Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Die zwei Seiten der Medaille
Kultur 1 3 Min. 16.09.2018

Die zwei Seiten der Medaille

John Krasinski (l.) schlüpft diesmal in die Rolle des gewieften Analysten Jack Ryan. An der Seite seines Chefs James Greer (Wendell Pierce) geht es gegen einen hemmungslosen Terroristen.

Die zwei Seiten der Medaille

John Krasinski (l.) schlüpft diesmal in die Rolle des gewieften Analysten Jack Ryan. An der Seite seines Chefs James Greer (Wendell Pierce) geht es gegen einen hemmungslosen Terroristen.
Foto: Amazon Prime Video
Kultur 1 3 Min. 16.09.2018

Die zwei Seiten der Medaille

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Es hätte ein Fiasko werden können: Amazon hat für seinen Streaming-Dienst eine Terrorserie bestellt. Mit der zur Dachmarke avancierten Romanfigur Jack Ryan geht es in ein Spiel zwischen der CIA und einem neuen Bin Laden. Zum Glück denken die Macher mehrdimensional.

John Krasinski hatte es nicht leicht. Es gab einfach so viele Vorstellungen seiner Figur Jack Ryan, dass sie schlicht zur Bürde werden könnte. Harrison Ford schlüpfte Mitte der 1990er-Jahre in die Heldenrolle, die durch die Bücher von Tom Clancy an sich einen großen Fankreis vorweisen konnte. Dazu hatte Alec Baldwin in „The Hunt for Red October“ 1990 schon seine bewunderte Interpretation zu bieten, und neben Ben Affleck 2002 war auch noch Chris Pine 2014 als Agent Ryan zu sehen.

So wurde Krasinski, sonst eher an der Seite seiner Frau Emily Blunt verortet, mindestens unter Beobachtung gestellt, was er aus der 007-ähnlichen Figur machen würde – und natürlich wie die Drehbuchautoren den Stoff nach den Motiven von Clancys Büchern entwickeln würden. Denn der Vorwurf stand im Raum: Brauchte es lediglich die zugstarke, schon eingeführte Marke „Jack Ryan“, weil man sich nicht traute, es mit einem kompletten Neustart zu versuchen? Zumindest überließ man bei der Rückkehr des Clancy-Helden nichts dem Zufall – eine Kampagne um das US-TV-Highlight Super Bowl eingeschlossen. Und das Ergebnis? Um es vorwegzunehmen: Erstens hat die Serie ein wunderbares, spannendes und modernes Storytelling bekommen, das sich wohltuend von manch anderer „Gut gegen Böse“-Geschichte unterscheidet und auch Grauzonen der Figuren zulässt.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Zweitens kann den Figuren Raum geschaffen werden. Das liegt allerdings auch am Serienformat, bei dem mehr Platz für Rückblenden und die Entwicklung von Handlungssträngen ist. „24“ und andere Erfolgsserien haben im Genre eben gezeigt, was geht. Doch es geht noch eine Nummer komplexer. Grob lassen sich die Erzählelemente in den acht Folgen der ersten Staffel so überblicken: Jack Ryan und seine offenbar traumatische militärische Vergangenheit, die ihm Außeneinsätze und den Schlaf erschwert; der clevere und moralisch starke CIA-Agent, der nichts über sich verraten soll, aber auf der Suche nach vertrautem Liebesglück ist. Und nicht zuletzt seine Konfrontation mit einem neuen Boss James Greer, der wiederum nicht offenbaren will, warum er degradiert wurde und sich lieber auch mit scheinbar einfachen Lösungen zufrieden gibt.

Komplexe Handlung und Figuren

Damit nicht genug: Der erstarkende, immer weniger sich vor grausamem Terror scheuende Gegner, Suleiman, steht dem Duo Ryan-Greer gegenüber. Und auch da schillern die Aspekte: die Entwicklung des Bösewichts – übrigens fast noch interessanter als die Geschichte des Helden; das tiefe Verhältnis zu seinem Bruder, die Geschichte seiner Frau und der gemeinsamen Kinder, sein Aufschwingen zum Scheich.

Dann bemüht sich die Serie, die Migration, die Gefahr durch Kampfstoffe, Terror in europäischen Großstädten, die Ausgrenzungen und der Rassismus gegenüber Muslimen, die Rolle der Frauen im Islam, politische Ränkespiele auf dem Rücken der Opfer und die Asymmetrie der neuen Kriege inklusive der moralischen Dimension von Drohneneinsätzen zu thematisieren – und das durchaus so realistisch, dass es dem Zuschauer kalte Schauer über den Rücken laufen lässt. Das einzige Manko: Die Konzentration auf den Held Ryan, der scheinbar alles im Alleingang letztlich durchschaut und klärt. Aber das könnte man auch Dr. House vorwerfen und trotzdem hat die Serie Erfolg gehabt.

Ohne Tempo, Action und Spannung zu verlieren und dank des Einbaus radikaler Wendungen steigt letztlich das Fieber für die sich immer weiter ineinander verwickelnde Geschichte – und genau das ist der Pluspunkt für die Serie.

Mag vielleicht Krasinski manchmal zu naiv seine Figur darstellen – Charaktere, wie die von Dina Shihabi herausragend gespielte „Hanin“, die Frau des Bösewichts, machen die kleinen Kanten mehr als wett. Und das Vertrauen von Amazon in den Erfolg ist offenbar schon so groß, dass die Dreharbeiten für die zweite Staffel laufen.

______

„Tom Clancy's Jack Ryan“, 8 Folgen, verfügbar auf Amazon Prime Video (kostenpflichtig).