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Die Filmkritik der Woche: Todd Haynes' „Carol“: (Fast) Ein Liebesfilm wie jeder andere
Kultur 1 3 Min. 16.01.2016 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: Todd Haynes' „Carol“: (Fast) Ein Liebesfilm wie jeder andere

Frau liebt Frau: In den 50er Jahren noch ein vorprogrammierter Skandal - bestenfalls Interesse vor allem, wenn das Paar Rooney Mara und Cate Blanchett ist.

Die Filmkritik der Woche: Todd Haynes' „Carol“: (Fast) Ein Liebesfilm wie jeder andere

Frau liebt Frau: In den 50er Jahren noch ein vorprogrammierter Skandal - bestenfalls Interesse vor allem, wenn das Paar Rooney Mara und Cate Blanchett ist.
Foto: Film4
Kultur 1 3 Min. 16.01.2016 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: Todd Haynes' „Carol“: (Fast) Ein Liebesfilm wie jeder andere

Verheiratete Frau liebt Frau - in den 50er sorgte so eine Geschichte für reichlich Diskussion. Nun lässt Regisseur Todd Haynes in seinem "Carol" Cate Blanchett und Rooney Mara in die Haut des Liebespaares schlüpfen - und inszeniert einen in aller Hinsicht klassischen Film. Solide aber ohne wirkliche Überraschungen.

von Vesna Andonovic

Neu ist die Geschichte ja eigentlich nicht: Junge Unschuld vom Lande trifft im Großstadtdschungel auf weltgewandten Großstädter, der ihr die Tore zu einer neuen Welt voller materieller und erotischer Versuchungen aufstößt. Und doch, als 1952 „The Price of Salt“ einer gewissen Claire Morgan veröffentlicht wurde, schlug das Buch ein wie eine Bombe – schließlich handelte es sich bei besagtem Verführer hier um eine Frau, und demnach erzählte es von einer gleichgeschlechtlichen Beziehung.

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Geschrieben wurde der Roman unter Pseudonym von der Bestsellerautorin Patricia Highsmith, die darin eigene Erfahrungen – ihr Verhältnis zur älteren Virginia Kent Catherwood, die infolge ihrer Scheidung das Sorgerecht für ihr Kind verlor – mit einfließen ließ. Erst 1990 erschien das Buch in Großbritannien unter dem Titel „Carol“ und Highsmiths richtigem Namen.

Ästhetisch altmodisches Kino

Über ein halbes Jahrhundert später haben sich die Sitten zwar gewandelt – und doch wird Homosexualität noch immer nicht wirklich als „normal“, sprich alltäglich hingenommen. Einen Skandal provoziert man heutzutage allerdings nicht mehr mit diesem Thema auf der Leinwand – vor allem nicht, wenn es in ein so ästhetisch altmodisch anmutendes Kino, eingebettet von zwei versierten – und nebenbei auch schön anzusehenden – Schauspielerinnen, getragen wird wie in „Carol“, mit dem der amerikanische Regisseur Todd Haynes im Wettbewerb beim letzten Filmfestival von Cannes ins Rennen ging und, trotz stolzer fünf Nominierungen bei den diesjährigen Oscar-Vorboten, den Golden Globes, damit leer ausging. Wie viele seiner sechs Oscar-Chancen „Carol“ verwirklichen kann, werden wir derweil am 28. Februar erfahren. 

Carol Aird (Cate Blanchett) ist zwar verheiratet und Mutter - liebt jedoch Frauen.
Carol Aird (Cate Blanchett) ist zwar verheiratet und Mutter - liebt jedoch Frauen.
Foto: Film4

Die junge Therese Belivet (Rooney Mara), die als Kaufhausangestellte in Manhattan arbeitet und davon träumt, Fotografin zu werden, lernt die verheiratete Carol Aird (Cate Blanchett), Mutter einer kleinen Tochter, kennen und lieben. Doch deren Ehemann hat nicht vor, diese Romanze zu tolerieren, und die Situation spitzt sich dramatisch zu, als er das Paar von einem Privatdetektiv beschatten lässt und die Scheidung einreicht ...

Todd Haynes versteht, welche Möglichkeiten ihm sein schauspielerisches Zweigespann Mara/Blanchett, beide für ihre respektiven Rollen für einen Oscar nominiert, bietet und stellt seine in aller Hinsicht klassische Inszenierung der Geschichte ganz in den Dienst seiner Darstellerinnen.

(Selbst-)Behauptung der weiblichen Sexualität

Dabei lässt er den Rest seiner Regiearbeit dennoch nicht allein zum schmückenden Rahmen verkommen, sondern zieht stringent eine formale Schlüssigkeit durch, die sich vornehmlich auf das Visuelle konzentriert. Hatte er mit seinem Erstlingswerk „Poison“ (1991) den Großen Preis der Jury beim „Sundance Film Festival“ bekommen, noch in amerikanisch-konservativen Kreisen von wegen „Pornografie“ verschrien, so präsentiert sich Haynes hier eher zurückhaltend.

Liebe auf den zweiten Blicke: die junge Kaufhausangestellte Theresa (Rooney Mara) und die verheiratete Carol (Cate Blanchett).
Liebe auf den zweiten Blicke: die junge Kaufhausangestellte Theresa (Rooney Mara) und die verheiratete Carol (Cate Blanchett).
Foto: Film4

Kritisieren, dass dieser „brave“ Ansatz der komplexen Thematik der schmerzhaften (Selbst-)Behauptung einer weiblichen Sexualität nicht wirklich gerecht wird, kann man dabei nicht, da die literarische Vorlage sich ebenfalls ebenso stark auf eine Charakterstudie, wie die Thematisierung der Homosexualität konzentriert.

Passend hierzu verleiht Kameramann Edward Lachman dem Ganzen eine historische Patina, die zuweilen an Hopper-Gemälde erinnert.

Komplexe Thematik aus allzu sicherer Warte

Während Cate Blanchett mit der ihr eigenen kühlen Grazie und Schönheit auf der Leinwand dennoch ihrer Figur eine gewisse Leidenschaft zu verleihen vermag, besticht ihre jüngere Kollegin Rooney Mara, trotz eher beschränkter Mimik, durch die Überzeugungskraft, mit der sie die Entwicklung der Therese vom Mauerblümchen zur selbstbestimmten Frau darstellte – und hierfür in Cannes mit dem Preis der besten Darstellerin geehrt wurde. So ist auch sie – entgegen dem, was der Titel vermuten lässt – die interessantere Figur der Gefühlskonstellation.

Kein trautes Heim mehr: Carols Ehemann will die lesbischen Liebschaften seiner Frau nicht mehr hinnehmen und reicht die Scheidung ein.
Kein trautes Heim mehr: Carols Ehemann will die lesbischen Liebschaften seiner Frau nicht mehr hinnehmen und reicht die Scheidung ein.
Foto: Film4

Ein in seiner Form überaus gepflegter Film, der die Thematik der gleichgeschlechtlichen Liebe aus konventioneller und sicherer Warte beleuchtet und demnach nicht revolutioniert, der aber dennoch wegen seiner überzeugenden Schauspielerinnen und der geschmackvollen Zeitzeichnung ein sehenswertes Werk ist.