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„Die Welt auf den Kopf drehen“
Kultur 4 Min. 30.01.2017 Aus unserem online-Archiv
Schriftsteller und Satiriker Jhemp Hoscheit

„Die Welt auf den Kopf drehen“

"Ich lese über 100 Bücher im Jahr." Jhemp Hoscheit in seinem Studierzimmer.
Schriftsteller und Satiriker Jhemp Hoscheit

„Die Welt auf den Kopf drehen“

"Ich lese über 100 Bücher im Jahr." Jhemp Hoscheit in seinem Studierzimmer.
Foto: Pierre Matgé
Kultur 4 Min. 30.01.2017 Aus unserem online-Archiv
Schriftsteller und Satiriker Jhemp Hoscheit

„Die Welt auf den Kopf drehen“

Pol SCHOCK
Pol SCHOCK
Nach 23 Jahren kehrt Jhemp Hoscheit mit seinem Kabarettprogramm „Sorry fir deen Duercherneen!“ auf die Bühne zurück. Im Interview erklärt er, warum Satiriker nicht das Weltbild der Beleidigten bestätigen sollen.

Interview: Pol Schock

Wer zu Jhemp Hoscheit will, muss hoch hinauf. Über die knarrende Holztreppe gelangt man in einen Raum im Dachgeschoss mit altem Sekretär, einer Wandbibliothek mit Werken von Philip Roth bis „Star Wars“ sowie Postern von Kabarettveranstaltungen und den ersten Filmen von Andy Bausch aus den 1980er-Jahren. Das Arbeitszimmer des Luxemburger Schriftstellers sieht exakt so aus, wie man sich ein Studierzimmer eines Literaten in den besten Jahren vorstellt. Doch Jhemp Hoscheit sitzt nicht abgehoben in seinem Elfenbeinturm, sondern beobachtet als aufmerksamer Chronist das Zeitgeschehen. Nach fast 23 Jahren kehrt er aktuell mit seinem Kabarettprogramm „Sorry fir deen Duercherneen!“ zurück auf die Bühne.

Herr Hoscheit, Ihre Bibliothek sieht genau so aus, wie man es sich bei einem Literaten erwartet ...

Ich lese über 100 Bücher im Jahr, und eigentlich befindet sich in meiner Bibliothek nur ein Bruchteil dessen, was ich gelesen habe. Den Großteil verkaufe ich jedes Jahr für etwa zwei Euro auf den Walfer Bicherdeeg. Nur die wirklich großen Werke bleiben hier – wie etwa von John Irving, Ian McEwan oder Philip Roth.

Was fasziniert Sie an diesen amerikanischen Schriftstellern?

Das Erzählen – amerikanische Autoren wissen noch, wie man Geschichten erzählt. Sie legen besonderen Wert auf eine klare Struktur mit Spannungsbogen und rotem Faden.

Und darin sehen Sie einen fundamentalen Unterschied zu europäischen Autoren?

Es gibt natürlich Ausnahmen – wie der hervorragende Roman „Geronimo“ von Leon de Winter – aber deutsche und französische Literatur legt häufig größeren Wert auf Form sowie das ästhetische Spiel mit der Sprache. Auch sind die Autoren – und somit auch ihre Figuren – sehr oft mit sich selbst beschäftigt. Dadurch vergessen sie bewusst oder unbewusst den Plot.

Und das langweilt Sie?

Nein, ich schwanke stets hin und her. Nachdem ich zum Beispiel einen großen Roman gelesen habe, greife ich wieder auf literarischere Formen zurück. Mein Lesebedürfnis erfordert beides.

Ich bin ein passionierter Zeitungsleser.

Und Luxemburger Literatur gehört auch dazu?

Ich habe den Anspruch, die ganze Luxemburgensia abzudecken. Ich schreibe gar zu jedem Buch eine Kurzkritik mit Bewertung. Gerade habe ich das schöne Buch „Larven“ von Nora Wagener gelesen. Und das mache ich eigentlich seit 1980, als ich angefangen habe zu schreiben. Zudem sammle ich Zeitungsartikel und nehme auch davon Notiz und verschaffe mir so einen Überblick zu Theater, Kabarett und Literatur in Luxemburg.

