Die "verrückten" Irritationen im Kunstforum

Vorsicht vor der Zahnpasta

Wie soll man sich orientieren, wenn sich die Absperr-Poller – sonst Leitschnüre – bewegen? Was macht menschliche Hinterlassenschaften zur Kunst? Die neue Casino-Schau nutzt das Mittel der Irritation.
Wie soll man sich orientieren, wenn sich die Absperr-Poller – sonst Leitschnüre – bewegen? Was macht menschliche Hinterlassenschaften zur Kunst? Die neue Casino-Schau nutzt das Mittel der Irritation.
Foto: Lex Kleren

Von Daniel Conrad

In der nächtlichen Dunkelheit wird die Wahrnehmung geschärft – manches wird aber auch verfälscht, scheint anders, als es ganz real ist. Die neue Ausstellung „Night Shift“ des Künstlerduos FORT macht sich unter anderem diesen Effekt im Casino zunutze.

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Ausgedrückte Zigarettenstummel liegen auf der schummrig beleuchteten Plattform unter dem Dach dieser offenbar ehemaligen Tankstelle oder Bushaltestelle. Im Halbdunkel waren sie erst kaum zu erkennen. Wer hat da die Nacht verbracht? Eine Gruppe Jugendlicher? Ein Einsamer, der nicht schlafen konnte? Leer ist diese Szenerie, wären da nicht die Absperr-Poller, die sich plötzlich bewegen (und das sollten sie ja eigentlich gar nicht tun), und der antiquierte Süßwarenautomat, in dem noch ein einziger Schoko-Karamell-Riegel liegt – und damit Misstrauen sät, warum nicht schon jemand seinem klebrig-süßen Versprechen erlag.

Fast scheint es, als müsste man die Putzfrauen des Casinos bei den oft kaum als „Kunst“ erkennbaren Objekten daran hindern, nicht das ein oder andere der eingesetzten Readymades zu entfernen. Alberta Niemann und Jenny Kropp alias „FORT“ aber kommen nun einmal eher aus dem subversiven Underground und der Intervention im öffentlichen Raum.

Wunderlich, abstrahierend

Mal kleine, mal große Veränderungen, „Verrückungen“, Irritationen erschaffen sie im Casino – wie früher im Großstadtumfeld. Szenen entstehen, die alltäglich, manchmal banal wirken, es aber nicht sind. So etwas wie die sich noch bewegenden Mäntel an der Garderobe oder die Zahnpasta auf dem Treppenhaus-Geländer zum frisch umgebauten Ausstellungsbereich im ersten Stock des Forums.

Wunderlich, abstrahierend, meist verstärkt und verfremdet durch die Dunkelheit tauchen die eingesetzten Objekte beim Rundgang auf. „Night Shift“ hat das Kollektiv, das 2008 erst als Trio entstand und seit 2014 als Duo unter dem Namen „FORT“ arbeitet, seine Schau getauft – ein Streifzug, der an reale Situationen des Nachtlebens erinnert, an Grenzbereiche und Schattierungen des Gewohnten anknüpft und sie träumerisch und surreal wirken lässt.

Invest in die Zukunft

Kevin Muhlen, Generaldirektor des Kunstforums und Kurator dieser ersten großen Schau der beiden Künstlerinnen außerhalb Deutschlands hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt und weiß, dass er hier in die Zukunft investiert: „Vielleicht ist wirklich noch nicht alles so ausgereizt, vorhersehbar und gleich mit Denkschubladen versehen, wie das bei manch etablierteren Künstlern der Fall ist.“

„Aber es ist ja auch gerade das Ziel des Casinos, Talenten eine Art Laborsituation zu geben, um sie Erfahrungen machen zu lassen. Es ist nun eine gute Gelegenheit bei ihrem gegenwärtigen Stand ihrer Arbeit, sich umfassender zu präsentieren. FORT zeigen hier gebündelt jüngste Arbeiten, die ein Fingerzeig für weit mehr sein können“, so Muhlen. 

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Die Schau reihe sich, so der Kurator, in eine von ihm immer wieder aufgeworfene Leitlinie von Ausstellungen des Zentrums in der Rue Notre-Dame ein, die die Leere und Abwesenheit thematisiere. Hier ist es einmal mehr die Abwesenheit des Menschen, die sich in den hinterlassenen Zeugnissen zeigt. Der Besucher schwebt so zwischen einer Art Gegenwarts-Archäologie und dem Schwelgen in der Nacht. Die Möglichkeiten von Schicksalen liegen in der Luft, ebenso wie Zitate an das Kino – ein erzählerisch schillerndes, manchmal absurdes Moment scheint dabei auf.

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Fort – „Night Shift“ vom 28. Januar bis zum 9. April im Casino - Forum d'art contemporain, Rue Notre-Dame, zur Schau werden Führungen, Workshops und weitere Veranstaltungen angeboten, Mehr zur Ausstellung und den Künstlern unter:
www.casino-luxembourg.lu
www.sieshoeke.com