Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Die Filmkritik der Woche: Was wissen wir schon über Afrika?
Kultur 2 3 Min. 06.05.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: Was wissen wir schon über Afrika?

Véro Tshanda
Beya Mputu
 ist Félicité – 
Sängerin, Mutter
 und eine
emanzipierte, 
selbstbestimmte 
Frau.

Die Filmkritik der Woche: Was wissen wir schon über Afrika?

Véro Tshanda
Beya Mputu
 ist Félicité – 
Sängerin, Mutter
 und eine
emanzipierte, 
selbstbestimmte 
Frau.
Foto: Andolfi
Kultur 2 3 Min. 06.05.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: Was wissen wir schon über Afrika?

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„Félicité“ haben wahrscheinlich nicht viele Filmfans auf dem Radar, doch es gibt gleich mehrere Gründe, wieso alle dies eigentlich sollten

Von Vesna Andonovic

Was wissen wir schon über Afrika? Richtig: Eigentlich nichts! Wir wissen nicht, wie der Alltag in Afrika so aussieht; wie die Menschen dort leben; was ihre Sorgen, Freuden, Probleme und Wünsche wirklich sind. „Félicité“ ändert das: endlich, radikal, ohne moralischen Zeigefinger. Bei dieser Holperfahrt geht so manches Vorurteil über Bord.

Alles beginnt mit einem Drama: ein Junge ist in einen Motorradunfall verwickelt. Schwer verletzt liegt er im Krankenhaus und wartet auf die Behandlung, die sein zertrümmertes Bein retten soll. Doch so einfach, wie wir das bei uns gewohnt sind – mit sozialer Absicherung und medizinischer Versorgung – ist diese so gesehen eigentlich banale Situation in Afrika nicht.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Als die Mutter des 14-Jährigen an sein Krankenbett herbeieilt, wartet auf Félicité eine schier unlösbare Aufgabe. Für die Behandlung ihres Sohnes braucht die Alleinerziehende nämlich eines: Geld – und zwar eine ganze Menge davon, weitaus mehr, als das, was sie mit ihrem Job als Sängerin in einer Kneipe Kinshasas verdient. Und dann ist da noch daheim ein kaputter Kühlschrank, der darauf wartet repariert zu werden ...

Félicités Suche nach Mitteln, die einer regelrechten Odyssee durch die betriebsamen Straßen und unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und Lebenssituationen der kongolesischen Hauptstadt gleicht, folgt die Kamera des französisch-senegalesischen Regisseurs Alain Gomis, 1972 in Paris geboren, mit einer geradezu dokumentarischen Nüchternheit und taucht den Zuschauer so in den Alltag Afrikas ein.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Ein Alltag, der uns Europäern gänzlich fremd ist und den wir (wenn überhaupt) nur von Fernsehreportagen kennen, die sich aufmachen die Hintergründe der Flüchtlingskrise aufzudecken. Und die bittere Realität ist: Genau sie – und die unerträglichen Bilder der, deren Traum von einer besseren Zukunft mit einem grauenvollen Tod an den Mittelmeerstränden zerschellt – ist es, die Afrika überhaupt für Europäer zu einem Thema machen.

Nomen est omen

Und genau hier liegt auch Gomis‘ wahres erzählerisches Meisterstück: Er taucht den Zuschauer nicht nur in eine ihm unbekannte Realität, sondern hält ihm dabei ebenfalls einen Spiegel vor und konfrontiert ihn so überaus wirkungsvoll mit den eigenen Klischees und Vorurteilen – in der Art „Wie? Es gibt tatsächlich Orchester in Afrika, die auch noch unsre klassische Musik spielen?“. So hebelt Gomis diese mit einer beeindruckend einfachen Eleganz aus – ohne dabei einen einzigen Moment lang den moralischen Zeigefinger zu erheben. Denn der Regisseur begleitet, statt zu zeigen, er betrachtet, statt zu werten.

Ein Stoß zerknitterter Geldscheine, dessen Größe die Wenigkeit ihres Wertes zeigt, wird so einerseits zum Symbol eines tagtäglich zu bestreitenden Überlebenskampfes und gleichzeitig relativiert Gomis durch ihn die rein materiellen, ja materialistischen Werte indem er ihnen die noch lebenswichtigeren der Menschlichkeit gegenüberstellt.

Solidarität und Empathie

Statt des staatlichen Solidaritätsprinzip, das wie bei uns u. a. eine Absicherung durch Krankenkassen ermöglicht, erlebt der Zuschauer hier, wie der noch fundamentalere Grundsatz der menschlichen Empathie greift. Alle Probleme löst dies nicht, doch vermittelt es nicht nur dem Hilfebedürftigen sondern ebenfalls dem Helfenden das Gefühl nicht alleine da zu stehen – und wahrt die Würde aller; denn Hilfe ist kein Almosen.

Félicité ist nicht alleine in ihrem Leid und einsam in der Sorge um den pubertierenden Sohn. Gleichberechtigt inmitten aller Probleme gibt es die langsam aufkeimende Liebesbeziehung zu Tabu und herzerwärmende Momente familiärer Ausgelassenheit und Flucht ebenso wie die Erhebung durch die Musik.

Dass nicht alle Darsteller professionelle Schauspieler sind, tut der Glaubwürdigkeit der Geschichte keinen Abbruch. Véro Tshanda Beya Mputu trägt dabei mit einer bannenden inneren Kraft ihre Figur der Félicité und macht aus ihr das starke Symbol des neuen Afrika, das im 21. Jahrhundert trotz Tradition eigenmächtig in Richtung Moderne voranschreitet.

Moment der Glückseligkeit

Visuell besticht „Félicité“ durch eine wundervolle Poesie, die Banalität zeigt und Erhebung verspüren lässt. Beides, der Sohn und der Kühlschrank, und letztlich auch der afrikanische Kontinent selbst, bedürfen Hilfestellung, keiner Bevormundung.

Die Produktion wurde bei den letzten Filmfestspielen von Berlin mit dem Silbernen Bären, dem Großen Preis der Jury, ausgezeichnet. Dies gab ihm die notwendigen Vorschusslorbeeren, um einen besseren internationalen Vertrieb zu sichern; ein wohlverdienter Griff unter die Arme. Denn „Félicité“ gibt dem Zuschauer genau das, was sein Name verspricht: einen gemeinschaftlich geteilten Moment der Glückseligkeit.