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Die Filmkritik der Woche: "Song to Song": Sex, Drugs und Rock'n'Roll
Kultur 3 Min. 15.07.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "Song to Song": Sex, Drugs und Rock'n'Roll

Cook (Michael Fassbender) genießt eine ganz besondere Aussicht.

Die Filmkritik der Woche: "Song to Song": Sex, Drugs und Rock'n'Roll

Cook (Michael Fassbender) genießt eine ganz besondere Aussicht.
Foto: Buckeye Pictures
Kultur 3 Min. 15.07.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: "Song to Song": Sex, Drugs und Rock'n'Roll

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„Song to Song“ mutet wie ein auf einer wilden Party überhörtes Gespräch zwischen Mick Jagger und Sartre an, die zusammen einen Joint geraucht hätten. Und es braucht der Unbeirrbarkeit eines Terrence Malick um den Exkurs in die Musikwelt zum philosophischen Diskurs über Leben, Liebe und Leere zu machen.

 „Song to Song“ mutet wie ein auf einer wilden Party überhörtes Gespräch zwischen Mick Jagger und Sartre an, die zusammen einen Joint geraucht hätten.

Und es braucht der Unbeirrbarkeit eines Terrence Malick um den Exkurs in die Musikwelt zum philosophischen Diskurs über Leben, Liebe und Leere zu machen.

Oscarpreisträger einfach herausgekickt

Das kann sich nur Terrence Malick erlauben: zwei Oscarpreisträger für einen Film verpflichten, nur, um sie am Schneidepult rauszuschnippeln. Genau so erging es nämlich Christian Bale und seinem Kollegen Benicio Del Toro in „Song to Song“, der am 12. März als Abschluss des LuxFilmFest gezeigt wurde. Fans des amerikanischen Filmemachers reisten damals sogar speziell aus London und Berlin an, um bei dieser Europapremiere, knapp zwei Tage nach der Weltpremiere beim „South by Southwest“-Festival in Austin mit dabei zu sein.

Zum Glück bleiben aber ja immer noch drei Oscarpreisträgerinnen – Cate Blanchett, Holly Hunter, Natalie Portman – und, mit Michael Fassbender, Rooney Mara und Ryan Gosling, auch weitere, drei „Academy Award“-Nominierte in der Besetzung, um Zuschauer scharenweise ins Kino zu locken.

Das Schöne ist auch das Problematische

Das Schöne an dem neuen Film des Regisseurs, der u. a. den mit einer Goldenen Palme ausgezeichneten „The Tree of Life“ inszenierte, ist jedoch zugleich das Problematische daran: Denn Terrence macht – wie könnte es anders sein – wieder einmal seinen Malick.

Faye (Rooney Mara) und Cook (Michael Fassbender) verbindet ein zwiespältiges Verhältnis.
Faye (Rooney Mara) und Cook (Michael Fassbender) verbindet ein zwiespältiges Verhältnis.
Foto: Buckeye Pictures/Van Redin

Er bricht mit klassisch-filmischen Erzählstrukturen und präsentiert seine typische, poetisch-philosophische Meditation in stetigem Zeitsprungmodus – visuell mitreißend, jedoch für das mundgerecht portionierte Häppchen gewohntes Publikum ein schwer verdaulicher Brocken.

Man liebt oder hasst den Film

Das lässt dem Zuschauer nur zwei Optionen: Er wird „Song to Song“ lieben oder hassen. Ein wirkliches Risiko nimmt der Filmemacher dabei nicht, denn Malick hechelt ohnehin keiner Mode nach, sondern macht, wie gewohnt, einfach „sein Ding“ – von der ersten bis zur letzten Einstellung mit meisterlicher Handwerklichkeit.

Wohl auch nur Malick, der zwischen seinem „Days of Heaven“ und „The Thin Red Line“ mal kurz eine 20-jährige Pause einlegte, kann für ein Werk vierzig Drehtage ansetzen und sie kurzerhand auf zwei Jahre verteilen, seinen Darstellern weder Infos zu Figuren noch Handlung (ohnehin ein großes Wort bei Malick) geben und sie selbst fernab des eigentlichen Sets filmen, um mit seiner Kamera Momente der  Wahrhaftigkeit einzufangen.

Trotz all seinen Eigenarten stehen die Stars Schlange und buhlen um die Gunst in einem seiner Filme ein Plätzchen gewährt zu bekommen. Dass beim „South by Southwest“-Festival gedreht wurde, erklärt dann auch die Cameos von Iggy Pop oder The Red Hot Chili Peppers.

Drei sind einer zu viel in einer Beziehung: Faye (Rooney Mara), Cook (Michael Fassbender) und BV (Ryan Gosling) (v.l.n.r.).
Drei sind einer zu viel in einer Beziehung: Faye (Rooney Mara), Cook (Michael Fassbender) und BV (Ryan Gosling) (v.l.n.r.).
Foto: Buckeye Pictures

Zwei Liebesdreiecke

„Song to Song“ erzählt (so) von zwei Liebesdreiecken vor der Musikszenenkulisse in Austin, Texas, bei dem zwei junge Frauen (Mara und Natalie Portman) in die Welt eines erfolgreichen und ebenso egomanischen Musikproduzenten (Fassbender) und eines aufstrebenden Musikers (Gosling) geraten und plötzlich in ein Universum eintauchen, in dem Selbstsucht und –aufgabe, Erfolg und innere Leere geradezu organisch miteinander verflochten sind.

Momentaufnahmen und Augenblicke der Anmut

Sein Film solle dem Publikum dieses Gefühl zeigen, wie man sich im Leben erinnert – in Momentaufnahmen voller Empfindungen, so Malick. Lässt man sich also vom Fluss der Bilder und Gedankenmonologe tragen, fühlt sich „Song to Song“ wie ein erquickender Spaziergang entlang des Stroms der Zeit an.

Wehrt man sich jedoch gegen die Strömung, so mutet die Fülle an schönen Menschen in ihren schönen Leben in schönen Häusern sehr schnell wie eine Überdosis Sahnetorte an.

Dabei liegt die Schönheit und zugleich unwiderstehliche Kraft des Films im Aufflackern dieser atemberaubenden Augenblicke der Anmut, wenn Patti Smith beispielsweise verrät: „Ich dachte nie, dass ich lange leben würde. Weißt du, so in der Art – ich wäre eine Künstlerin und würde jung an Tuberkulose oder so ähnlich sterben, wie Charlotte Brontë.“