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Die Künstler und der Brexit
Kultur 3 Min. 11.12.2018 Aus unserem online-Archiv

Die Künstler und der Brexit

Musiker Ed Sheeran ist einer der Künstler, der wie sein Kollege Bob Geldof oder Dirigent Simon Rattle den 
Appell unterzeichnet hat, in dem sie vor dem „schwerwiegenden Fehler“ des Brexit warnen.

Die Künstler und der Brexit

Musiker Ed Sheeran ist einer der Künstler, der wie sein Kollege Bob Geldof oder Dirigent Simon Rattle den 
Appell unterzeichnet hat, in dem sie vor dem „schwerwiegenden Fehler“ des Brexit warnen.
Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Kultur 3 Min. 11.12.2018 Aus unserem online-Archiv

Die Künstler und der Brexit

Die Kultur trägt in Großbritannien jährlich 90 Milliarden Pfund zur Wirtschaft bei – das kann sich aber bald ändern: Für Kunst, Kultur und Unterhaltung ist die Lage nach dem mit Brüssel ausgehandelten Brexit-Deal und der verschobenen Abstimmung im britischen Unterhaus weiter offen.

Von DPA - Sie wissen, was sie dem Staat wert sind. Deshalb haben die weltweit renommierten Kultur- und Entertainment-Branchen in Großbritannien unermüdlich vor dem Ausstieg aus der Europäischen Union gewarnt. Künstler und Popstars sowie Museen, Film und Fernsehen sind nahezu geschlossen gegen den Brexit. Was die Kulturschaffenden besonders ärgert, ist, dass ihre Stimme kaum gehört wird.

Die Branche trägt nach Regierungsangaben pro Jahr rund 90 Milliarden Pfund – umgerechnet etwa 100 Milliarden Euro – zur britischen Wirtschaft bei. Diese Zahlen allein sollten nach Angaben der „Creative Industries Federation“ (CIF), einer Vereinigung für Beschäftigte in der Kultur, dazu führen, dass die Belange der Branche eine zentrale Rolle spielen. „Wir brauchen dringend größere Klarheit über die Form der künftigen kulturellen Beziehungen“, sagte CIF-Direktor Alan Bishop.

Sprung ins Ungewisse

Für Tony Lennon von der Gewerkschaft für Rundfunk, Unterhaltung, Theater und Kommunikation (BECTU) enthält das von Premierministerin Theresa May ausgehandelte Abkommen „keine konkreten Aussagen“. „Der Sprung ins Ungewisse wird einfach bis 2020 verschoben, und alle wichtigen Fragen hängen in der Luft“, sagte Lennon. Doch es könnte noch schlimmer kommen. Großbritannien will Ende März 2019 die EU verlassen.


A video grab from footage broadcast by the UK Parliament's Parliamentary Recording Unit (PRU) shows Britain's Prime Minister Theresa May making a statement in the House of Commons in London on December 10, 2018. - Theresa May told the house that the Brexit withdrawal bill will be deferred. (Photo by HO / PRU / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - NO USE FOR ENTERTAINMENT, SATIRICAL, ADVERTISING PURPOSES - MANDATORY CREDIT " AFP PHOTO / PRU "
Brexit: Theresa May verschiebt Abstimmung
Im letzten Moment macht die britische Premierministerin Theresa May einen Rückzieher bei der Abstimmung über den Brexit-Deal. Immer deutlicher hatte sich abgezeichnet, dass sie eine krachende Niederlage zu erwarten hatte. Nun will sie nachverhandeln.

Die 27 bleibenden EU-Staaten hatten zwar im November das mit London ausgehandelte Brexit-Vertragswerk gebilligt. Kern ist eine Übergangsphase bis mindestens Ende 2020, in der sich praktisch nichts ändert. Ein ungeordneter Ausstieg ist nicht ausgeschlossen, zumal die für Dienstag geplante Abstimmung zum Brexit-Abkommen im britischen Unterhaus erst am Montag verschoben wurde. Im Falle einer Ablehnung rechnen Experten seit Längerem mit chaotischen Verhältnissen in allen Lebensbereichen.

