Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Ein neuer Blick auf Edward Steichen
Kultur 5 8 Min. 14.10.2019

Ein neuer Blick auf Edward Steichen

Edward Steichens Geburtshaus wurde in den 1980er-Jahren abgerissen.

Ein neuer Blick auf Edward Steichen

Edward Steichens Geburtshaus wurde in den 1980er-Jahren abgerissen.
Foto: Collection Marcel Schroeder/Photothèque de la ville de Luxembourg
Kultur 5 8 Min. 14.10.2019

Ein neuer Blick auf Edward Steichen

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Maler, Kurator, Textildesigner, Galerist, Pflanzenzüchter und Talentförderer: Eine neue Biografie korrigiert das veraltete Zerrbild, das dem berühmten Fotopionier Edward Steichen immer noch anhängt. Es gilt, Steichens „grandiose Vielfalt“ zu erkennen.

Edward Steichen? Die von ihm kuratierte „Family of Man“ in Clerf? Alles doch längst bekannt. Oder doch nicht? Immer noch, das zeigen die Arbeiten von Gerd Hurm, werden Edward Steichens Leistungen nicht auf breiter Basis gesehen. Die von dem Trierer Amerikanistik-Professor nun veröffentlichte Biografie um den in Biwingen geborenen Fotografiepionier und Netzwerker weit über den Kulturbereich hinaus ist eine dichte Bündelung, die mit dem Schubladendenken um Steichen ein Ende machen will.

Gerd Hurm, haben Sie nach den all den intensiven Recherchen sogar einen Steichen-Rittersporn oder einen Steichen-Kohlrabi im eigenen Garten?

(lacht) Nein, so weit kam es noch nicht. Aber Rittersporn-Sorten, die er als Züchter entwickelt hat und die auf den Markt kamen, sind, soweit ich weiß, noch heute zu bekommen. Meine Frau hat mir einen Rittersporn geschenkt, der mich daran erinnert. Und wir haben, wie es der Zufall will, eine Felsenbirne im Garten, ähnlich der, die in der Nähe von Steichens Haus stand und die er immer wieder zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten fotografiert hat.

Für mich sind alte Modefotografien Kunstwerke. Steichen, zum Beispiel. Gibt es etwas, das so schön ist wie ein Steichen?

Karl Lagerfeld, Stardesigner

Sind Sie – wie Paul Lesch, der Leiter des Centre national de l'audiovisuel, über Sie sagt – der „Steichen-Botschafter“ par excellence? Ein Amerikanistik-Experte mit bestem Netzwerk in die Forscherwelt diesseits und jenseits des Atlantiks und von einer Steichen-Manie befallen, seit Sie zum ersten Mal die „Family of Man“ in Clerf gesehen haben?

Es gibt viele Steichen-Experten und -Botschafter, denen ich viel zu verdanken habe. Doch ja, ich gebe zu, dass mich Steichens Arbeit begeistert und anspornt. Und ich auch Stellung beziehe, wenn das Steichen-Bild, das geschildert wird, so nicht stimmt. Es gibt viele Bestände in sehr vielen Schubladen, die, zusammengeführt, Steichens Werk noch bedeutsamer machen könnten.


Pam and Kim, from the series Dystopia, 1994-95
CNA erhält millionenschwere Privatsammlung
Die deutsche Teutloff-Sammlung wird bereits für die Archive in Düdelingen aufgearbeitet und könnte schon 2023 ins Bra'haus in Clerf ziehen.

Und die haben Sie alle geöffnet?

Was ich in der Biografie getan habe, war erst einmal, die wichtigsten bekannten Aspekte neu zusammenzufassen. Das, was sich bereits in den publizierten, aber zum Teil noch unbekannten Texten findet. In den Archiven sind noch mehr Schätze zu heben. Steichen war einfach so breit interessiert und aktiv, dass es in jedem Bereich – ob zum Fotografiepionier, zum MoMA-Kurator, zum Pflanzenzüchter, zum Textildesigner, zum Talentförderer, zum international vernetzten Galeristen, der Cézanne, Matisse, und Picasso zum ersten Mal in den USA zeigte – und zu weiteren seiner Passionen – jeweils andere Quellen gibt, die noch nicht miteinander verbunden worden sind. Dazu will ich in aller Knappheit und als Zusammenschau – ohne den Anspruch auf Vollständigkeit – Anreize geben und letztlich natürlich die Leser dazu animieren, sich die Originalwerke anzusehen. Die Biografie stellt Steichen, wenn ich das sagen darf, in seiner Fülle neu dar. Wenn jetzt nach den ersten Rückmeldungen einer der führenden internationalen Amerikanisten, Werner Sollors aus Harvard, urteilt „Ich habe viel gelernt!“, macht mich das froh und stimmt mich zuversichtlich.

