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Ein unbequemer Nationaldichter: Günter Grass wird 85
Kultur 9 3 Min. 16.10.2012

Ein unbequemer Nationaldichter: Günter Grass wird 85

Kultur 9 3 Min. 16.10.2012

Ein unbequemer Nationaldichter: Günter Grass wird 85

Der Mann, der so gern Zunge zeigt, wird 85. Nobelpreisträger Günter Grass ist ein unbequemer Nationaldichter, der sich unermüdlich einmischt. Bereits sein Debütroman „Die Blechtrommel“ machte ihn weltbekannt. Sein politisches Engagement erregt oft Anstoß.

(dpa) - Den Begriff „Nationaldichter“ lehnt Günter Grass ab. Und dennoch spiegelt sich im Leben und Werk des bei Lübeck lebenden Literaturnobelpreisträgers, der am 16. Oktober 85 Jahre alt wird, die jüngere deutsche Geschichte - mit all ihren Brüchen, Kontroversen und Verletzungen, mit Versagen und Sternstunden. Wenige polarisieren und provozieren wie er, selbst noch im hohen Alter.

Deutschland hat es Grass in jungen Jahren schwer gemacht und Grass wiederum macht es Deutschland seitdem nicht leicht. Die Scham, als Kind und Heranwachsender den Nazis auf den Leim gegangen zu sein, ist für Grass eine lebenslange Last. Es bedurfte über 60 Jahre, bis Grass in seinem autobiografischen Meisterwerk „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) von sich aus - ohne dass ihn jemand gedrängt hätte - niederschrieb, dass er kurz vor Kriegsende bei der Waffen-SS war: Mit 17 im Herbst 1944 einberufen, nur wenige Wochen vor der Kapitulation im Einsatz vor Berlin, verwundet, Kriegsgefangenschaft.

Nach Erscheinen des Israel-Gedichts im April 2012 wurde dem Dichter sogar Antisemitismus vorgehalten. In der erregten Debatte wurden (verworfene) Forderungen laut, Grass die Ehrenpräsidentschaft des PEN und sogar den Literaturnobelpreis abzuerkennen.

Sein Selbstverständnis als citoyen und écrivain treibt Grass bis heute immer wieder an, gesellschaftspolitisch Stellung zu nehmen. Und so ergreift die Ein-Mann-Partei namens Grass immer wieder das Wort.

Unermüdliches Engagement

Grass will mehr Demokratie und Aufbruch. Er setzt sich für verfolgte Autoren ein, für Minderheiten wie die Sinti und Roma, er wettert gegen Faschismus oder Vertriebenenverbände, die auf die Ostgebiete nicht verzichten wollten. Er liest gegen Atomenergie, publiziert bei der Deutschen Presse-Agentur 2003 einen Text gegen den von US-Präsident George W. Bush initiierten dritten Golfkrieg. Die deutsche Wiedervereinigung 1990 kommt Grass zu schnell. Er sieht die Ostdeutschen über den Tisch gezogen.

Seine politische Heimat ist Grass nach dem Zweiten Weltkrieg die Sozialdemokratie geworden. Seit mehr als 40 Jahren engagiert sich Grass für die SPD in Wahlkämpfen, auch wenn er wegen der Asylrechtsänderung 1992 aus der Partei austrat.

Lange hat Grass - nach Erscheinen seines Debütromans „Die Blechtrommel“ 1959 zum international bekanntesten deutschen Gegenwartsautor avanciert - auf den Nobelpreis warten müssen. Als es 1999 dann soweit war, sagte der Sekretär des Nobelpreiskomitees Horace Engdahl in seiner Laudatio: „Das Erscheinen der "Blechtrommel" bedeutete die Wiedergeburt des deutschen Romans des 20. Jahrhunderts.“ Und die Oscar-gekrönte Verfilmung von Volker Schlöndorff machte Filmgeschichte.

In seinem umfassenden literarischen Werk hat Grass zu vielen Themen von Kalkutta bis zum Untergang der Menschheit („Die Rättin“) getrommelt, vor allem aber zu deutschen Themen: Den Verlust der Heimat verarbeitet, Danzig literarisch wiedererstehen lassen, am Schicksal des 1945 von einem russischen U-Boot in der Ostsee versenkten Flüchtlingsschiffes „Wilhelm Gustloff“ das Leid der deutschen Vertriebenen „Im Krebsgang“ (2003) unvergessen gemacht, ohne es von den Rechtsgewirkten vereinnahmen zu lassen. Seine eigene Mutter war, wie Grass erst nach deren Tod von seiner Schwester erfuhr, von russischen Soldaten vergewaltigt worden; sie hatte die Tochter, die dabei war, schützen wollen.

Eine besonders intensive Ausdruckskraft

Im lyrischen Werk, von Reich-Ranicki hochgelobt, findet Grass eine ganz eigene, besonders intensive Ausdruckskraft - etwa in den Bänden „Lyrische Beute“, „Letzte Tänze“ oder „Dummer August“. Oft schreibt Grass nach großen Prosawerken zum Ausgleich Lyrik. Und er, der auch Bildhauer und Maler ist, illustriert sie mit Federzeichnungen oder Aquarellen zum Beispiel. In den „Eintagsfliegen“ finden sich neben teils provozierender politischer Lyrik auch sehr berührende Texte über die Mühsal des Alters, den Tod. Und der Anspruch, einem frühen Rat Max Frischs folgend, „bis ins Alter hinein zornig zu bleiben und nicht - wie erwartet wird - im alles mildernden Abendlicht weise zu werden“.


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