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Die Filmkritik der Woche: "Wonder Woman" in der Ladies' Night: Männer müssen draußen bleiben
Kultur 1 5 Min. 17.06.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "Wonder Woman" in der Ladies' Night: Männer müssen draußen bleiben

Wer hat hier die Hosen an?  „Wonder Woman“ Diana (Gal Gadot) oder ihr „Entdecker“, der Sion Steve Trevor (Chris Pine).

Die Filmkritik der Woche: "Wonder Woman" in der Ladies' Night: Männer müssen draußen bleiben

Wer hat hier die Hosen an? „Wonder Woman“ Diana (Gal Gadot) oder ihr „Entdecker“, der Sion Steve Trevor (Chris Pine).
Foto: Warner Bros.
Kultur 1 5 Min. 17.06.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "Wonder Woman" in der Ladies' Night: Männer müssen draußen bleiben

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Manchmal müsste es für Journalisten eine Gefahrenzulage geben: zum Beispiel wenn man sich zu einer Ladies' Night ins Kinepolis Belval aufmacht. Und wenn dann noch „Wonder Woman“ auf dem Programm steht, dürften sich auch die Herren daheim langsam Sorgen machen ...

Manchmal müsste es für Journalisten eine Gefahrenzulage geben: zum Beispiel wenn man sich zu einer Ladies' Night ins Kinepolis Belval aufmacht. Und wenn dann noch „Wonder Woman“ auf dem Programm steht, dürften sich auch die Herren daheim langsam Sorgen machen ...

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Ein kleines Gläschen Crémant gefällig? Ein Stündchen Zeit bleibt schließlich noch, um mit irdischer Nahrung bzw. Trank vorliebzunehmen, bevor es zur geistigen übergeht: Dienstagabend, 20 Uhr, Kinepolis Belval, Ladies' Night.

Es ist "heiß", sehr "heiß"

Die erfreut sich sichtlich größter Beliebtheit: Zwei Vorführungen sind angesetzt, am Vortag gab es deren ebenso viele im Kinepolis Kirchberg. Die Besucherinnen – Altersdurchschnitt etwa Mitte 20, Anfang 30 – drängen sich dicht aneinander. Die Stimmung ist nicht nur in Anbetracht der gefühlten Temperatur ziemlich „heiß“.

Das Konzept der Ladies' Night ist einfach: ein Abend unter Mädels, und davor etwas Animation. Die Herren der Schöpfung müssen – gefälligst! – draußen bleiben. Schlimm, gar sexistisch ist das nicht, schließlich gibt es in regelmäßigen Abständen auch für sie, die dem starken Geschlecht vorbehaltenen „Burgers, Beer & Blockbusters“-Themenabende.

Auch in Zeiten von Emanzipation, Gleichberechtigung und Frauenquote ist man trotzdem mal gerne gelegentlich „unter sich“!

Nicht jederfraus „cup of Crémant“

„Mach jeden Tag etwas, wovor Du Angst hast“, riet schon Präsidentengattin Eleanor Roosevelt. Na, perfekt: So eine Ladies' Night ist ein Traum von Gelegenheit, sich selbst das Fürchten zu lehren – und definitiv nicht jederfraus „cup of tea“, Pardon „glass of Crémant“.

Ob Letztere wirklich hilft, die Expedition ins unbekannte Territorium zu überstehen, wagt man beim furchterregenden Klischee der angeheiterten Frauenrunde zu bezweifeln. Da müsste wohl deutlich Hochprozentigeres her, um so eine Vorführung vor Hühnerstall-Kulisse auszuhalten, denkt man vorab – in einer ziemlich eigenartigen Mischung aus Ennui, Abscheu und Widerwille. Aber dann kommt es, wie meist im Leben, doch ganz anders als erwartet ...

Also Ticket vom Türsteher-Typ in schwarzem Anzug abreißen lassen und rein in den wagemutigen Selbsttest. Aber Moment mal: Was machen die Kerle hier eigentlich hinter der Absperrung, in der als „männerfrei“ angekündigten Zone? Ach ja: Als passendes Ambiente schaffende Plastikstatue – mit Plastikblatt vor dem besten Stück – herumstehen, Crémant einschenken, Brötchen und Eis am Stiel verteilen und ein Fräulein in Wonder-Woman-Kostüm und mit Schild und Schwert nach dem anderen ablichten.

Lässt jeden Mann schwach aussehen: „Wonder Woman“ Diana (Gal Gadot) und „Entdecker“ Steve Trevor (Chris Pine)
Lässt jeden Mann schwach aussehen: „Wonder Woman“ Diana (Gal Gadot) und „Entdecker“ Steve Trevor (Chris Pine)
Foto: Warner Bros.

Als dienstbare Untergebene werden die Herren der Schöpfung also zumindest vor der Vorführung hingenommen: Die Luxemburger Zuschauerinnen sind da demnach etwas toleranter als die Amazonen, die ohne dieselben auf ihrer Insel wohnen und wie die Königin selbst ihre Tochter – „Wonder Woman“ Diana – „aus Ton“ formte.

Klischees lassen grüßen

Erst mal gibt es aber noch eine fuchsiafarbene Papiertüte mit Apfeltrank, Frauenmagazin und Infos über Dauerepilation: Na bitte – Farb-, Bibel- und Schönheitsklischees lassen grüßen! Doch auch das Gesundheitsministerium ist aufmarschiert und informiert über die ungünstige Kombination „Sonne, Haut und Krebs“ – ein kleines Sonnenschutzcreme-Muster gibt es gratis dazu.