Sie leiten eben genau mit einer Auflistung von Steichens vielfältigen Interessen und Lebensleistungen in der Biografie ein. Ist das nicht zu viel Lobhudelei? Schlicht könnte man auch behaupten, Steichen hat sich sehr genau herausgesucht, wo er sich in Szene setzen konnte ...

Das muss man schon differenziert sehen. Ja, er hat es schnell vom einfachen Porträtfotografen zum Wunderkind der neuen US-amerikanischen Fotografieszene geschafft. Ja, auch Skandale wurden durch ihn ausgelöst. Aber er hat nicht aus reinem Eigennutz gehandelt. Oder war nur auf Kommerz aus. Eines der vielen Beispiele dafür ist, wie er sich dafür einsetzte, dass Fotografen gutes Geld für ihre Arbeit bekamen – ja, überhaupt als Künstler und als Meister ihres Handwerks anerkannt wurden. Auch hätte er durchaus viel Geld damit verdienen können, seinen Freund Pablo Picasso beim letzten Treffen in Südfrankreich zu fotografieren. Aber die Angebote dazu lehnte er ab. Sicher hat er viel Geld verdient, aber immer auch kollegial geschaut, dass andere ebenso profitieren.

Wie glaubwürdig sind seine Darstellungen seiner eigenen Arbeit in seiner Autobiografie?

Nach zwei Schlaganfällen ist seine Autobiografie von Lücken durchzogen oder es werden einige Dinge anders erzählt, als er sie zuvor beschrieben hat oder wie sie historisch korrekt sind. Mir geht es erst mal um die Grundlagen, um dann die kritische Auseinandersetzung mit Steichen besser zu führen. Die Biografie versucht sich nicht in Lobhudelei. Es gibt immer noch das Zerrbild des altmodischen, zu spät gekommenen, am Kommerz interessierten und unpolitischen Künstlers. Das entspricht aber nun einmal nicht dem, was ich in den Quellen vorgefunden habe. 

Es geht mir darum, diese grandiose Vielfalt des Künstlers, des Kriegsreporters, des Frauenrechtlers und des Ökologen Steichen aufzuzeigen. Wenn man genau schaut, engagierte sich die Großfamilie Steichen etwa, vor allem mit dem Schwager Carl Sandburg, für eine quasi sozialdemokratische Lokalpolitik in Milwaukee, die bis heute zu den Vorbildern des linken US-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders zählt.

Also war Steichen eine Art politischer Leonardo da Vinci, vermischt mit dem American Dream? Aus armen Verhältnissen zum reichen Multitalent, das seiner Zeit weit voraus war?

Derart plakative Beschreibungen wurden für Steichen schon zu oft verwendet, sind aber nicht wirklich zutreffend. Insbesondere, dass er zu naiv auf die Welt geblickt habe, ist mehr als fragwürdig. Durchaus gibt es in seiner Biografie Widersprüche – und die stelle ich auch dar.


"Family of Man": Der Mensch in all seinen Facetten
Mehr als zwei Jahre lang wurden die Räumlichkeiten der Ausstellung „The Family of Man“ im Clerfer Schloss renoviert. Am Freitag, den 5. Juli fand die feierliche Neueröffnung der weltbekannten Ausstellung statt.

Eben Widersprüche wie sein Verhältnis zu Luxemburg? Überhaupt ist das Thema Luxemburg und Steichen erst einmal nicht gerade von enger Verbundenheit geprägt – weder zu Lebzeiten, noch danach ...

Der Luxemburger Hintergrund von Steichen ist schon beachtlich. Er erbt zum Beispiel den sozialistischen Unternehmersinn der Luxemburger Mutter, die ein großes Hutmachergeschäft mit bis zu zehn Angestellten führte – und sein Engagement für die Frauenbewegung hat sicher auch mit ihr und seiner Schwester Lilian zu tun. 

Das Transnationale ist ein weiteres Beispiel. Kooperation, Zusammenarbeit und Toleranz sind ihm wichtige Themen. Seine Mehrsprachigkeit und Weltoffenheit erlaubten es ihm, Brücken zu schlagen, sich in verschiedenen Sprachen zu bewegen und sich neue Kontexte zu erschließen. Das hilft ihm später in Paris, wo er auf zentrale Künstler wie Rodin oder Matisse trifft. Er tauscht Wissen über den Atlantik hinweg aus – lange bevor andere US-Amerikaner wie die Steins sich in Paris niederlassen. Er lernt in den Wiener Werkstätten neue Techniken und Entwicklungen im Design kennen. In London wird er in der aufkommenden Fotografieszene mit seinen Arbeiten gefeiert, er erhält in Paris eine erste Einzelausstellung als Maler und als Fotograf – das schafft ihm Netzwerke, die er immer weiter ausbaut.

Dann ist er doch einfach nur ein guter Netzwerker, der seine Luxemburger Wurzeln, wenn sie ihm in den Kram passen, benutzt. Er trifft Großherzogin Charlotte in Washington, wittert die Chance, um sich weiter zu inszenieren und lässt den Luxemburg-Zug anrollen ...

