anderem der BBC Zensur vorwirft. „Aber was nützt das denn?“, so der 67-Jährige. „Sie sollen es einfach nicht mehr spielen.“  

Costellos Ankündigung erinnert an einige andere Debatten der jüngsten Zeit: Vor einigen Wochen hatten die Rolling Stones beschlossen, einen ihrer größten Hits, „Brown Sugar“ wegen rassistischer Untertöne nicht mehr live zu spielen. Und vor etwa anderthalb Jahren hatte UKTV, der Streamingdienst der BBC eine Folge der Kultserie „Fawlty Towers“ von John Cleese kurzzeitig aus dem Programm genommen, weil den Verantwortlichen ein Dialog rassistisch erschien. 

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