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Die Filmkritik der Woche: "The Beguiled": Ein feministischer Western
Kultur 1 3 Min. 26.08.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "The Beguiled": Ein feministischer Western

Nur auf den ersten Blick sind Miss Martha (Nicole Kidman, r.) und ihre jungen Schutzbefohlenen wehrlose Opfer in der brutalen Männerwelt, denn die Frauen wissen sich zu helfen.

Die Filmkritik der Woche: "The Beguiled": Ein feministischer Western

Nur auf den ersten Blick sind Miss Martha (Nicole Kidman, r.) und ihre jungen Schutzbefohlenen wehrlose Opfer in der brutalen Männerwelt, denn die Frauen wissen sich zu helfen.
Foto: Ben Rothstein/FOCUS Pictures
Kultur 1 3 Min. 26.08.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "The Beguiled": Ein feministischer Western

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Beim Filmfestival von Cannes sorgte Sofia Coppola im Mai für Furore: Nicht nur, weil sie Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning und Colin Farrell in ihrem Wettbewerbsbeitrag vereint, auch weil sie sich an das Remake eines Kultwesterns aus dem Jahr 1971 heranwagt.

Von Vesna Andonovic

Beim Filmfestival von Cannes sorgte Sofia Coppola im Mai für Furore: Nicht nur, weil sie Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning und Colin Farrell in ihrem Wettbewerbsbeitrag vereint, auch weil sie sich an das Remake eines Kultwesterns aus dem Jahr 1971 heranwagt. Überaus erfolgreich, wie sich zeigt.

Am Ende reichte es zwar nicht für die Goldene Palme, doch die Jury, um Präsident Pedro Almodóvar, ließ es sich nicht nehmen, Sofia Coppola die Auszeichnung für die Beste Regie zu verleihen. Dabei präsentierte sich ihr Unterfangen bereits vorab auf dem Papier als recht gewagt: Denn Coppola macht sich mit „The Beguiled“ auf, einen Westernklassiker, in dem 1971 Clint Eastwood höchstpersönlich eine der Hauptrollen inne hat, erneut auf die große Leinwand zu bringen.

Beim Filmfestival von Cannes sorgte Sofia Coppola im Mai für Furore: Nicht nur, weil sie Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning und Colin Farrell in ihrem Wettbewerbsbeitrag vereint, auch weil sie sich an das Remake eines Kultwesterns aus dem Jahr 1971 heranwagt.
Beim Filmfestival von Cannes sorgte Sofia Coppola im Mai für Furore: Nicht nur, weil sie Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning und Colin Farrell in ihrem Wettbewerbsbeitrag vereint, auch weil sie sich an das Remake eines Kultwesterns aus dem Jahr 1971 heranwagt.
(Foto: Ben Rothstein / Focus Features)

Dabei ist, im Gegensatz zum klassischen Western-Heldenschema, der Mann hier nur Mittel zum Zweck: Im Zentrum des Geschehens, das sich während des amerikanischen Bürgerkriegs abspielt, steht eine Gruppe Frauen. In Miss Marthas Pensionat zieht die große Geschichte scheinbar unberührt an den jungen Mädchen, die dort ihrer Obhut überlassen sind, vorbei. Bis die Südstaatendamen eines Tages einen verletzten Soldat vor der Haustür finden, und zudem einen aus dem feindlichen Lager.

Sie nehmen den Verletzten dennoch auf und pflegen ihn so gut es geht. Doch die Anwesenheit des Eindringlings bringt das innere Gleichgewicht der kleinen Gemeinschaft langsam aus dem Ruder: Plötzlich findet jede der – kleinen und großen – Damen Gefallen an ihm und buhlt um seine Gunst ...