Neue Horizone außerhalb der EU

„Wir sind dabei, einen schwerwiegenden Fehler zu begehen“, warnte der Rock-Musiker Bob Geldof in einem Appell, der unter anderem von Megastar Ed Sheeran und Dirigent Simon Rattle unterschrieben wurde. Das gigantische Potenzial der britischen Musikszene werde in einem „selbsterbauten kulturellen Gefängnis“ zum Schweigen gebracht, warnte Geldof. Vereinzelt gibt es auch Stimmen, die von einem „neuen Internationalismus in der Kunst“ schwärmen.

So sieht die Kulturpolitikerin Munira Mirza in der erweiterten Zusammenarbeit mit „Staaten außerhalb des protektionistischen Blocks der EU“ neue Horizonte des kulturellen Austauschs, der die gesellschaftlichen und ethnischen Verhältnisse in Großbritannien realistisch widerspiegele. Was die Kunst- und Kulturszene am meisten bewegt, sind die Fragen der Freizügigkeit nach dem EU-Austritt sowie nach höheren Kosten, bürokratischen Hürden und Verzögerungen beim Transport von Ausrüstungen für Tourneen und Festivals. Visapflicht, schärfere Regulierung, Steuern und Zollkontrollen könnten den „Zugang zum besten Talent abwürgen“, befürchtet BECTU.

Film- und Fernsehproduktion könnte besonders leiden

Das von Großbritannien angestrebte neue Visa-System, nach dem EU-Bürger mit allen anderen in einer Schlange stehen und Auflagen über Arbeitsverträge und Mindestgehalt zu erfüllen haben, sei von Beschäftigten der Kunst- und Unterhaltungsbranche meist nicht zu erfüllen, so CIF. Vereinzelt wird der Ruf nach bevorzugter Behandlung und der Ausstattung mit einem „Touring Passport“ laut. Besonders leiden könnte laut CIF der milliardenschwere Sektor der Film- und Fernsehproduktion, hier arbeiten viele Bürger aus EU-Staaten.

Der Erfolg der Branche sei in erster Linie dem Zugang zum besten Talent zu verdanken, sagte Phil Dobree, Chef der Animations- und Computergrafik-Produktionsfirma Jellyfish, dem „Guardian“. Er fügte hinzu: „Diese Leute sind hoch qualifiziert und extrem begehrt. Sie arbeiten oft mit kurzfristigen Verträgen. Im Moment können wir sie noch von einem Tag auf den anderen einfliegen.“

Braindrain in der Kulturszene geht weiter

Hinzu käme der Wegfall der direkten EU-Förderung für die Kunst- und Unterhaltungssparte, die sich nach Angaben des Arts Council England auf rund 40 Millionen Pfund pro Jahr beläuft.

Für Nicholas Serota, den Vorsitzenden des Arts Council und Ex-Direktor der Tate Galerien, geht es aber nicht nur um Geld. Ein Großteil der Kulturorganisationen arbeite mit Partnern in der EU zusammen. „Die Kultur hat schon immer einen wesentlichen Einfluss auf unsere ,soft power‘ gehabt. Es ist klar, dass der aus internationaler Zusammenarbeit erwachsende künstlerische Austausch zu unserem Erfolg beigetragen hat.“ Nach Angaben von Bernard Donoghue, dem Vorsitzenden der Vereinigung der Führenden Touristenattraktionen (ALVA), hat die Regierung bisher nur vage zugesagt, die EU-Förderbeträge zu übernehmen.

„Es gibt Absichtserklärungen, aber konkrete Summen sind nicht festgelegt“, sagte Donoghue dem „Museums-Journal“. Nach seinen Angaben setzt sich der Braindrain – die Abwanderung von Fachkräften – in der Kultur fort. „Wir sehen schon jetzt einen Braindrain von qualifizierten Kräften in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Design. Die Leute gehen, weil sie nicht wissen, ob sie nach dem März 2019 noch einen Job haben“, sagte Donoughue.


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