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Ein Blick auf den Holocaust, generationsübergreifend
Kultur 6 Min. 24.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Ein Blick auf den Holocaust, generationsübergreifend

Mehr als nur ein intergenerationeller Dialog: der Zeitzeuge Claude Marx (2. v. l.) und die drei jungen Protagonisten der Dokumentation, Marie Yopo-Chadon, Christina Khoury und Dean Schadeck (v. l. n. r.), in der Escher Synagoge.

Ein Blick auf den Holocaust, generationsübergreifend

Mehr als nur ein intergenerationeller Dialog: der Zeitzeuge Claude Marx (2. v. l.) und die drei jungen Protagonisten der Dokumentation, Marie Yopo-Chadon, Christina Khoury und Dean Schadeck (v. l. n. r.), in der Escher Synagoge.
Foto: Karolina Markiewicz
Kultur 6 Min. 24.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Ein Blick auf den Holocaust, generationsübergreifend

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Karolina Markiewicz und Pascal Piron bringen mit „The Living Witnesses“ zwei Holocaust-Überlebende und drei Jugendliche zusammen – und aus dieser lebendigen Geschichtsstunde über die Vergangenheit entspringt eine unerlässliche Lektion für das Morgen.

"Am Montag, dem 27. Januar 2020, werden auch wir bei den offiziellen Feierlichkeiten in Auschwitz anwesend sein: Um die Rede unseres Protagonisten Marian Turski aufzunehmen und weil es uns wichtig ist, an diesem besonderen Tag auch dort zu sein“, so Karolina Markiewicz.

Teil der eigenen Familiengeschichte

Nicht nur ein künstlerisches Interesse treibt die Luxemburger Regisseurin und Künstlerin, die seit 2013 im Duo mit Pascal Piron arbeitet, dabei an, auch ein persönliches: Ein Teil ihrer Familie mütterlicherseits starb in Konzentrationslagern.

„Meine Großmutter, inzwischen 90 Jahre alt, erzählte nur sehr wenig und erst spät von ihren Erlebnissen aus dieser Zeit“, vertraut Markiewicz an und hebt hervor, dass dieser private Bezug ihre kreative Arbeit erleichtert – „er führt mir stets vor Augen, dass das Thema ,Holocaust‘ keine abgeschlossene Vergangenheit ist“.

Ihr aktuelles, von Paul Thiltges Distributions getragenes Filmprojekt, „The Living Witnesses“, ist ein extremer Registerwechsel im Vergleich zum Virtual-Reality-Film „Sublimation“, mit dem das Duo im vergangenen Jahr u. a. in der offiziellen Auswahl der Mostra von Venedig war.

Dabei mutet die Realität, die er zeigt, umso unfassbarer an, denn sie thematisiert – mit der Shoah – Schreckliches: Was ein Mensch seinem Nächsten an Leid zuzufügen fähig ist, erscheint heute noch unbegreiflich.

Geschichte im intergenerationellen Kontext

2017 tritt die MemoShoah-Vereinigung an das Künstlerduo mit dem Vorschlag heran, eine Dokumentation über die Deportation der Luxemburger Juden zu realisieren, die in Schulen gezeigt werden soll.

„Pascal und ich waren uns sofort einig, dass wir stärker daran interessiert seien, zu erforschen, wie Geschichte gedacht und geschrieben wird, wie ihr Echo nachhallt und was die Historie von damals mit der von heute direkt verbindet – und dies in einem intergenerationellen Kontext“, so Markiewicz. Der Gegenvorschlag findet schnell Zustimmung.

„The Living Witnesses“ ist somit kein klassischer historischer Dokumentarfilm, sondern eine Annäherung an die Geschichte durch fünf Protagonisten, drei Jugendliche und zwei Zeitzeugen, mit denen das Regieduo diese Fragen filmisch ergründen will.