Ich sehe das nicht so negativ. Als er in den 1950er-Jahren nach Luxemburg kam, wollte er die geplante Wanderausstellung „Family of Man“ eigentlich auch hier beginnen lassen. Das Angebot wurde aber ausgeschlagen und er wurde zunächst bitter enttäuscht. In seiner kurz danach geschriebenen Autobiografie erwähnt er Luxemburg lediglich als Geburtsort der Mutter. 

Die Anerkennung von Steichen und seinem Werk beginnt in Luxemburg erst mit der Initiative und Aufarbeitung von Rosch Krieps in den 1960ern – und dann in der großartigen Weiterführung im CNA durch Jean Back, Paul Lesch und Anke Reitz, die heute die Ausstellung in Clerf betreut. Auch meine Arbeit beruht stark auf diesen Vorleistungen und war nur dank dieser großen Unterstützung machbar. Die beginnende Wertschätzung in Luxemburg hat Steichen dann noch persönlich erlebt; das hat ihm geschmeichelt – und es war sicher auch der Grund, warum die Ausstellungen „Family of Man“ und „The Bitter Years“ nach Luxemburg kamen. Eine späte Versöhnung sozusagen.


"The Family of Man", einst kuratiert von Edward Steichen, erstrahlt wieder in neuem Glanz im Clerfer Schloss.
Luxemburgs Fotoerbe: Hinschauen statt konservieren
Luxemburg verfügt über viele fotografische Schätze, zum Beispiel jene von Edward Steichen. Nicht immer wird dieses Erbe gut aufbereitet. Kultureinrichtungen fordern mehr Engagement – politisch, wissenschaftlich und künstlerisch.

Warum ist die Neubewertung Steichens für Sie so wichtig?

Es kriselt in den westlichen Demokratien. Und da ist es gut differenziert zurückzuschauen. Auf wen kann ich aufbauen, wenn ich die heutige Situation analysieren und mit neuen Perspektiven versehen will? Steichen wusste, dass manche Probleme keine Grenzen kennen. Er befasste sich mit ökologischen Themen und Krisen. Zudem ist eines der größten Bilder, das er für die „Family of Man“ auswählte, das der UN-Generalversammlung. Als Bildzeile benutzt er ein Zitat aus der UN-Menschenrechtscharta, in dem die Gleichberechtigung von Mann und Frau betont wird – und das Verhältnis von kleinen zu großen Ländern. Die UN war für ihn, wie für viele damals, eine große Hoffnung. Da ist diese Luxemburger Erfahrung spürbar, im Herzen Europas etwas anzuregen, dass die Kooperation, die Zusammenarbeit dasjenige ist, was entscheidend ist. 

Noch ein Zitat, das die Aktualität seiner Arbeit belegt: Steichen setzt sich für einen global denkenden Politikansatz ein, der aber den einzelnen Menschen nicht aus den Augen verliert. In der Einleitung der „Family of Man“ schreibt er, dass die Fotografie „das zersetzende Böse, das der Lüge innewohnt“, zeigen könne. Ich wiederhole: „das zersetzende Böse, das der Lüge innewohnt“ – aktueller kann man doch kaum sein im Anbetracht nationalistischer Autokraten. Ich glaube, dass er in Zukunft als einer der ganz großen Künstler des 20. Jahrhunderts gesehen werden wird – auf einer Stufe mit Picasso, Matisse und anderen. Meine Studierenden, denen ich die „Family of Man“ zeige, reagieren begeistert auf die große Wirkung Steichens.
______
Gerd Hurm: Edward Steichen. Broschiert, 176 Seiten, mit zahlreichen Illustrationen. Preis: 19 Euro. Erhältlich ab 17. Oktober im Buchhandel und über www.editions.lu.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Edward Steichen in der Villa Vauban: Zeitlos schön
„Als Konservator ist Steichen weltberühmt, aber weniger bekannt ist seine eigene Fotografie“, so Gabriele D. Grawe. Die Konservatorin der Villa Vauban will das nun mit der Schau „Time Space Contiuum“ ändern.
The Blue Sky: Das Porträt von Dana Steichen. (1923)
Luxemburgs Fotoerbe: Hinschauen statt konservieren
Luxemburg verfügt über viele fotografische Schätze, zum Beispiel jene von Edward Steichen. Nicht immer wird dieses Erbe gut aufbereitet. Kultureinrichtungen fordern mehr Engagement – politisch, wissenschaftlich und künstlerisch.
"The Family of Man", einst kuratiert von Edward Steichen, erstrahlt wieder in neuem Glanz im Clerfer Schloss.
"Family of Man": Der Mensch in all seinen Facetten
Mehr als zwei Jahre lang wurden die Räumlichkeiten der Ausstellung „The Family of Man“ im Clerfer Schloss renoviert. Am Freitag, den 5. Juli fand die feierliche Neueröffnung der weltbekannten Ausstellung statt.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.