Die Filmkritik der Woche: "The Circle"

Bring dich ein, in den Kreis ...

Globale Überwachung rettet zwar Maes (Emma Watson) Leben, doch ihr Umfeld zahlt am Ende hierfür einen hohen Preis.
Globale Überwachung rettet zwar Maes (Emma Watson) Leben, doch ihr Umfeld zahlt am Ende hierfür einen hohen Preis.
Foto: Paradiso

Von Vesna Andonovic

„Die Personen und die Handlung des Films sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig“, steht zwar nicht im Abspann von „The Circle“, aber das muss es auch nicht, damit der Zuschauer beim Film den Brückenschlag zu Giganten wie Google, Facebook und Co. macht.

Dabei bleibt am Ende ein mehr als nur mulmiges Gefühl in der Magengegend und ein ziemlich bitterer Nachgeschmack im Mund: In der schönen, neuen – digitalen – Welt ist der Preis der Freiheit, nämlich plötzlich diese Freiheit selbst. Klingt moralisierend, ist es aber – erstaunlicherweise – nicht. Und genau das macht „The Circle“ auch so interessant.

Solche grundlegenden, moralischen Fragen stellt sich die junge Mae (Emma Watson) (noch) nicht: Sie ist einfach nur überglücklich, dass sie sich nicht mehr bei der Helpline eines Wasserwerks abrackern muss, sondern durch Freundin Annie (Karen Gillan) plötzlich die Chance auf einen Job bei „The Circle“ kriegt.

Und die Arbeitsbedingungen beim Tech-Giganten scheinen geradezu idyllisch: ein riesiger Campus inklusive unzähliger Freizeitangebote, junge, dynamische und engagierte Kollegen und die Perspektive auf Karriere und eine abgesicherte Zukunft.Doch dann stellt Mae plötzlich fest, dass all dies auch einen Preis hat, den nicht sie, sondern ihr privates Umfeld zahlen muss ...

You Are Watching Big Sister

Diskussionen und Unkenrufe um die Gefahren des Fortschritts sind mindestens so alt wie die Menschheit selbst. Doch waren bei der Atomspaltung die Gefahren noch klar erkennbar, so begnügen sich viele, den Siegeszug des Digitalen im Alltag mittels seiner positiven, da verbraucherfreundlichen Seite zu rechtfertigen und somit nicht zu hinterfragen. Wieso sollten wir heute auch noch überhaupt Karten deuten können, wenn die Frauenstimme aus der Dose uns doch so freundlich und effizient ans Ziel lotst?

Doch Komfort schafft ebenfalls Abhängigkeit und wirft somit die Frage der „Machtübernahme“ der Technik auf, wie sie schon u. a., „2001: A Space Odyssey“, die „Terminator“-Reihe oder „AI – Artificial Intelligence“ thematisiert bzw. ausgeschlachtet haben.

James Ponsoldts Film gelingt es dabei, zwischen den beiden widersprüchlichen Seiten der globalen Vernetzung, sprich deren Errungenschaften und ihre Gefahren, hin und her zu jonglieren, ohne dabei in (allzu große) Vereinfachung und dementsprechende Verteufelung abzugleiten. Ponsoldt spielt dabei die Dualität zwischen „Gut“ und „Böse“ nicht nur in seiner Erzählung sondern ebenfalls in seinen Bildern aus.

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Visuell spiegelt sich Maes anfängliche Begeisterung und die spätere Entzauberung ebenfalls passend wider: Zu Beginn hat der metaphernreif auf sich zusammengerollte Campus des „Circle“ die Attraktivität eines Hochglanzprospekts, doch seine Aura schwindet langsam, bis es auf dem make-up-losen Gesicht der überarbeiteten Annie den Preis für diesen beruflichen Erfolg zeigt.

Emma Watson, nicht als sonderlich expressive Schauspielerin bekannt, erweist sich gerade deshalb als die perfekte Besetzung für die junge Mae, und verkörpert mit ihrer undurchdringlichen Art Begeisterung und Zweifel gleichermaßen überzeugend.

Die Verantwortung des Einzelnen

Was sie da gerade wirklich denkt, wenn sie „transparent“ wird und 24/7 ihr Leben mit ihren Follow-ern weltweit teilt (deren eingeblendete Kommentare sind ein unterhaltsamer Einfall), oder einem vor Begeisterung johlenden Publikum die Wirksamkeit globaler gegenseitiger Überwachung präsentiert, weiß der Zuschauer nie, und genau das macht ihre Figur interessant und zur idealen Identifikationsfläche.

Während sie dank ihres Jobs in den Genuss des wahren amerikanischen Luxus einer Krankenversicherung selbst für den an Multipler Sklerose erkrankten Vater (Bill Paxton in seiner letzten Rolle) kommt, sind die Auswirkungen eines (gut gemeinten) Posts für ihren Jugendfreund Mercer (Ellar Coltrane, der zwölf Jahre lang für seine Rolle in „Boyhood“ vor der Kamera stand), dramatisch.

In einer (kleinen) Nebenrolle mimt Altmeister Tom Hanks einen der Firmengründer als eine Art sympathisch menschlichen Steve Jobs, dessen sektenhafte Guru-Auftritte vor den Mitarbeitern etwas von lockeren Ted-Talks haben.

Doch Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn nicht am Ende eine positive Botschaft siegen würde: Im Gegensatz zur Romanvorlage, übernimmt Mae auf der Leinwand ihre Verantwortung – wenn auch ihr Reifeprozess etwas simpel ausfällt.

Ein wirkungsvoll inszenierter Film, der wichtige Fragen aufwirft, die nachdenklich stimmen sollten und spannenden intergenerationellen Gesprächsstoff bieten – kurz eine erfreulich angenehme und dementsprechend sehenswerte Überraschung im eher lauen Filmsommer.