Diese Sammlung wird ja wohl irgendwann einen großen literarischen Wert haben.

Claude D. Conter vom CNL freut sich auch jetzt schon auf meinen Nachlass.

Und seit einigen Jahren sammeln Sie alles nur noch digital?

Nein, ich brauche auch noch das Handliche und lege Wert auf eine haptische Wahrnehmung. Das Internet erschlägt gerade die Welt. Man muss jedoch die Welt greifen, um sie begreifen zu können. Deshalb bin ich auch noch ein passionierter Zeitungsleser.

„Die Welt auf den Kopf drehen."
„Die Welt auf den Kopf drehen."
Foto: Pierre Matgé

Sie sind sich schon bewusst, dass Sie damit zu einer aussterbenden Gruppe gehören?

Ja, durchaus. Auch meine Kinder lesen die Zeitung, wenn überhaupt, nur auf ihren Smartphones oder beziehen Informationen aus dem Netz. Das ist eine neue Welt, die auch ihre Vorzüge hat. Doch wenn wir keine gedruckte Zeitung mehr haben, dann sind wir verloren.

Das müssen Sie erklären.

Der Schirm führt zu einer Verknappung und Verkürzung der Informationen. Man liest schneller, oberflächlicher und blendet alles aus, was einen nicht interessiert – oder einem nicht in den Kram passt. Das ist gefährlich. Denn Lügenpresse entsteht erst, weil die Menschen zu pauschal urteilen und sich nicht die Zeit nehmen, Texten ausführlich auf den Grund zu gehen.

Das klingt aber sehr kulturpessimistisch.

Nun ja, mit dieser Zuschreibung muss ich dann wohl leben. Wir räumen der Kultur nämlich nicht den Stellenwert ein, den sie verdient hätte. Vielleicht kommt in wenigen Jahren eine Gegenbewegung – ein Zurück zur kulturellen Identität und weg vom Infotainment.

Eine neue Kulturelite soll es richten?

Nein, so funktioniert es nicht. Die Vorstellung von Kulturelite gegen die Anderen führt nur zu Gräben und Konflikten. So eine pauschale Einteilung, wie sie seit dem Referendum von 2015 in Luxemburg gemacht wird, halte ich für sehr gefährlich. Die frankophile, frankofone Elite und der Rest. Auch wir Satiriker sollten das nicht tun – denn dadurch bestätigen wir nur das Weltbild der Beleidigten.

Satire soll sich also nicht vereinfachend auf gesellschaftliche Gruppen einschießen. Stichwort: der dumme AFD-Wähler ...

Nein, solche Witze auf Kosten von Gesinnungen, Intellekt oder Aussehen sind nicht meine Sache. Die Lacher sind zwar so beim Publikum garantiert, aber das ist mir zu platt und zu einfach.

Was ist dann die Rolle des Satirikers und des Kabarettisten?

Um die Ecke zu denken – die Welt auf den Kopf drehen. Ich versuche nicht mit Plattitüden mich bei einer Gruppe anzubiedern, indem ich eine andere auf simple Art und Weise diskreditiere, sondern versuche, durch Sprache zum Nachdenken anzuregen. Und ich beziehe mich natürlich dabei auch explizit mit ein.

Was können wir denn bei Ihrem Kabarettprogramm „Sorry fir deen Duercherneen!“ erwarten?

Es geht um Ereignisse des gesamten Jahres 2016. Von Luxleaks bis Lunghi. Die Sprache ist meine Waffe – und ich versuche sie scharf einzusetzen.
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„Sorry fir deen Duercherneen! 2016 ënner d'satiresch Lupp geholl“ wird an folgenden Terminen aufgeführt:
Die, 31. 01. 2017 (20hoo) Artikuss Zolwer,  Sa, 04. 02. 2017 (19h00) Café Kaell Ettelbréck-Warken,  Mi, 08. 02. 2017 (20hoo) Kulturhaus Steesel, Do, 16. 02. 2017 (20hoo) Kulturfabrik Esch, Fr, 03. 03. 2017 (20hoo) Sall "Um Späicher" am Centre WAX Péiteng, Mi, 08. 03. 2017 (20hoo) Schungfabrik Téiteng.