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Ein Genre im Erschöpfungszustand
Kultur 1 2 Min. 19.05.2019

Ein Genre im Erschöpfungszustand

„Black Summer“ beschreibt, wie Menschen in einer gesetzlosen Welt mit harten Bandagen ums Überleben kämpfen müssen.

Ein Genre im Erschöpfungszustand

„Black Summer“ beschreibt, wie Menschen in einer gesetzlosen Welt mit harten Bandagen ums Überleben kämpfen müssen.
Foto: Netflix
Kultur 1 2 Min. 19.05.2019

Ein Genre im Erschöpfungszustand

Zapping-Kritik der Woche: Die neue Serie „Black Summer“ zeigt, dass selbst das reizvollste Setting irgendwann dann doch auserzählt ist. Bis zur nächsten Frischekur für das erschöpfte Genre halten echte Fans sich daher besser an die Klassiker.

Von Kathrin Koutrakos 

Als 1968 „Die Nacht der lebenden Toten“ in die Kinos kam, versetzte der Streifen nicht nur eine ganze Nation in Angst und Schrecken, er setzte auch cineastische Maßstäbe. 

Der Zombiefilm war als Subgenre des Horrorfilms endgültig eigenständig geworden und mit ihm waren seine blässlichen, angefaulten Gestalten gekommen, um zu bleiben: Bis heute stolpern sie mit ausgestreckten Armen und tumbem Gesicht auf der Suche nach Menschenfleisch über die Bildschirme.

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Wenn auch das Motiv der Untoten ungleich älter ist und sehr grundsätzliche Fragen von Leben und Tod berührt – der Zombiefilm, wie wir ihn heute kennen, hatte hier seine Geburtsstunde. Es wurde oft geschrieben, dass dieser filmische Meilenstein nicht zufällig im unruhigen Jahr 1968 entstanden ist. Die Bedrohungskulisse der Zombie-Apokalypse als Analogie auf die entmenschlichte Massengesellschaft der Moderne zu lesen, gehört seit jeher zu den beliebten Interpretationen.  

Leider Masse statt Klasse

Den vorerst letzten Höhepunkt erlangten das Genre mit der Serie „The Walking Dead“ (2010): In epischer Länge wurde hier das Schicksal einer Gruppe in Zeiten der Zombieapokalypse gezeigt. Der Fokus auf Psychologie, Gruppendynamik und das Menschelnde im Angesicht der Unmenschen gab dem Genre hier eine neue Richtung – die Serie erreichte Kultstatus. Seitdem herrscht in der Zombieszene bedauerlicherweise Masse statt Klasse.


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Man darf daher mit Berechtigung fragen, was eine weitere Produktion dem Genre fast zehn Jahre später hinzuzufügen hat. Die mit großem Werbeaufwand und atmosphärisch verdichteten Trailern angekündigte Serie „Black Summer“ ist das Prequel zur postapokalyptischen Serie „Z Nation“, in der eine Handvoll Überlebender auf der Suche nach einem Impfstoff die Vereinigten Staaten durchquert.

Auf alles verzichtet, was eigentlich Pflicht ist

„Black Summer“ kommt nun die wenig originelle Aufgabe zu, die Entstehung dieser Apokalypse zu zeigen. Diese folgt – wenig überraschend – jener standardisierten Dramaturgie, die selbst Fernsehzuschauer, die dem Genre nicht nahestehen, im Schlaf aufsagen können: fliehende Menschen, die in militärische Sicherheitszonen gebracht werden, freudige Überlebende, die sich an der prall gefüllten Warenwelt verlassener Supermärkte erfreuen (Spoiler: Der Zombie lauert immer in der Kühlkammer), Helikopter, die über menschenleeren Städten kreisen, und natürlich die obligatorisch heterogene Gruppe, die in einer gesetzlosen Welt mit harten Bandagen ums Überleben kämpft, alles erzählt in erratischen Sequenzen, die mal die Perspektive eines Protagonisten fokussieren, mal ein Thema verhandeln. 


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Die Serie folgt dem konventionellen Zombiestorytelling dabei so völlig ohne eigene Impulse, dass es schon fast wieder originell ist. Dabei verzichtet sie auf alles, was im Genre eigentlich zur Pflicht gehört: Eine plastische Figurenzeichnung der Protagonisten, eine überzeugende Maske, eine konsistente Atmosphäre und hin und wieder zumindest den ein oder anderen überraschenden Twist – all das vermisst man während der dröge und lieblos zusammengestückelten Folgen vergeblich.

Früher war alles besser

„Black Summer“ ist als Serie sterbenslangweilig, dennoch stellt sie einen wichtigen Meilenstein dar: Sie ist ein Mahnmal dafür, dass selbst das reizvollste Setting irgendwann auserzählt ist, wenn es nicht mehr mit inhaltlichen oder formellen Innovation aufwarten kann. 

Bis zur nächsten Frischekur für das erschöpfte Genre halten echte Fans sich daher besser an die Klassiker. Denn hier ist es tatsächlich einmal wahr: Früher war alles besser.
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Black Summer, alle Folgen auf Netflix.








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