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Ein Öko-Thriller "Made in Luxembourg"
Kultur 3 Min. 15.06.2018

Ein Öko-Thriller "Made in Luxembourg"

Der irische Schauspieler Martin McCann liefert als Umweltaktivist Jack de Long eine fesselnde schauspielerische Leistung ab.

Ein Öko-Thriller "Made in Luxembourg"

Der irische Schauspieler Martin McCann liefert als Umweltaktivist Jack de Long eine fesselnde schauspielerische Leistung ab.
FOTO: RICARDO VAZ PALMA/
IRIS PRODUCTIONS
Kultur 3 Min. 15.06.2018

Ein Öko-Thriller "Made in Luxembourg"

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Bestraft wird immer nur der kleine Mann von der Straße. Dabei sitzen die richtigen Kriminellen bequem in ihren Ledersesseln der Industrie-Chefetagen und kommen dort stets mit allem davon. Bis ... ja, bis die Wut im Bauch so groß wird, dass sich ein Mann aufmacht, Gerechtigkeit über Recht walten zu lassen.

Die gute Nachricht zuerst: den Luxemburger Öko-Thriller gibt es – und es geht ihm gut. Zu verdanken ist dies Regisseur Pol Cruchten, dessen Inszenierung aus „Justice.Dot.Net“ ein fein dosiertes Kammerspiel mit aktueller Brisanz macht, und seinem irischen Hauptdarsteller Martin McCann, der als Öko-Hacker-Aktivist Jake De Long eine beeindruckende Leinwandpräsenz zeigt. Zum Glück, denn beide lassen durch ihr Können über die Drehbuchschwäche bei der Figurenzeichnung hinwegsehen, die dem Film fast fatal hätten sein können. Dabei finden sich hier vom Ansatz her alle Zutaten zusammen, um ein spannendes, gesellschaftsrelevantes und zudem brandaktuelles Werk zu machen.

Zur Geschichte: Der Aktivist Jake de Long entführt mit drei Komplizen den Schweizer Industriellen Alain Jarnac (Philippe Duclos als passender Antipathie-Träger), den Ölbonzen Jean Dubois (Yves Jacques), die junge chinesische Geschäftsfrau Ning Tang (Mai Duong Kieu, die schon bei „Bad Banks“ mitwirkte) und die kanadische Umweltministerin Priscila Spencer-Kraft (Désirée Nosbusch als skrupellose Ministerin).

Sein Ziel: Sie zur öffentlichen Beichte ihrer Umweltsünden zu zwingen, und über „Justice.net“ – per Internet-Volksentscheid – die ganze Welt über ihre (Un)Schuld abstimmen zu lassen. Nicht nur die kanadische Polizei, auch eine private Söldnerarmee setzt alles daran, die Geiseln zu befreien ...

Auch wenn er in englischer Sprache gedreht wurde – was dem Drehbuchautor Thom Richardson, der Partnerschaft mit kanadischen und irischen Produzenten und sicherlich auch dem Wunsch nach einem breiteren Vertrieb geschuldet ist – so ist „Justice.Dot.Net“ doch ein Luxemburger Film. Einerseits, weil 70 Prozent seiner Kosten die Luxemburger Iris Produktion trägt (20 übernahm die kanadische Lyla Films, zehn die irischen Ripple World Pictures), viele Aufnahmen hierzulande entstanden sind und zahlreiche Luxemburger mitwirkten, andererseits, weil mit Pol Cruchten ein ebenso gestandener wie versierter Luxemburger Kapitän am Steuerruder steht.

Nestlé lässt grüßen

Und muss sich das Großherzogtum oft den Vorwurf gefallen lassen, beim globalen Fortschritt hinterher zu hinken, so ist es diesmal mit der Umweltthematik vor industriellem Gier-Hintergrund voll im „air du temps“. Nicht von ungefähr wecken Elemente des Films Reminiszenzen an den Weltkonzern Nestlé und prangern unter anderem dessen Geschäftsmodell an, billiges Grundwasser abzupumpen, um es – „Pure Life“ und die daraus resultierende Plastikmüllthematik lassen grüßen – wieder für teueres Geld zu verkaufen.

Die Frage des Unterschiedes zwischen Recht und Gerechtigkeit, sprich letztlich die moralische Debatte um die Selbstjustiz, ist dabei keine neue Prämisse, jedoch eine immer wieder spannende, da sie vom Publikum selbst eine persönliche Entscheidung und bestenfalls eine damit einhergehende (Selbst)Reflexion einfordert. Denn „Justice.Dot.Net“ setzt nicht auf eine empathische Parteinahme sondern auf die aktive Hinterfragung der Motive aller Beteiligten.

Cruchten weiß einfach, wie man mit Bildern Geschichten erzählt und Emotionen weckt.

Packend in Szene gesetzt wird das Ganze vom Regisseur – und selbst spürbar großem Cinephilen – Cruchten, der einfach weiß, wie man mit Bildern Geschichten erzählt und dabei wirksam Emotionen weckt. Allein eine einzige, kurze Einstellung zu Beginn des Filmes fasst dies sichtbar zusammen: eine Motorradfahrt durch Luxemburg als Spiegelung auf dem Helm des Bikers – großartig!

Die Sache mit den Guten und den Bösen

Getreu dem Altmeister Fritz Lang, baut Cruchten visuell gekonnt Spannung auf und kompensiert so, was dem Drehbuch grundsätzlich fehlt: nuancierter angelegte Figuren und das daraus resultierende Spannungspotenzial einer individuellen Entwicklung. Statt durch innere Konflikte, werden die Charaktere durch Prinzipien vorangetrieben – was für den Zuschauer leider einen raschen Interessensverlust bedeutet.

Schnell versteht das Publikum nämlich, dass die Bösen hier eigentlich die Guten sind – auch wenn dies das moralische Dilemma offenlegt, dass er deren Mittel dennoch nicht billigen darf.

Unter dem Strich präsentiert sich „Justice.Dot.Net“ als engagierter Film mit politischer Botschaft und perfekte Grundlage für generationsübergreifende Diskussionen. Wie harmonisch dabei diese erste Zusammenarbeit zwischen Regisseur Pol Cruchten und Produzent Nicolas Steil wirklich war, beweist ein weiteres Projekt, das sie demnächst gemeinsam in Angriff nehmen und bei dem sie buchstäblich die Puppen tanzen lassen – denn die Darsteller sind Marionetten. Schön, dass der Luxemburger Film noch immer für Überraschungen gut ist ...


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