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Die Mutter des Monsters
Kultur 1 3 Min. 29.12.2018

Die Mutter des Monsters

Elle Fanning in der Rolle der Mary Shelley.

Die Mutter des Monsters

Elle Fanning in der Rolle der Mary Shelley.
PTD Juliette Films
Kultur 1 3 Min. 29.12.2018

Die Mutter des Monsters

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Sie schuf eines der berühmtesten Monster der Literaturgeschichte, das auch sie unsterblich machte: Mary Shelley. Ein bemerkenswerter Film – und zwar nicht aus den Gründen, die man annehmen würde.

Heute noch ist Frankenstein ein Name, der einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt. Dabei hieß so der junge, ambitionierte Wissenschaftler, der das allen bekannte Monstrum schuf, und nicht seine widernatürliche Kreation, ein aus Leichenteilen zusammengesetztes Wesen. „Frankenstein; or, The Modern Prometheus“ nannte Mary Shelley ihren Briefroman, der 1818 erstmals veröffentlicht wurde, zwar ohne den Namen seiner Autorin doch mit direkter Anlehnung an die griechische Mythologie und die Figur des Prometheus, der aus Ton den Menschen erschuf.

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Zweihundert Jahre später ist das Monster, ebenso wie seine Schöpferin, zu einem Teil der Pop-Kultur geworden – und die Geschichte überaus beliebter Leinwandstoff. Statt sich wie Joseph Whales 1931 mit dem unvergesslichen Boris Karloff in der Rolle auf die Figur des Monsters zu konzentrieren, erzählt die Koproduktion der Luxemburger Juliette Films, „Mary Shelley“, das literarische Coming-of-Age der jugendlichen Mary Wollstonecraft Godwin hin zur Schriftstellerin Mary Shelley, sowie die Liebesgeschichte zum romantischen Poeten Percy Bysshe Shelley und beleuchtet so die Entstehungsgeschichte einer Romanfigur durch die persönliche (Leidens-)Geschichte seiner Erschafferin. Denn Mary Wollstonecraft Godwins Leben ist alles andere als einfach. Ihre Mutter, die feministische Philosophin Mary Wollstonecraft, stirbt nur Tage nach ihrer Geburt. Wenngleich vom Vater, dem Philosophen William Godwin, intellektuell gefordert und gefördert, findet sie dennoch nicht die notwendige menschliche Wärme in ihrer Stiefmutter Mary Jane Clairmont.

Als sie 16-jährig den 21-jährigen, verheirateten Lyriker Percy kennenlernt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Gesellschaftlich durch diese unziemliche Beziehung isoliert, von privaten Schicksalsschlägen, wie dem Tod der gemeinsamen Tochter, gebeutelt, verarbeitet Mary das Gefühl der Einsamkeit, das sie ein Leben lang begleiten wird, in einem Roman. Als Frau muss sie in der literarischen Männerwelt den ungleich schwierigen Kampf auf sich nehmen, um sich zu behaupten.

Eine Frau steht ihren Mann

Filmemacherin Haifaa al-Mansour, Jahrgang 1974, hat eine gewisse Seelenverwandtschaft mit ihrer Figur, musste auch sie sich doch erst einmal durchsetzen, um aus ihrer Berufung ihren Beruf zu machen: Sie hat 2012 mit „Wadjda“ den ersten saudi-arabischen Film in Spielfilmlänge gedreht und auch in diesem Werk schon mit der Geschichte eines Mädchens, das von einem Fahrrad träumt, einen weiblichen Schwerpunkt gelegt.

So zeichnet al-Mansour auch Mary Shelley, entgegen der klassischen Stereotype eines „engagierten Frauenfilms“, nicht plump militant, sondern in eher stillen, fein nuancierten Zwischentönen. Diese Darstellung kann so manchem actiongewohnten Zuschauer allzu langatmig erscheinen, sie hallt jedoch dadurch umso intensiver nach. Doch man muss sich ganz bewusst auf diesen Film einlassen, um ihm die Chance zu geben, sich zu entfalten, seine Wirkung (einfühlsame Kameraarbeit von David Ungaro) zu zeigen und langsam aber sicher seinen filigranen Charme zu entfalten.

Entscheidend hierfür ist auch die emotionale Prädisposition des Zuschauers. So kommt der Start dieses Films zwischen den Feiertagen ganz gelegen und tröstet über den langen Zeitraum hinweg, den der 2017 fertiggestellte „Mary Shelley“ brauchte, um nach einer Vorpremiere beim LuxFilmFest auch hierzulande anzulaufen.

Elle Fanning trägt den Film mit zurückhaltender Eleganz und vereint in sich glaubhaft Marys emotionale Schwäche und zugleich ihre Charakterstärke. Etwas grobzügiger, sprich mit weitaus weniger Spielraum versehen, werden die männlichen Figuren – Marys Vater William (Stephen Dillane), ihre große Liebe Percy (Douglas Booth) und vor allem Lord Byron (hoffnungslos überspielt von Tom Sturridge) – porträtiert.

Angesichts des spürbaren Herzbluts und der bemerkenswerten Handwerklichkeit aller Beteiligten, verzeiht der Zuschauer dem ebenso aufwendig wie detailverliebt inszenierten Kostümdrama dann auch seine kleinen, biografischen Fehler.

„Mary Shelley“ ist ein nachdenklich stimmender Film, dessen Thematik – über das Weibliche und Historische hinaus – der Brückenschlag zu heute noch brennender Aktualität gelingt.