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Die Filmkritik der Woche: "The Eagle Huntress": Frei wie ein Vogel
Kultur 3 Min. 15.04.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "The Eagle Huntress": Frei wie ein Vogel

Die Weiten der mongolischen 
Steppen sind eine betörende 
Kulisse für die Abenteuer 
der 13-jährigen Aisholpan 
und ihres Adlers.

Die Filmkritik der Woche: "The Eagle Huntress": Frei wie ein Vogel

Die Weiten der mongolischen 
Steppen sind eine betörende 
Kulisse für die Abenteuer 
der 13-jährigen Aisholpan 
und ihres Adlers.
FOTO: KISSAKI FILMS
Kultur 3 Min. 15.04.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "The Eagle Huntress": Frei wie ein Vogel

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„Atemberaubend“: Kein anderes Wort fasst die Dokumentation von Otto Bell besser zusammen. Dabei erzählt „The Eagle Huntress“ die fast märchenhafte Geschichte einer 13-jährigen Nomadin und zeigt, dass Emanzipation nicht Geschlechter-, sondern Erziehungssache ist.

Kraftvoll breitet der Adler seine Flügel aus und stürzt sich in die Tiefe, um nur Sekunden später majestätisch in die Lüfte empor zu steigen. Gebannt beobachtet der Zuschauer, wie der Greifvogel zum winzigen Punkt am Himmel wird, und ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit erfüllt ihn bei diesem Anblick. Fast schon spürt er, wie der Wind der mongolischen Steppe ihm selbst ins Gesicht bläst: Denn nichts drückt das Freisein besser aus als ein Vogel, der nicht einmal dem physikalischen Gesetz der Schwerkraft untertan ist.

Aisholpans Traum vom Fliegen

Im Dokumentarfilm des Amerikaners Otto Bell ist dieses Bild nicht nur ein visuell bannendes Stilmittel, es hat auch eine starke Symbolkraft. Denn der Adler steht für die Freiheit seiner Besitzerin: Aisholpan Nurgaiv ist 13 und lebt mit ihrer Familie im kasachischen Altai-Gebirge. Wie alle Mädchen in ihrem Alter mag sie Nagellack, tollt mit Geschwistern und Freundinnen herum und entdeckt gerade die Welt.

Mutig begegnet das junge Mädchen dem imposanten Adler.
Mutig begegnet das junge Mädchen dem imposanten Adler.
FOTO: KISSAKI FILMS

Und Aisholpan hat einen Traum: Sie will Adlerjägerin werden. Eigentlich ist dies Männern vorbehalten, so auch in ihrer Familie, die seit Generationen diese Tradition pflegt. Doch durch Aisholpans Beharrlichkeit und mit der Unterstützung ihres Vaters wird langsam aus dem Traum Wirklichkeit.

„Alles ist möglich, wenn man nur den Willen dazu hat“ – so die Moral der Geschichte.

Das eigentliche Kunststück dabei ist, dass, was in unseren Gefilden inzwischen wie die Binsenweisheit eines Abreißkalenders klingt, mit „The Eagle Huntress“ eine zauberhaft bewegende, wahrhaftigere Realität gewinnt.

„The Eagle Huntress“ verströmt eine im Kino selten so zurückhaltend inszenierte Menschlichkeit und Auseinandersetzung mit dem (Selbst-)Vertrauen, die keinen Zuschauer unberührt lassen kann.

Bildgewaltig und schön

Von seiner Geschichte erinnert Bells Film an René Bo Hansens „Die Stimme des Adlers“. Nur steht, statt des zwölfjährigen Bubs Bazarbai, hier ein Mädchen im Mittelpunkt des Geschehens.

Dies macht den Film vielschichtiger und gleichzeitig universeller, denn er fügt ein auch in unseren Gegenden wichtiges Thema in einen größeren Kontext ein: den Platz der Frau in der modernen Gesellschaft – gezeichnet vom Wechselspiel zwischen Tradition und Moderne, das je nach Auslegung Bremse oder Dynamik sein kann.

Das Altai-Gebirge ist eine zauberhafte Kulisse für die Dokumenatation.
Das Altai-Gebirge ist eine zauberhafte Kulisse für die Dokumenatation.
FOTO: KISSAKI FILMS

Doch was lernt der Zuschauer durch diese ungewöhnliche Konfrontation mit den Gepflogenheiten eines ihm fremden Landes? Nun, dass, was uns Menschen trennt, weitaus weniger ist als das, was uns verbindet.

Bell gelingt es, eine emanzipatorische Revolution emphatisch zu zeigen, und vor deren formalen und inhaltlichen Schönheit verzeiht man dem Regisseur auch die etwas knapp geratene Nuancierung. Das kasachische Sprichwort „Wenn du nie aufhörst zu probieren, wird es dir am Ende gelingen“, mit dem die junge Protagonistin von ihren Eltern aufgezogen wurde, verdeutlicht dabei, dass Emanzipation letzten Endes nicht Geschlechter- oder Gesellschafts-, sondern Erziehungssache ist.

Die Bildgewalt der kasachischen Berglandschaften und der mongolischen Weiten, die so für sich stehen, dass Simon Niblett eigentlich nur seine Kamera draufzuhalten braucht, erinnert einerseits an Nikita Mikhalkows, mit einem Goldenen Löwen ausgezeichneten, „Urga“ aus dem Jahr 1991, andererseits an „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ (2003).

(Welt)Berühmte Erzählerin

Mit Daisy Ridley, (welt-)berühmt geworden durch ihre Rolle der Rey im „Star Wars: The Force Awakens“-Streifen, hat Bells im Vergleich sehr bescheidene Dokumentation eine ebenso begeisterte wie prominente Erzählerin, die so von der Geschichte mitgerissen war, dass sie ebenfalls als „Executive Producer“ einstieg.

Die junge Nomadin setzt sich gegen die Tradition durch - und hat dabei alle Sympathie des Zuschauers.
Die junge Nomadin setzt sich gegen die Tradition durch - und hat dabei alle Sympathie des Zuschauers.
FOTO: KISSAKI FILMS

Das wirklich Bemerkenswerte an „The Eagle Huntress“ ist seine nachhallende und nachhaltige Wirkung auf den Zuschauer und seine Protagonisten.

So bewirkt sie beim Publikum eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wertvorstellungen, Träumen und Ängsten. Und, über die reine Momentaufnahme von Aisholpans Leben hinaus, ist der Film ebenfalls für die Zukunft seiner Hauptfigur ausschlaggebend: Ein Teil der eingespielten Gelder bzw. Preisgelder geht nämlich an die Familie weiter, um später Aisholpans Medizinstudium zu finanzieren.

Ein – nicht nur, weil es allzu selten Dokumentationen auf großer Leinwand zu sehen gibt – überaus sehenswerter Film für die ganze Familie, dessen positive Message eine Wohltat für die Seele ist.