Die angebotene Alkohol-Olivenbrot-Himbeereis-Diät ist zwar nicht wirklich bikinifreundlich, aber was soll's: Zumindest auf die allgemeine Stimmungslage wirken sich diese kleinen Sünden positiv aus. Das Ganze hat etwas von einem Ritual für Eingeweihte, einem Schulausflug und einer Tupperwareparty – und ist zugleich trotzdem sympathisch ungezwungen und ausgelassen.

„Wollen Sie vielleicht noch meinen Gutschein: Ich mag kein Eis“, fragt die Nachbarin am Stehtisch. Wow! Gibt es sie am Ende etwa doch: Solidarität statt Stutenbissigkeit? Die junge Frau kennt diese Art von Veranstaltung aus Liège und entdeckt nun fasziniert deren Luxemburger Eigenarten. So geht gelebte Integration – im bunten Kulturmix ...

Ikone der Emanzipation

Bedient es ein weiteres Stereotyp, dass hier im Minette niemand so richtig aufgedonnert ist? Klischee hin oder her, es ist einfach so – sommerlich „casual“ statt „business smart“, so das Motto.

Und was stellt man sich nun eigentlich schlimmer vor: einen Blockbuster mit Popcorn kauenden Teenagern oder angeheiterten Weibern? Die Realität straft an diesem Abend die mitgebrachten Vorurteile Lügen: Sobald die Preise ausgelost sind, die glücklichen Gewinnerinnen sich gefreut haben, beklatscht wurden und das Licht erlischt, herrscht andächtige Stille im Saal. Denn jetzt kommt sie: „Wonder Woman“.

An die gleichnamige TV-Serie, in der Lynda Carter als unerschrockene Amazone von 1975 bis 1979 gegen Unrecht antrat, können sich hier – Alter bzw. Jugend oblige – wohl die wenigsten erinnern.

Dabei ist die Comicfigur, auf der sie fußt, noch deutlich älter: Denn „Wonder Woman“ ist inzwischen, mit ihren 76 Jahren, eigentlich längst im Rentenalter. 1941 kam der erste Comic der weiblichen Superheldin, die „für Gerechtigkeit und Gleichstellung der Geschlechter“ steht, bei DC heraus.

Dass sie mit ihrer figurbetonten Kleidung und knappem Lederlendenschurz trotzdem zur feministischen Ikone aufstieg, ist ihrer Unerschrockenheit geschuldet.

Der Held ist eine "Sie: Wonder Woman, Prinzessin der Amazonen.
Der Held ist eine "Sie: Wonder Woman, Prinzessin der Amazonen.
Foto: Warner Bros.

Frauen an die Macht!

Hier verlässt sie ihre Insel der friedvollen Glückseligkeit, um die Menschheit vor dem Kriegsgott Ares zu retten – die unscheinbare Brillenträgerin ist selbst im diskreten Mauerblümchen-Outfit eine Heldin mit Superkräften und u. a. einem magischen Wahrheits-Lasso.

Wonder Woman ist die Inkarnation dieses geheimen Traums einer „Badass“-Einzigartigkeit, die jede noch so unterwürfige Frau ebenso wie ihre emanzipierte Geschlechtsgenossin hegt: Diese eine Auserwählte zu sein, die etwas bewegen, ja alles retten kann. Kurz das Klischee des weiblichen Helfersyndroms – mal kurz auf die ganze Menschheit ausgelegt.

Nicht nur auf, auch hinter der Leinwand hat eine Frau das Sagen: Regisseurin Patty Jenkins zeigte schon mit ihrem Film „Monster“, dass sie ein feines Gespür für weibliche Heldinnen und Beziehungsdynamik hat. In „Wonder Woman“ stellt sie auch noch unter Beweis, dass sie durchaus auch zur Selbstironie und -kritik fähig ist. Die Figur der furchtlosen und zugleich irgendwie naiven Amazonen-Prinzessin und ihr kindlich staunender Blick auf unsere Welt – selbst wenn die Handlung im Ersten Weltkrieg spielt – hat etwas erfrischend Altmodisches, ja Verklärtes.

Modell und Miss Israel 2004 Gal Gadot musste für ihre Rolle neu n Kilogramm (Muskeln) zulegen – na das hört man doch gerne ... und ja, die Frau sieht einfach fantastisch aus und ist dabei ganz auf „natural look“ getrimmt; schwarzer Kajalstrich, Lippenstift und dunkle, wallende Mähne.

Starker Anfang, dann zuviel Action

Chris Pine, als „Star Trek“-Captain Kirk das Heldendasein gewohnt, überlässt hier mal der Dame den Vortritt und packt trotzdem bei der Rettung der Welt mit an.

Nach einem richtig starken und packenden Beginn fällt der Film leider in der zweiten Hälfte etwas ab: Zu viel Action tritt an Stelle der humorvollen Charakterentwicklungen und lässt so Längen entstehen, über die selbst der technische Aufwand nicht hinwegtrösten kann. Bei 141 Minuten hätte ein Zurechtstutzen sicher gut getan.

So eine Ladies' Night ist vielleicht nicht jederfraus Ding, richtig Spaß haben kann man trotzdem dabei – und „Wonder Woman“ sollte man sich auch als Mann keinesfalls entgehen lassen.

Dass ihr Charme nicht nur am kurvenbetonten Dress liegt, ist eindeutig dann doch der Emanzipation geschuldet: Die Wege des Herrn bleiben – auch im Jahr 2017 – manchmal unergründlich ...