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„Eine schöne Botschaft“
Kultur 1 4 Min. 23.10.2020 Aus unserem online-Archiv

„Eine schöne Botschaft“

Christoph König als Gastdirigent mit den SEL in der Philharmonie im November 2009: Knapp ein paar Wochen später wurde er zum musikalischen Leiter des Orchesters ernannt.

„Eine schöne Botschaft“

Christoph König als Gastdirigent mit den SEL in der Philharmonie im November 2009: Knapp ein paar Wochen später wurde er zum musikalischen Leiter des Orchesters ernannt.
Foto: LW-Archiv / Claude Hartz
Kultur 1 4 Min. 23.10.2020 Aus unserem online-Archiv

„Eine schöne Botschaft“

Thierry HICK
Thierry HICK
Die Solistes européens veröffentlichen Beethoven-Integrale: gemeinsames Ideal für Christoph König und Rafael Nadal.

Es gibt Hunderte von Aufnahmen der Beethoven-Symphonien. Für viele Orchester oder Dirigenten ist eine Beethoven-Integrale ein unumgänglicher Weg zum Erfolg. Die Solistes européens, Luxembourg, schließen sich dem Reigen nun an. Für SEL-Dirigent Christoph König, der sich stark an Tennisstar Rafael Nadal orientiert, ist diese Beethoven-CD-Box alles andere als eine reine Pflichtübung. 

Christoph König, warum veröffentlichen die SEL gerade jetzt die Beethoven-Symphonien? 

Es gibt dazu pragmatische Gründe. Im Beethoven-Jahr wollten wir doch nicht mit Brahms-Aufnahmen kommen. Normalerweise hätte diese CD-Box im April erscheinen sollen, wegen der Krise wurde die Publikation verschoben. Dass wir es jetzt machen können, ist für mich ein Segen und eine schöne Botschaft in einer schwierigen Zeit, wo viele Orchester und Theater zum Stillstand gezwungen sind. 

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Jedes Orchester, jeder Dirigent muss wenigstens einmal in seiner Karriere eine Beethoven-Integrale auf den Markt bringen. Ist es auch für Sie ein Lebensziel? Ich sehe mich nicht im Selbstwettbewerb mit anderen Kollegen. Ich orientiere mich stark an Tennisspieler Rafael Nadal. Er will nicht unbedingt berühmt und der Beste sein, er will einfach nur gut sein. Dieses ist auch unser Ziel. Eine Beethoven-Integrale ist nicht unbedingt mein Lebensziel, ich hätte auch ohne diese Aufnahmen leben können. Ich bin jedoch froh, und vor allem dankbar, dass wir dieses Projekt durchführen konnten. 

Ich orientiere mich stark an Rafael Nadal: Er will nicht unbedingt berühmt und der Beste sein, er will einfach nur gut sein.

Sind CDs heute im Musikgeschäft überhaupt noch relevant? 

Vor ein paar Jahren hätte ich noch Ihre Frage mit einem klaren Nein beantwortet. Ich habe jedoch meine Meinung geändert. Aufnahmen sind wichtig für die Identifikation mit dem Publikum, die solche suchen. Sie sind auch als Statement von Errungenschaften zu verstehen. Wenn ich bedenke, dass unsere Méhul-Aufnahme etwa eine Million Clicks auf Spotify erreicht hat, bin ich überzeugt, dass eine Präsenz auf dem internationalen Musikmarkt wichtig ist. Egal welcher Kanal gebraucht wird. 

Zurück zu Beethoven, was reizt Sie an diesem Komponisten? 

Beethoven ist der größte Komponist aller Zeiten. Der Mensch und Musiker bleibt unfassbar. Für mich steht Beethoven für Liebe, Euphorie, Witz, Bizarrerie, Verstand, Melancholie ... die Bandbreite seiner Musik ist enorm. 

„Ich bin überzeugt, dass eine Präsenz auf dem internationalen Musikmarkt wichtig ist. Egal welcher Kanal gebraucht wird.“
„Ich bin überzeugt, dass eine Präsenz auf dem internationalen Musikmarkt wichtig ist. Egal welcher Kanal gebraucht wird.“
Foto: Chris Karaba

Was macht für Sie eine gute Beethoven-Interpretation aus? 

