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Die Filmkritik der Woche: "T2 - Trainspotting": „Fugit irreparabile tempus“ ... oder so ähnlich
Kultur 1 3 Min. 04.03.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "T2 - Trainspotting": „Fugit irreparabile tempus“ ... oder so ähnlich

In Veronika (Anjela Nedyalkova) finden Simon (Johnny Lee Miller, l.) und Renton (Ewan McGregor) eine unerwartete Nemesis.

Die Filmkritik der Woche: "T2 - Trainspotting": „Fugit irreparabile tempus“ ... oder so ähnlich

In Veronika (Anjela Nedyalkova) finden Simon (Johnny Lee Miller, l.) und Renton (Ewan McGregor) eine unerwartete Nemesis.
Foto: Sony Pictures
Kultur 1 3 Min. 04.03.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "T2 - Trainspotting": „Fugit irreparabile tempus“ ... oder so ähnlich

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Der britische Regisseur Danny Boyle kehrt mit „T2“ zu den tragikomischen Figuren seines filmischen Meilenstein anno 1996 namens „Trainspotting“ zurück und schafft das Unglaubliche: mit sehnsuchtserfüllter Wehmut in der Gegenwart zu stehen.

von Vesna Andonovic

Mit dem Terminator hat „T2“ nichts zu tun, auch wenn beide Filme aus derselben Epoche, Mitte der 1990er-Jahre, stammen. Und wohl, um jegliches Missverständnis von vornherein aus der Welt zu schaffen, fügte Danny Boyle seinem neuen Film das selbsterklärende „Trainspotting“ hinzu.

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Denn der britische Regisseur kehrt mit „T2“ zu den tragikomischen Figuren zurück, die das Universum des schottischen Autors Irvine Welsh, Jahrgang 1958, bevölkern und Boyle selbst zum filmischen Meilenstein anno 1996 namens „Trainspotting“ verhalfen.

20 Jahre sind ins Land gezogen

Auf der Leinwand ist genau soviel Zeit vergangen, wie in der Wirklichkeit auch: 20 Jahre sind ins Land gezogen. Wer nun die schrillen Alarmglocken und große, rote Leuchtschrift „Achtung Nostalgie!“ – das untrüglichste Zeichen, dass man älter wird – innerlich hört und vor seinem geistigen Auge sieht, darf sich schnell wieder beruhigen, denn „T2“ schafft das schier Unglaubliche:

Diese sehnsuchtserfüllte Wehmut steht mit beiden Beinen in der Gegenwart und bietet genau deshalb einen wirksamen Anreiz – auch für Zuschauer, denen das Original nicht als Landmarke ihrer eigenen Lebensgeschichte dient.

Genau wie die Hauptfigur Mark „Rent-boy“ Renton, der im ersten Teil aus der schmutzigsten Toilette Schottlands kroch, ist „T2“ auch für den Zuschauer ein „trip down memory lane“, eine Reise in die Vergangenheit.

Denn was tut man in allzu menschlicher Notsituation, wenn einem die Ereignisse der Gegenwart über den Kopf wachsen: Man flüchtet in das gute alte „Früher“, als alles besser war. Von der und den ersten Vorboten der Mid-Life-Crisis getrieben kehrt Mark nach Edinburgh zurück.

Doch nicht alle seine früheren Freunde haben ihm den Verrat am Ende des ersten „Trainspotting“ verziehen. Und die alten Dämonen der Drogensucht und Gewalt sind bei ihnen längst nicht ausgetrieben – was dem Film dann wohl auch seine „Ab 16“-Alterseinschränkung einbrachte.

Ein „Trip down memory lane“

„Alles das, was sich ändert, ist immer zugleich auch das, was gleich bleibt“ – das mag auf den ersten Blick wie die sibyllinische Binsenweisheit eines dieser Glückskekse vom China-Restaurant um die Ecke klingen, fasst aber genau das zusammen, was „T2“ mit seinem Vorwerk „Trainspotting“ verbindet.

Denn Boyle zeigt, wie seine Figuren sich weiterentwickelt haben, und dabei doch noch immer die Alten geblieben sind. Die Rückblenden in die (ganz) frühe Jugend des Freundequartetts setzen dabei nicht nur das menschliche Potenzial in eine zeitliche Perspektive, sondern unterstreichen auch letztlich deren inhärente Tragik und Grenzen.

Denn sind in allen Kindern stets immer auch alle Möglichkeiten enthalten – gibt es für sie doch meist nur diesen einen, vorgezeichneten Weg, den sie dann am Ende – nicht wie eine freie Kür, sondern die Pflicht ihres Lebens – auch gegangen sind.

Sie sind wieder da: Spud (Ewen Bremner), Mark (Ewan McGregor), Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Begbie (Robert Carlyle).
Sie sind wieder da: Spud (Ewen Bremner), Mark (Ewan McGregor), Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Begbie (Robert Carlyle).
Foto: Sony Pictures

Spürbare Empathie

Spud (Ewen Bremner) ringt noch immer mit seiner Heroinsucht. Sick Boy (Johnny Lee Miller) hat sein Faible für krumme Geschäfte, heiße Bräute und Kokain noch immer nicht überwunden. Begbie (Robert Carlyle) lässt sich abstechen, um aus dem Knast, wo er seine Haftstrafe absitzt, zu fliehen, und will aus seinem Sohn einen Kleinkriminellen machen. Und auch Mark meint noch immer, er sei schlauer als sie alle und fällt dabei buchstäblich auf die Nase.

Gleichwohl schwingt in Boyles Film weder Belehrung noch Mitleid mit, sondern eine spürbare Empathie. Der rasante und voll im Trend liegende Bilder- und Musikmix gibt dabei ein mitreißendes Tempo vor, dem sich der Zuschauer nur schwer entziehen kann.

Schauspieler Jonny Lee Miller, Ewen Bremner und Anjela Nedyalkova begleiteten Regisseur Danny Boyle zur Premiere des Films bei der 67. Berlinale.
Schauspieler Jonny Lee Miller, Ewen Bremner und Anjela Nedyalkova begleiteten Regisseur Danny Boyle zur Premiere des Films bei der 67. Berlinale.
REUTERS

Boyle versteht schließlich sein Handwerk wie nur wenige andere Filmemacher seiner Generation.

Und dann ist da auch noch ein ganz aktueller Bezug mit diesem persönlichen und humorvollen Augenzwinkern des Brexit-Gegners Danny Boyle, der seine Figuren mit ihrem werbewirksam verpackten doch eigentlich recht schlüpferischen Sauna-Projekt von der EU sponsern lässt.

„T2“ zeigt: Die Zeit flieht, aber genau das macht sie kostbar.