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Die Rache des kleinen Mannes
Kultur 1 2 Min. 04.08.2018 Aus unserem online-Archiv

Die Rache des kleinen Mannes

In Gesellschaft von Hunden fühlt sich der ehemalige Häftling und geschiedene Familienvater Mar-cello (Marcello Fonta) wohl.

Die Rache des kleinen Mannes

In Gesellschaft von Hunden fühlt sich der ehemalige Häftling und geschiedene Familienvater Mar-cello (Marcello Fonta) wohl.
FOTO: ARTEMIDE
Kultur 1 2 Min. 04.08.2018 Aus unserem online-Archiv

Die Rache des kleinen Mannes

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Kann ein Mensch, der so fürsorglich, ja geradezu liebevoll mit Hunden umgeht, ein Bösewicht sein? Fast nicht zu glauben – selbst dann nicht, wenn der Zuschauer auf der Leinwand an seiner Brutalität live teilnimmt. Doch wer bei „Dogman“ Gewalt sät, erntet diese auch.

Er ist zweifelsohne einer der Highlights des letzten Filmfestivals von Cannes – wenngleich auch einer, der dunklen wahrhaft beunruhigende Schatten in die Seele des Zuschauers wirft: Denn Matteo Garrones „Dogman“ ist einer dieser Filme, die man nie mehr vergisst.

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Das liegt nicht allein an der Brutalität, die der Film des „Gomorrha“-Regisseurs ganz schonungslos und ohne jegliches Pathos präsentiert. Es liegt vor allem an den menschlichen Abgründe, die er ausleuchtet – und die auch das Wertesystem des Zuschauers gehörig auf den Kopf stellen, indem er die klassischen Konzepte von Gut und Böse gehörig durcheinanderwirbelt – und dabei durch Empathie auch aufzeigt, wie es unserer heutigen Gesellschaft an diesem Mitgefühl schmerzlich fehlen kann.

,Dogman‘ wagt sich in seelische Abgründe vor, aus denen man nicht unbeschadet wieder auftaucht – und genau das macht die Stärke des Films aus.

Die Augen zu schließen, hilft demnach auch nicht wirklich. Denn es sind nicht allein die einprägsamen Bilder, die betroffen machen, sondern dieses flaue Gefühl in der Magengrube: eine Mischung aus Verzweiflung, Mitgefühl, – und ja, auch Faszination.

Diese Konfrontation mit dem eigenen Voyeurismus ist unbequem. Und dass es auch genau so gut ist, damit muss jeder Zuschauer für sich selbst erst einmal fertig werden. Dass die Geschichte dann auch noch auf einer wahren Begebenheit basiert, macht sie noch unerträglicher: Im Februar 1988 quälte und tötete der Hundefriseur Pietro „Er Canaro“ De Negri, den ehemaligen Boxer und kokainabhängigen Kleinkriminellen Giancarlo Ricci auf grausamste Weise.

Gefangen in der Spirale der Gewalt

Diese Begebenheit nimmt Garrone als Grundlage, um ein weitaus moralisch komplexeres und menschlich vielschichtigeres Gebilde zu erschaffen: Hundefriseur Marcello (Marcello Fonte) lebt nach Abbüßung einer Haftstrafe in einem trostlosen, von Gewalt und Drogenhandel geprägten Vorort. Einziger Lichtblick sind seine Tiere – und die Besuche und Tauchausflüge mit Tochter Sofia (Alida Baldari Calabria), die bei der Mutter lebt.

Um einen gemeinsamen Traumurlaub zu ermöglichen, lässt Marcello sich vom brutalen Simone (Edoardo Pesce) zu einem Überfall überreden. Doch dann kommt es, wie es kommen muss: Die Sache geht schief – und plötzlich sieht Marcello keinen Ausweg mehr ...

Trostlos und brutal

Die Szenerie von Castel Volturnos, nördlich von Neapel gelegen, hätte man trostloser nicht erfinden können. Und wenngleich dies eine Realität ist, die Lichtjahre entfernt von der Beschaulichkeit Luxemburgs liegt, gelingt Garrone durch seine Figuren „Dogman“ eine mitreißende Universalität zu verleihen.

Marcello wird atemberaubend intensiv von Marcello Fonte verkörpert, der hierfür mehr als verdient in Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde. Dabei gelingt es Fonte, den Zwiespalt seines Charakters mit ungeheuerer Menschlichkeit zu porträtieren, die niemanden unberührt lassen kann. Der Zuschauer fühlt und leidet mit Marcello, auch wenn ihm dieses von Hoffnungslosigkeit durchsetzte Universum der Drogenhändler und Schlägertypen im fernen Italien fremd ist.

Garrone gelingt so ein brillantes filmisches Exposé, das mit Eleganz und Biss die Grundlagen unseres Zusammenlebens hinterfragt und aufzeigt, wie fragil und schützenswert sie doch sind.