Ich bin musikalisch sehr traditionell aufgewachsen. Im Fall von Beethoven wurde immer wieder auf lange, schwere und pathetische Tempi zurückgegriffen. Es wurde oft übertrieben, es wirkte unnatürlich, es entsprach jedoch einer musikalischen spätromantischen Tradition „fin de siècle“. Beethoven hat sich für die Ecksätze seiner Symphonien stets schnelle, rapide Metronomangaben gewünscht. Mein Anliegen ist es, diese Musik irgendwie abzuspecken und das Übertriebene und die Hektik zu unterbinden. Die Dramatik und die Kraft der Musik bleiben jedoch erhalten. 

Die Aufnahmen der Symphonien stammen aus verschiedenen Epochen Ihrer Arbeit mit den SEL. 

Es stimmt, wir haben auf Konzertmitschnitte zurückgegriffen. Für die dritte Symphonie hatten wir zum Beispiel die Wahl zwischen einer Aufnahme von 2012 und 2018. Ich habe mich für die jüngere entschieden, die war meiner Meinung nach besser. Da wir jedes Jahr nicht alle Symphonien spielen können, hat es eben Zeit gebraucht, bis die komplette Sammlung der Aufnahmen zusammengestellt werden konnte. 

Wir spielen ja keine 20 Konzerte pro Jahr zusammen, das ist auch gut so, die Frische unserer Beziehung bleibt bestehen. Unser Klangbild hat sicherlich an Elastizität und Stringenz gewonnen. Heute verstehen wir uns schneller.

Es wurden zusätzlich fünf Ouvertüren des Komponisten aufgenommen. Reichten die Symphonien nicht aus? 

Diese Ouvertüren sind dramatisch eng verbunden mit den Symphonien. Zudem war es der Wunsch des Labels Rubicon, das Angebot der Box mit diesen Werken zu vervollständigen.

Diese CD-Box kann irgendwie als Streifzug Ihrer nun zehnjährigen Arbeit mit den Solistes betrachtet werden. Wie haben sich der Klang des Orchesters und Ihre Arbeit mit den Musikern verändert? 

Wir leben in einer Zeit, wo alles schnell gehen muss. Ich bin dankbar, dass mir die Möglichkeit gegeben ist, ein langatmiges Projekt mit den Musikern erleben zu können. Wir spielen ja keine 20 Konzerte pro Jahr zusammen, das ist auch gut so, die Frische unserer Beziehung bleibt bestehen. Unser Klangbild hat sicherlich an Elastizität und Stringenz gewonnen. Heute verstehen wir uns schneller. 

Kultur,ITV Marco Battistella,Tontechniker in der Philharmonie. Foto:Gerry Huberty
Kultur,ITV Marco Battistella,Tontechniker in der Philharmonie. Foto:Gerry Huberty
Foto: Gerry Huberty

Sie wollten ausschließlich Live-Mitschnitte. Ist dies kein risikoreiches Vorgehen? 

Sie haben recht, es kann gefährlich sein. Ich habe Erfahrungen mit anderen Orchestern im Bereich von Studioaufnahmen gemacht. Solche Produktionen sind sicherlich technisch absolut einwandfrei, der Klang ist gut. Wenn der Tonmeister jedoch bei jeder dritten Note oder bei jedem vierten Takt eingreift, ist das Ergebnis am Ende oft aseptisch und wirkt zu clean. Es fehlt der Moment der Stunde des Konzerts, der Schwung, die Lebendigkeit und die Atmosphäre. Auch, wenn die allerletzte Perfektion fehlt. Auch in dieser Beethoven-Kollektion werden Sie sicherlich Stellen finden, die nicht hundertprozentig perfekt sind. 

Welche Rolle spielt der Tonmeister bei solch einem Projekt? Wie war die Zusammenarbeit mit Marco Battistella? 

Der Tonmeister hilft bei der Balance des Orchesters. Marco Battistella hat in dieser Frage viel geleistet. Wir hatten auch das große Glück, in der Philharmonie spielen zu können. Die Akustik in diesem Saal ist optimal. Wir haben stets, neben dem Konzert, die Generalprobe aufgenommen, um Retakes von einzelnen Passagen vornehmen zu können. Der Tonmeister musste nicht viele Stellen „reparieren“.

„Beethoven The Symphonies“, Solistes européens, Luxembourg, Christoph König (Leitung), Chœur de chambre du Luxembourg, Genia Kühmeier (Soprano), Anke Vondung (Mezzo-Soprano), Michael König (Tenor), Jochen Küpper (Baryton), 5 CDs-Box, 6 Stunden, 31 Minuten, Live Recordings 2009-2019, Rubicon RCD1036, 40 Euro. Weitere Infos: www.sel.lu

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