Der Franzose Philippe Le Sourd zaubert mit seiner Kamera nicht nur den altmodischen Charme der großen Südstaatenepen à la „Gone with the Wind“ auf die Leinwand, er vermag auch psychologische Stimmungen in packenden Bildern so umzusetzen, dass sie den Zuschauer unweigerlich emotional mitreißen.
Der Franzose Philippe Le Sourd zaubert mit seiner Kamera nicht nur den altmodischen Charme der großen Südstaatenepen à la „Gone with the Wind“ auf die Leinwand, er vermag auch psychologische Stimmungen in packenden Bildern so umzusetzen, dass sie den Zuschauer unweigerlich emotional mitreißen.
(Foto: Ben Rothstein / Focus Features)

Das klingt verdächtig nach einer Prise Feminismus in einem Western und somit einem Widerspruch per se – zudem von der Regisseurin von „Lost in Translation“ inszeniert, der das Filmemacher-Gen vom Vater buchstäblich mit in die Wiege gelegt wurde und lässt aufhorchen. Da nutzte es wenig, dass die Filmemacherin ausdrücklich unterstrich, es sei eben kein Remake von Siegels Film, sondern eine neue Adaptierung der Romanvorlage von Thomas Cullinan aus dem Jahr 1966.

Kein Frauen-Egotrip

Coppolas größter Verdienst als Regisseurin, sprich allmächtige Strippenzieherin, ist es, inzwischen eine (vielleicht altersbedingte) Reife und dementsprechende Selbstsicherheit erreicht zu haben, dass sie sich ganz in den Dienst ihres Films und seiner Geschichte stellt und nicht diese als Freudenfest des eigenen Egos missbraucht.

Genau wie Sofia Coppola ordnen sich auch ihre handverlesenen Schauspielerinnen Nicole Kidman (Miss Martha), Kirsten Dunst (Edwina), Elle Fanning (Alicia) und Kollege Colin Farrell (Corporal McBurney) ihren Figuren unter und schaffen so eine überraschend harmonische Besetzung, in der selbst die jüngeren Darstellerinnen Emma Howard und Addison Riecke, ebenso wie ihre kameraerfahreneren Kolleginnen Oona Laurence und Angourie Rice, einen gleichberechtigten Platz einnehmen.

Diese augenscheinliche Eintracht streicht umso wirkungsvoller die feinen Nuancen von Coppolas gelungener, da scharfsinniger Studie der Beziehungsdynamik zwischen Mann und Frau hervor. Den feministischen Aspekt arbeitet sie gerade durch den komplexeren Kontext der Historie hervor, was ihm im Gegenzug eine unerwartete Aktualität verleiht.

Den feministischen Aspekt arbeitet Coppola gerade durch den komplexeren Kontext der Historie hervor, was ihm im Gegenzug eine unerwartete Aktualität verleiht.
Den feministischen Aspekt arbeitet Coppola gerade durch den komplexeren Kontext der Historie hervor, was ihm im Gegenzug eine unerwartete Aktualität verleiht.
(Foto: Ben Rothstein / Focus Features)

Der Franzose Philippe Le Sourd zaubert mit seiner Kamera nicht nur den altmodischen Charme der großen Südstaatenepen à la „Gone with the Wind“ auf die Leinwand, er vermag auch psychologische Stimmungen in packenden Bildern so umzusetzen, dass sie den Zuschauer unweigerlich emotional mitreißen.

Mit einem fein angedeuteten, doch umso wirkungsvolleren Humor lässt Coppola so u. a. männliche Kastrationsängste Wahrheit werden. Denn natürlich nur, um ihm das Leben zu retten, amputieren Miss Martha und ihre jungen Pensionsschülerinnen das Bein des verwundeten Soldaten; oder ist es vielleicht am Ende doch eher, um sich als schwaches Geschlecht einen körperlichen Vorteil über den angeschlagenen Herrn der Schöpfung zu verschaffen?

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Der Zweifel schwebt stumm über der Situation und wirkt als spannungsschaffender Kontrapunkt zu den aufgetischten Geschlechterklischees, bei denen die Frauenfiguren der Geschichte, unabhängig von ihrem Alter, nur darauf abzielen, mit allen Mitteln – und Reizen –, die ihnen zu Verfügung stehen, um die Aufmerksamkeit und Gefühle des Mannes zu buhlen.

Dabei werden die Rollen des Katz-und-Maus-Spiels stetig neu gemischt. Selbst für Zuschauer, die den Ausgang der Geschichte kennen – vorausgesetzt, sie sind mit dem Film von Don Siegel mit Clint Eastwood und Geraldine Page in den Hauptrollen vertraut – bleibt „The Beguiled“ so ein spannender, formal beherrschter und mit Feinsinn inszenierter Film, der beweist, dass es möglich ist, Feminismus und Western auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.