Protagonist und Zeitzeuge Claude Marx als Beobachter der Dreharbeiten: Filmemacher-Duo Karolina Markiewicz (l.) und Pascal Piron (2.v.r.) mit Kamerafrau Amandine Klee (r.).
Protagonist und Zeitzeuge Claude Marx als Beobachter der Dreharbeiten: Filmemacher-Duo Karolina Markiewicz (l.) und Pascal Piron (2.v.r.) mit Kamerafrau Amandine Klee (r.).
Foto: Claude Marx

Fünf Persönlichkeiten und Geschichten

Die drei Jugendlichen bringen hierbei alle ihre eigene Persönlichkeit und Geschichte mit ein.

Die 20-jährige Christina Khoury stammt aus Syrien, lebt seit 2013 in Luxemburg, büffelt aktuell für ihren Bac international und strebt später ein Rechtsstudium an.


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Der 16-jährige Luxemburger Dean Schadeck erwägt, aus dem von den Erzählungen der Urgroßmutter befeuerten geschichtlichen Interesse später seinen Beruf zu machen.

Und die 21-jährige Marie Yopo-Chadon floh mit ihrer Familie vor den blutigen Unruhen in der Elfenbeinküste und hat trotz aller Gewalt, die sie dort miterlebt hat, nicht den Glauben an das Gute im Menschen verloren.

Wir alle drei mit unseren eigenen Geschichten und Persönlichkeiten haben auch etwas zum Holocaust zu sagen.

Christina Khoury

Die drei treffen auf zwei Zeitzeugen: Claude Marx, der den Zweiten Weltkrieg als jüdisches „enfant caché“ in Frankreich überstand, und Marian Turski, der als polnischer Jude 1944 ins KZ Auschwitz deportiert wurde und später einen Todesmarsch in das KZ Buchenwald sowie das Getto Theresienstadt überlebte.

„Es war sehr bewegend mitzuerleben, wie ihre Begegnung erfolgte und wie natürlich sich diese zwei scheinbar so weit voneinander entfernten Generationen zusammenfanden – eine banale Randnotiz, die es perfekt verdeutlicht: Die drei frühstückten nie ohne ,ihren‘ Claude, während er sie stets ,les trois poussins‘ nannte“, verrät die Filmemacherin.

Er sagte: ,Es ist an euch, der Jugend, die Welt zu verändern‘ – das hat mich sehr berührt.“

Marie Yopo-Chadon über den Zeitzeugen Marian Turski

Erstmals nehmen sie und Piron die Kamera nicht selbst in die Hand, sondern vertrauen sie Amandine Klee und den Jugendlichen selbst an, die Fotos, Selfies und Handyaufnahmen beisteuerten, – vier Blicke, die den Film bereichern.

„Wir hatten etwas Zweifel, ob wir wirklich filmen und Dinge kommentieren sollten, kamen aber nach langen Gesprächen unter uns zum Schluss, dass wir alle mit unseren eigenen Geschichten und Persönlichkeiten auch etwas dazu zu sagen hatten“, erläutert Christina.

Zugreise in die Vergangenheit und Zukunft

Für die Dreharbeiten im Konzentrationslager fahren Protagonisten und Crew – „einfachheitshalber, weil es sich auch während der Fahrt problemlos filmen lässt“ – mit dem Zug nach Berlin, dann weiter nach Auschwitz, wo sie von der Gedenkstätte drei Drehtage bewilligt bekommen.

„Ganz bewusst haben wir die Jugendlichen nicht während des eigentlichen Besuchs des KZs gefilmt, da wir ihnen diesen persönlichen Moment selbst überlassen wollten“, erklärt Markiewicz und führt weiter aus, dass es danach gleich zum angeregten Austausch in der Fünfergruppe kam.

Ich betrete Auschwitz immer wieder aufs Neue mit diesem Gefühl, das man hat, wenn man eine Kirche betritt.

Karolina Markiewicz

„Ich bin mit einem düsteren Bild im Kopf nach Auschwitz gegangen; was ich dort antraf, waren strahlende Sonne, blauer Himmel, grünes Gras, Menschen, die beim Besuch nicht nur mürrisch dreinschauten, sondern auch lachten – das ,normale‘ Leben eben“, erinnert sich Christina, die dieser Kontrast besonders erschütterte. 

