Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Die Filmkritik der Woche: "Victoria & Abdul": Die Queen und der Muslim
Kultur 2 3 Min. 21.10.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "Victoria & Abdul": Die Queen und der Muslim

 Ob als James Bonds „M“ oder Queen Victoria, Judi Dench stellt sich stets demütig in den Dienst ihrer Rolle.

Die Filmkritik der Woche: "Victoria & Abdul": Die Queen und der Muslim

Ob als James Bonds „M“ oder Queen Victoria, Judi Dench stellt sich stets demütig in den Dienst ihrer Rolle.
Foto: Feature Focus
Kultur 2 3 Min. 21.10.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "Victoria & Abdul": Die Queen und der Muslim

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Da wankt das Empire. Queen Victoria hat einen neuen Vertrauten: einen Muslim! Was ein Film über eine geheime Freundschaft der Königin so alles über die Welt anno 2017 erzählen kann...

Von Vesna Andonovic

Da wankt das Empire. Die Queen hat einen neuen Vertrauten: einen Muslim! Nicht Elisabeth, ihre Vorgängerin Victoria hat, sehr zum Leidwesen des Hofes, im indischen Diener Abdul einen neuen Intimus: Freundschaft oder Altersdemenz, das ist hier die Frage ...  

Stephen Frears hat ein Faible für britische Königinnen – vorzugsweise, wenn sie eine gewisse, etwas höher angesetzte Altersgrenze überschritten haben. Nach „The Queen“ 2006 mit Helen Mirren, inszeniert der Regisseur von „High Fidelity“ (2000) und zuletzt „Florence Foster Jenkins“, nun nämlich „Victoria and Abdul“ mit Judi Dench – thematisch passend eine wahrlich majestätische Wahl.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Auch diesmal ist die Geschichte, wie der Vorspann hervorhebt, „Based on real events …mostly“ – „Auf wahren Begebenheiten basierend ...größtenteils“. Erzählt hat sie, nachdem sie Jahrzehnte lang buchstäblich vertuscht wurde, die indische Schriftstellerin Shrabani Basu. Ein Porträt Abdul Karims, das sie im Osborne House, der Privatresidenz Königin Victorias und ihres Gatten, Prinz Albert, auf der Isle of Wight sah, weckte ihre Neugier.

Und die Geschichte, die sich dahinter verbarg und die nun dank ihres Buchs „Victoria and Abdul: The True Story of the Queen's Closest Confidant“ auf dem Frears Film basiert, weltweit bekannt wurde, übertrifft alle (erzählerischen) Erwartungen. Denn sie erzählt, wie ein 24-jähriger Inder muslimischen Glaubens zum „Munshi“, dem Lehrer der mächtigsten Frau des Empires wurde.

Eine Freundschaft, die vom gesamten Hofstaat mit Argwohn beäugt wurde und Sir James Reid, den Privatarzt der Königin, gar dazu antrieb, in seinen Privataufzeichnungen von einer regelrechten „Munshi-Mania“ zu schreiben.

Alte Stereotypen, die vieles über unsere Epoche aussagen

Der Blick des jungen Abdul auf das steife, für den heutigen Zuschauer regelrecht obsolet erscheinende Hofzeremoniell hat nicht nur etwas von Voltaires Candide, es übertrifft dessen Offenherzigkeit sogar. Denn statt seiner (erfrischenden) Naivität, eröffnet sie aus der heutigen Perspektive einen doppelten Diskurs auf die aktuelle Zeit.  

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Einerseits erfüllt so jeder ein Stück weit seine Rolle, sprich schlüpft in altbekannte Stereotypen, die Frears zuweilen etwas zu leichtfertig eindimensional präsentiert – das majestätische Großbritannien ebenso wie die unmündige Kolonie.

Andererseits kommt man nicht umher, Szenen, wie beispielsweise die Befremdung, die die Burka tragenden Ehefrau und Schwiegermutter Karims bei den Briten auslösen, ebenso wie die nach Victorias Tod von ihrem Sohn Albert „Bertie“ (Eddy Izzard) angeordnete „Säuberungsaktion“, die alle Spuren dieser ungewöhnlichen Freundschaft auslöschen soll, mit einem bitterlichen Nachgeschmack zu betrachten. Auf der Leinwand das Bild des heutzutage nicht weniger weit verbreiteten Snobismus, gar Rassismus zu entdecken, ist nicht bequem – und das soll es auch nicht sein.

Denkmal für Judi Dench

Victoria, nicht nur „Queen of England“, sondern auch „Empress of India“, und zudem Oberhaupt der anglikanischen Kirche, die sich plötzlich für den Islam interessiert, und zudem noch lernt? Kein Wunder, dass da das Fundament der Monarchie, die westliche Sichtweise ins Wanken gerät und das königliche Umfeld alles daransetzt, um diese menschliche Beziehung zur Monarchin zu unterbinden, wo es nur geht, und wo nicht, zumindest soweit zu vertuschen, dass das Gesicht nach Außen gewahrt wird.

Wenn es eines Denkmals bedurfte, um das Können und Talent von „Dame“ Judi Dench zu würdigen, dann hat Frears ihr mit der Rolle der Victoria die beste Gelegenheit geboten, es sich hier selbst zu errichten: Nicht als mächtige Herrscherin eines Weltreiches, sondern als alte, verletzliche Frau, inmitten ihres riesigen Hofstaats zur Einsamkeit verdammt. Denchs Spiel ist fein, berührend, kurz atemberaubend. Ihr gegenüber ist Bollywood-Star Ali Fazal ein jugendlich-frischer Abdul, der dem Film eine gewinnend menschliche Leichtigkeit verleiht. Comedian Eddie Izzard, der im September 2015 mit seiner One-Man-Show im TNL auf der Bühne stand, gewinnt dem unsympathisch-rassistischen Thronanwärter Bertie eine berührend nach mütterlicher Anerkennung dürstende Seite ab.

Ein Film, der zeigt, wie schwer interkulturelle Freundschaft es hatte und hat – und zugleich, wie nötig wir sie alle brauchen.