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Die Filmkritik der Woche: Vom schlechtesten Film aller Zeiten
Hollywood-Glamour, wie er in der klischeehaften Vorstellung der Zuschauer leibt und lebt: „The Disaster 
Artist“ ist eine Nabelschau der herzerfrischenden Art.

Die Filmkritik der Woche: Vom schlechtesten Film aller Zeiten

Foto: NewLine Cinema
Hollywood-Glamour, wie er in der klischeehaften Vorstellung der Zuschauer leibt und lebt: „The Disaster 
Artist“ ist eine Nabelschau der herzerfrischenden Art.
Kultur 2 2 Min. 10.02.2018

Die Filmkritik der Woche: Vom schlechtesten Film aller Zeiten

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
3,6 Punkte auf IMDB: Vernichtender kann ein Urteil über einen Film gar nicht sein. Und trotzdem ist Tommy Wiseaus „The Room“ aus dem Jahr 2003 ein Publikumshit, der heute noch Kinosäle füllt. Seine abenteuerliche Entstehungsgeschichte erzählt „The Disaster Artist“.

„Ha ha haha ha“, schnatzt spastisch der Mann mit pechschwarzer Mähne, der aussieht als hätte Captain Jack Sparrow sich kurz mal von der „Miami Vice“-Kostümbildnerin aufmotzen lassen. Und genau diese total missglückte Mischung ist es auch, die „The Disaster Artist“ von James Franco, ansonsten eher als Schauspieler bekannt, so liebenswert-gewinnend macht.

Der Mann ist nämlich keiner kranken, geschweige denn uninspirierten Drehbuchautorenfantasie entsprungen, es gibt ihn tatsächlich: Er heißt Tommy Wiseau und ist ein Hollywoodsches Unikum. In die Geschichte der Traumfabrik ging er 2003 als Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Hauptdarsteller von „The Room“ ein.

Nie etwas von dem Film gehört? Wahrscheinlich liegt es daran, dass er sich gerne mit dem Titel „schlechtester Film aller Zeiten“ schmückt – wobei er hier trotz vernichtender 3,6 von möglichen zehn Punkten beim „International Movie Data Base“-Ranking ja in direkter Konkurrenz zum kultigen „Troll“ oder dem IMDB-Hitparadenschlusslicht „Code Name: K.O.Z.“ (unterirdische 1,9 Punkte!) steht. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen füllt er heute noch Sondervorstellungen in Kinos rund um den Erdball bis auf den letzten Platz: Kurz, „The Room“ ist kult. 

James Franco erzählt nun in „The Disaster Artist“ die Entstehungsgeschichte des einzigartigen Schunds. Denn bekanntlich gibt es Filme, die so schlecht sind, dass genau das sie wiederum, wenn schon nicht gut, zumindest zu Kultobjekten macht. Nicht umsonst rühmte Ross Morin, Lehrbeauftragter für Filmstudien an der St. Cloud State University in Minnesota „The Room“ als „the Citizen Kane of bad movies“.

Herzerfrischende Nabelschau

„The Disaster Artist“ ist eine Nabelschau der herzerfrischenden Art. Denn statt Selbstbeweihräucherung steht hier humorvolle Selbstkritik an der Tagesordnung. Zudem vermittelt der Film nicht nur gute, alte Werte wie Freundschaft, unerschütterlichen Glauben, ja selbst das Recht Fehler zu machen, sondern strotzt auch nur so vor skurrilen Charakteren wie dieses ungleiche Paar, das der schräge Tommy mitsamt seines undefinierbaren Akzents und approximativen Satzbaus und der Leinwandschönling Greg Sestero, dessen Talent sich auf sein knackiges Aussehen beschränkt und dementsprechend magere Früchte trägt.

Sie werden von den Brüdern James und Dave Franco schlüssig-charmant gespielt. Besonders Hauptdarsteller James Franco, der wie sein Vorbild ebenfalls in die Rolle des Regisseurs und Produzenten schlüpft, ist nicht mehr noch als ein Augenschmaus eine Wohltat fürs Gemüt – ein verdienter Comedy-Golden Globe quittierte zurecht die Performance.

Das Schöne an James Francos Film ist nicht nur sein empathischer Blick auf glücklose Kollegen wie Tommy Wiseau oder Greg Sestero, denen die ganz große Karriere, wie er selbst sie kennt, verweigert blieb. Es ist diese Leichtigkeit, mit der er den Charme von Voltaires Candide in die gnadenlose Traumfabrik-Kulisse verpflanzt und dabei weder überheblich noch lächerlich rüberkommt.

Und man braucht sich nicht einmal das Original, „The Room“ anzutun, um Francos Film darüber zu verstehen, geschweige denn genießen zu können. Der Zuschauer, der sich einfach nur auf den spröden Charme dieser Loser einlässt, wird dafür fürstlich entlohnt: Denn derartig überschwänglicher, gänzlich beratungsresistenter Optimismus tut nämlich richtig gut!

Wie heißt es so schön: Wer kein gutes Beispiel sein kann, sollte zumindest als furchterregende Warnung nützlich sein ...