Markiewicz, die bereits 23 Mal u. a. auch mit Schulklassen das KZ besuchte, weiß, wie stark diese Erfahrung einen Menschen beeindruckt, ja verändern kann: „Ich betrete Auschwitz immer wieder aufs Neue mit diesem Gefühl, das man hat, wenn man eine Kirche betritt.“

Meine Erinnerungen an damals sind etwas Unbewegliches, ja Starres; die Begegnung mit den Jugendlichen und ihrem Erlebten hat mir erlaubt, meinen Rückblick anders zu sehen.

Zeitzeuge Claude Marx

Marie für ihren Teil erinnert sich an die „unbeschreiblich tiefe Traurigkeit“, die sie dort erfasst. Hoffnung macht ihr jedoch Marians Antwort auf ihre brennende Frage, ob so etwas Schlimmes nicht vielleicht wieder passieren könnte: „Er sagte: ,Es ist an euch, der Jugend, die Welt zu verändern‘ – das hat mich sehr berührt.“

Der Brückenschlag zur Jetztzeit und zugleich der Ausblick auf die beunruhigend anmutende Zukunft gelingt „The Living Witnesses“ durch den Blick der jungen Protagonisten und durch Abstecher in der Aktualität, wie den Besuch eines Aufmarschs polnischer Nationalisten in Warschau oder eine Antifa-Demo in Berlin.

„Meine Erinnerungen an damals sind etwas Unbewegliches, ja Starres; die Begegnung mit den Jugendlichen und ihrem Erlebten hat mir erlaubt, meinen Rückblick anders zu sehen“, resümiert derweil Claude Marx, was er aus diesem Dialog mitnimmt.

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir noch immer in der Nachkriegszeit leben.

Karolina Markiewicz

„Wir dürfen nicht vergessen, dass wir noch immer in der Nachkriegszeit leben“, mahnt Karolina Markiewicz und verweist auf beunruhigende nationalistische Entwicklungen, nicht nur in Polen, sondern in ganz Europa.

Umso wichtiger scheint ihr die persönliche Erfahrung, die sie selbst als Lehrerin in der Dependenz des Lycée Technique du Centre auf Kirchberg täglich macht, auch den Zuschauern von „The Living Witnesses“ zu vermitteln: „Von wegen Null-Bock-Generation, die ständig nur am Handy hängt: Die heutigen Jugendlichen sind sehr interessiert – auch am Zweiten Weltkrieg, die Gräueltaten von damals faszinieren sie heute noch, weil sie sie verstehen wollen.“

Für den Holocaust sollte sich jeder Mensch interessieren, um zu verstehen und zu wissen, warum man niemanden unterdrücken soll – und dass es keine Rolle spielt, welcher Religion man angehört, wo man herkommt oder welche sexuelle Orientierung man hat.

Dean Schadeck

„Für den Holocaust sollte sich jeder Mensch interessieren, um zu verstehen und zu wissen, warum man niemanden unterdrücken soll – und dass es keine Rolle spielt, welcher Religion man angehört, wo man herkommt oder welche sexuelle Orientierung man hat“, erklärt Dean, der seine persönliche Erfahrung mit Zeitzeugen später als Historiker weitergeben möchte.

Verstehen wie man zu Opfer und Täter wird

Durch ein Projekt wie „The Living Witnesses“ kommen so alle, Beteiligte und spätere Zuschauer, in diesem komplexen Prozess des Verstehens ein Stück weiter, wenn sie sich gemeinsam auf die Suche machen, zu erkunden, wie aus gewöhnlichen Menschen plötzlich Täter und Opfer werden.

„Uns ist in dieser Gemeinschaft umso bewusster geworden, dass es neben all dem Schrecklichen, das passiert bzw. das man erlebt, stets auch Mitgefühl, Verständnis, Solidarität gibt – kurz, ,on peut s’en tirer‘ “, fasst Claude Marx zusammen. Und Marie meint zum Abschluss: „Schließlich geht es im Leben letztlich immer nur um eines: Menschlichkeit.“


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