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Die Galerie für das Nationbranding
Nach der Nationalbibliothek soll eine Nationalgalerie in das 1604 erbaute Jesuitenkollegium.

Die Galerie für das Nationbranding

Foto: Pierre Matgé
Nach der Nationalbibliothek soll eine Nationalgalerie in das 1604 erbaute Jesuitenkollegium.
Kultur 3 Min. 11.05.2018

Die Galerie für das Nationbranding

Marc THILL
Marc THILL
Dass es eine Stelle zur Verwaltung der Nachlässe Luxemburger Künstler geben muss, darin sind sich die meisten einig. Nur die wenigsten aber können sich daran erfreuen, dass die Kunstwerke der Luxemburger in einer Nationalgalerie ausgestellt werden sollten.

In den letzten Monaten war es auffällig ruhig geworden um die Nationalgalerie – offiziell die „Galerie nationale d’art luxembourgeois“. Einige hatten insgeheim schon darauf gehofft, dieses Vorhaben, das der Premier- und Kulturminister Xavier Bettel in Vorschlag gebracht hat, sei in eine tiefe Schublade gerutscht. Doch Fehlanzeige! Im Regierungsrat vorige Woche wurde erneut darüber geredet und sogar eine „décision de principe“ getroffen. Offiziell wurde aber nicht darüber kommuniziert. Nur am Rande des traditionellen Fischessens der Minister mit der Presse auf dem Oktavmärtchen tauchte auch die Nationalgalerie auf.

Kulturminister Xavier Bettel: "Luxemburg ist halt nicht nur die Kasematten und der Petrussexpress, sondern auch Kunst."
Kulturminister Xavier Bettel: "Luxemburg ist halt nicht nur die Kasematten und der Petrussexpress, sondern auch Kunst."
Foto: Guy Jallay

Kunst mit „großem L“

Weder im Budget noch im Jahresbericht des Kulturministeriums ist dieses Projekt vermerkt. Das braucht es auch nicht. Das Vorhaben wird nämlich die Abgeordnetenkammer nicht durchlaufen – dafür sind die Kosten zu gering. Derzeit kümmert sich das Ministerium für öffentliche Bauten um die Galerie, es ist ein Bauprojekt. Nach dem Umzug der Nationalbibliothek aus dem „Ale Stater Kolléisch“ soll die nationale Galerie in der leer gewordenen Immobilie entstehen. Die neue Bibliothek auf Kirchberg wird bis Ende dieses Jahres bezugsfertig sein, sodass der Umbau des ehemaligen Jesuitenkollegiums nicht vor 2019 in Angriff genommen werden kann.

Die geplante Nationalgalerie soll im Erdgeschoss eine Ausstellungsfläche von 1 000 Quadratmetern bekommen und zusätzlich etwas Raum in der ersten Etage in Anspruch nehmen. Im Dachgeschoss werden derweil die Büroräume der Galerie eingerichtet, der restliche Teil soll als Wohnfläche für junge Menschen genutzt werden, Hochschulabgänger, die sich nicht sofort einen Unterschlupf auf dem Stadtgebiet leisten können.


Aal Nationalbibliothéik - Entrée Bvd Roosevelt - Photo : Pierre matgé
Pro und Kontra Nationalgalerie
Was spricht dafür, was dagegen?

Ganz wichtig: Die Galerie soll die künstlerische Arbeit der Luxemburger Kunstszene aufarbeiten, studieren, dokumentieren und ausstellen und auch die Nachlässe der Künstler aufnehmen, so der Sprecher des Ministers für Kultur. Die Galerie wird „angedockt“ – so heißt es im Jargon des Ministeriums – an das Nationalmuseum für Kunst und Geschichte am Fischmarkt, das bisher die Aufgabe der Konservierung Luxemburger Kunst der Vor- und Nachkriegszeit übernommen hat, dies aber bislang nur mit sehr bescheidenen Mitteln tun konnte. Für den Kulturminister macht das Projekt Sinn. Er wünscht sich, dass man Wercollier, Majerus und Steichen an einem Ort sehen kann, in einer Galerie mit „großem L“ – „L“ für Luxemburg.

Kunstkritiker Lucien Kayser: „Einheimische Künstler sollten auf hohem Niveau und im Dialog mit ausländischen Künstlern ausstellen können.“
Kunstkritiker Lucien Kayser: „Einheimische Künstler sollten auf hohem Niveau und im Dialog mit ausländischen Künstlern ausstellen können.“
Foto: Marc Wilwert

Doch genau das stört andere: „Kunst ist nicht deshalb Kunst, nur weil Luxemburg draufsteht“, sagt Lucien Kayser. Der Begriff „Nationale Galerie“ erwecke den abscheulichen Nationalismus, der auch Luxemburg zunehmend im Griff halte, bemerkt der Kunstkritiker. Er bleibt bei seiner Position: „Einheimische Künstler kommen in ein Ghetto, was soll das? Vielmehr sollten sie auf hohem Niveau und im Dialog mit ausländischen Künstlern ausstellen können.“

„Ein Instrument, das funktioniert“

Kayser ist zwar der Überzeugung, dass Künstlernachlässe konserviert werden müssen, doch dafür brauche es keine Nationalgalerie. „Wie bereits beim Mudam gehe es hier nur ums Gebäude, nicht um den Inhalt. Typisch Luxemburg: Eine Idee wird hinaus posaunt, ein Ort ausgewählt, aber wie das funktionieren sollte, darüber denkt keiner nach.“ Die Frage, ob es sich vielleicht um eine Schrulle des Premierministers handele, beantwortet Kayser auf Französisch: „lubie, lobby, Lunghi.“

Paul Bertemes: "Die Künstler der sechziger- bis neunziger Jahre, von denen etliche bereits gestorben sind, riskieren, für immer verloren zu gehen."
Paul Bertemes: "Die Künstler der sechziger- bis neunziger Jahre, von denen etliche bereits gestorben sind, riskieren, für immer verloren zu gehen."
Foto: Gerry Huberty

Paul Bertemes, der die Kunstwerke seines Vaters Roger verwaltet, sieht das Projekt nuancierter. „Wir brauchen ein Instrument, das funktioniert, das die Werke erfasst, dokumentiert und auch der Kunstwissenschaft zugänglich macht.“ Die Künstler der sechziger- bis neunziger Jahre, von denen etliche bereits gestorben sind, riskierten, für immer verloren zu gehen, so Bertemes, der die große Herausforderung darin sieht, ein Institut für den Erhalt der plastischen Kunst zu schaffen, ohne aber ein Künstler-Ghetto zu werden.



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