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Rolling Stones bieten keinen "Brown Sugar" mehr an
Kultur 1 2 Min. 13.10.2021
Problematischer Songtext

Rolling Stones bieten keinen "Brown Sugar" mehr an

"Das würde ich heute nicht mehr schreiben": Mick Jagger 2019 auf der "No-Filter"-Tour in den USA.
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Rolling Stones bieten keinen "Brown Sugar" mehr an

"Das würde ich heute nicht mehr schreiben": Mick Jagger 2019 auf der "No-Filter"-Tour in den USA.
Foto: AFP
Kultur 1 2 Min. 13.10.2021
Problematischer Songtext

Rolling Stones bieten keinen "Brown Sugar" mehr an

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Einer der markantesten Rocksongs aller Zeiten ist aus dem Stones-Programm geflogen. Die Gründe sind nicht ganz klar.

Die Rolling Stones, soviel ist sicher, spielen im Popgeschäft seit Jahrzehnten in ihrer eigenen Liga - was den Erfolg und den musikalischen Einfluss angeht, aber auch die generelle Aufmerksamkeit, die die Band seit ihrer Gründung 1962 auf sich zieht. Mick Jagger, Keith Richards und Co. sind Kassengold für Plattenfirmen wie Musikmedien gleichermaßen. Um gesellschaftliche Konventionen und ihren eigenen Ruf haben sie sich dabei nie sonderlich geschert: Die Stones haben schon immer gesagt, getan und gespielt, was sie wollten. 

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Und sie tun es auch mit über 70 Jahren immer noch, die „No-Filter“-Tour durch die USA läuft seit ein paar Wochen durch ausverkaufte Stadien. Doch nach dem fünften Konzert der Reise taucht eine Nachricht auf, die aufhorchen lässt: Die Rolling Stones spielen einen ihrer erfolgreichsten Songs, vielleicht einen der größten Rocksongs überhaupt, nicht mehr. Auf der Setlist der aktuellen Tour suchen Fans und Journalisten „Brown Sugar“ vergebens, die Hymne vom 1971er-Album „Sticky Fingers“ ist nicht im Programm. 


Gruppenbild mit neuem Mann: Die Rolling Stones mit Steve Jordan (3.v.l.), der statt dem kürzlich verstorbenen Charlie Watts am Schlagzeug sitzt.
Mick Jagger: "Wir vermissen Charlie sehr!"
Die Rolling Stones setzen ihre "No Filter" Tour vor ausverkauftem Haus in St. Louis fort. Am Schlagzeug sitzt Steve Jordan.

Warum?  Die „LA Times“ merkte es als Erstes und fragte bei Keith Richards nach, der in der ihm eigenen Art antwortete: „Ich weiß auch nicht, was die Schwestern damit für ein Problem haben – haben die nicht kapiert, dass es in dem Song um die Abgründe der Sklaverei geht? Aber sie versuchen trotzdem, ihn kaputtzumachen.“ 

Richards ist Richards und natürlich sagt er nicht, wen er mit „die Schwestern“ meint, und ob es hinter den Kulissen tatsächlich rumort haben sollte, weil der Text von Brown Sugar alles andere als politisch korrekt ist. Schon in der ersten Strophe ist die Rede von einem „Sklavenschiff von der Goldküste zu den Baumwollfeldern“, vom Sklavenmarkt in New Orleans und einem „vernarbten Sklaventreiber“, der „um Mitternacht die Frauen auspeitscht“. 

Keith Richards in Luxemburg, 1995
Keith Richards in Luxemburg, 1995
Foto: Serge Waldbillig

Viel harmloser wird es auch im Refrain nicht, hier geht es mehr oder weniger eindeutig um nicht einvernehmlichen Sex, wahrscheinlich zwischen dem Sklaventreiber und einer jungen schwarzen Frau - „Brown Sugar“ ist allerdings auch ein in der Entstehungszeit des Songs gängiger Slang-Begriff für Heroin. 

„Cancel Culture“ bei den Stones?

Selbstzensur und „Cancel Culture“ in der Chefetage der wildesten Band der Popgeschichte also? Nein, laut Richards' Kollegen Mick Jagger: „Wir spielen 'Brown Sugar' jetzt durchgehend seit 1970 jeden Abend. Wir haben's jetzt mal rausgenommen und schauen, wie's läuft“, erklärt der 78-jährige Sänger der „LA Times“ die Entscheidung als rein dramaturgische Überlegung - nach immerhin 1136 Aufführungen, wenn man der Zählung der Website setlist.fm glaubt.

Richards selbst deutet allerdings an, dass noch mehr dahinter ist: „Ich habe  gerade keine Lust, wegen diesem Mist Probleme zu kriegen. Aber ich hoffe, wir können die Nummer in ihrer ganzen Herrlichkeit irgendwann wieder spielen.“ 

Nach eigener Aussage die Inspiration für "Brown Sugar": Die Sängerin Marsha Hunt war zur Entstehungszeit des Songs mit Mick Jagger liiert, sie haben zusammen eine Tochter.
Nach eigener Aussage die Inspiration für "Brown Sugar": Die Sängerin Marsha Hunt war zur Entstehungszeit des Songs mit Mick Jagger liiert, sie haben zusammen eine Tochter.
Foto: LW-Archiv

„Dieser Mist“, das ist Kritik am rassistischen und sexistischen Unterton des Songs, die es offenkundig nicht erst seit gestern gibt. Jagger, der für den kontroversen Text verantwortlich zeichnet, hatte schon 1995 dem „Rolling Stone“ gesagt: „Ich würde das heute nie mehr so schreiben, da würde ich mich selbst zensieren. Ich würde denken 'Oh Gott, das kann ich doch nicht machen.'“ Das gilt aller Wahrscheinlichkeit nach auch für 2021  - als Jagger den Song 1969 innerhalb von angeblich nur 45 Minuten schrieb, dachte er wohl noch anders. 

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