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Die Pyramide als Spiegel
Kultur 2 Min. 05.07.2014 Aus unserem online-Archiv
Ismail Kadares neuer Roman

Die Pyramide als Spiegel

Ismail Kadare
Ismail Kadares neuer Roman

Die Pyramide als Spiegel

Ismail Kadare
Foto: Olivier Roller/Divergence/StudioX
Kultur 2 Min. 05.07.2014 Aus unserem online-Archiv
Ismail Kadares neuer Roman

Die Pyramide als Spiegel

Die Pyramiden von Gizeh – 16 Kilometer von Kairo entfernt – sind die letzten erhaltenen Weltwunder der Antike. Jahrtausende nach ihrer Errichtung bewegen sie noch immer die Gemüter von Historikern, Archäologen und Schriftstellern. Auch Autor Ismail Kadare lässt sich von ihnen inspirieren.

Von Rainer Holbe

Die beeindruckendste der drei Pyramiden ist die des Cheops, die von Tausenden Arbeitern, Priestern und Baumeistern einst errichtet wurde. Die Experten sind sich noch immer uneinig, mit welch perfekter Technik das Bauwerk schließlich entstanden ist. Fest steht wohl, dass für die Ägypter der Antike die Pyramide ein Symbol für Leben und Licht, Tod und Untergang gewesen ist.

Der albanische Autor Ismael Kadare zeichnet in seinem Kurz-Roman „Die Pyramide“ das düstere Bild einer durch und durch unterdrückten Gesellschaft, in der das von vielen Geheimnissen umgebene Pyramidenprojekt nur ein weiteres Mittel war, um die Menschen gefügig zu machen. Mechanismen, die nicht nur im alten Ägypten, sondern zu jeder Zeit und in jedem Staat gelten können.

„Es waren schon zuvor Pyramiden gebaut worden, doch an eine solche Mühsal und Konfusion konnte man sich nicht erinnern“, schreibt Kadare. „Nicht nur Erschöpfung und die Angst vor Strafen oder die Verschickung in einen Steinbruch lähmten die Menschen. Eine große Angst durchwehte das ganze Land.“

Spiegel eines Weltreichs

Foto: S.Fischer

Die Zeit wurde an den Quadern gemessen, die Stein für Stein mühsam herangeschafft und aufgerichtet wurden. Oft kippten die gewaltigen Blöcke um und erdrückten die namenlosen Tagelöhner: „Man fand sie ausgestreckt auf dem Stein vor, als wollten sie sich ein wenig ausruhen, und erst, als der Aufseher mit der Peitsche kam, um sie für ihre Säumigkeit zu bestrafen, merkte man, was mit ihnen los war.“ Kadare sieht die Pyramide als Spiegel eines längst vergangenen Weltreiches, als ein Beispiel für Brutalität und Despotismus, ähnlich den Erfahrungen totalitärer Herrschaften im 20. Jahrhundert.

Er bedient sich dabei einer klaren, mitleidlosen Sprache. Die dahin gehämmerten Sätze beschreiben Cheops und seine Pyramide als ein Monster, das den Staat und seine Menschen aushungerte, unterdrückte und peinigte, so wie Kadare das in seiner Heimat Albanien erleben musste, das über Jahrzehnte unter sowjetischer Herrschaft gefangen war.

Inzwischen lebt der Autor in Paris. Der in französischer Sprache verfasste Roman „La Pyramide“ – meisterhaft ins Deutsche übertragen – ist ein parabelhaftes Epos über die Grausamkeit totalitärer Systeme, im alten Ägypten aber auch anderswo auf der Welt.

Ismael Kadare: „Die Pyramide“. S. Fischer, 160 S., ISBN 978-3-10-038410-2, 19,99 Euro.