Die Filmkritik der Woche:

Jeder ist eine Insel

Warum Martin McDonaghs neuer Film eigentlich mehr als nur vier Golden Globes verdient hat

Mit drei riesigen Anzeigetafeln als stumme Protestaktion mischt Mildred (Frances McDormand) die kleine 
Gemeinde in Missouri gehörig auf.
Mit drei riesigen Anzeigetafeln als stumme Protestaktion mischt Mildred (Frances McDormand) die kleine 
Gemeinde in Missouri gehörig auf.
TWENTIETH CENTURY FOX)

Von Vesna Andonovic

Es liegt nicht an Frances McDormand: Ist die „Fargo“-Schauspielerin zwar Dreh- und Angelpunkt von „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, bleibt sie nur einer von vielen Gründen, wieso dies jetzt schon ein Highlight des Filmjahres ist.

Orangensaft als Vergebung

Die ganze erzählerische Kunstfertigkeit von Martin McDonagh, Jahrgang 1970, lässt sich in einer einzigen Szene zusammenfassen: Ein Prügelopfer mit Gips an Arm und Bein stellt im Krankenhaus seinem schwer verbrannten Bettnachbarn ein Glas Orangensaft mit Strohhalm auf den Nachttisch. Das Pikante daran: Letzterer war es, der Ersteren überhaupt dorthin beförderte.

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Aus einem banalen Alltagsgegenstand macht der britische Regisseur so ein starkes Symbol für Vergebung – und die überlebensnotwendige Möglichkeit, über den eigenen Schatten zu springen und über sich hinauszuwachsen. Und genau das fasst „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ perfekt zusammen: Mit einfühlsamen Bildkompositionen und pointierten Dialogen drückt der Film Dinge aus, die weit über das, was gezeigt und gesagt wird, hinausgehen. So schafft er durch derartige Reliefzeichnungen auch emotionale Tiefe, die keinen Zuschauer unberührt lassen kann.

Vier Golden Globes

Vier Trophäen gab es für den Film in der Nacht zum Montag bei der 75. Verleihung der Golden Globes: bestes Drama, bestes Drehbuch und den Globe für Frances McDormand, Mrs. Joel Coen, als beste Hauptdarstellerin und Sam Rockwell als besten männlichen Nebendarsteller.

Nicht nur ein gutes Omen für die Academy Awards, die am 4. März vergeben werden – auch verdiente Auszeichnungen für ein Werk, das das kommende Kinojahr mit einem richtigen Highlight starten lässt und die künstlerische Messlatte hoch ansetzt. Denn „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ vermag es, den Hauptgrund, weswegen Kino überhaupt erfunden wurde, sprich die Unterhaltung mit seiner buchstäblich zweiten Dimension, i. e. dem Anspruch, zu verbinden. Immer öfter kommt dieser nämlich bei allzu großem Aufheben um eine effekthascherische Form zu kurz.

Martin McDonaghs Werk schafft dies mit einer Leichtigkeit und Eleganz, wie es nur sehr wenige Filme schaffen.

"Comédie humaine" des 21. Jahrhunderts

Die einzigartige Kombination eines zwischen bissig und schräg jonglierenden Humors, skurrilen Charakteren und Situationen mit philosophisch-tiefgründigen Lebensweisheiten – und alles gepaart mit einer gehörigen Portion Menschlichkeit und Empathie für die Fehlbarkeiten – erinnert stark an das kreative Universum der Coen-Brüder, kommt dabei aber zu keinem Moment wie eine Kopie daher.

Ein bisschen wie eine „comédie humaine“ des 21. Jahrhunderts zeichnet Regisseur McDonagh seine Filmfreske in feinen Zwischentönen. Jede der Figuren trägt hier, wie eine einsame Insel inmitten des stürmischen Ozeans der Existenz, alleine die Last des Lebens. Doch flackern immer wieder Hoffnung, Menschlichkeit und, auch so etwas wie Solidarität auf – ohne, dass dabei Gefühlsduselei mit Emotion verwechselt wird: eine richtige Wohltat beim immer öfter aufgetischten kommerzgetriebenen Kitsch.

Spannungsbögen aufbauen und halten

Meisterlich und mit viel Fingerspitzengefühl versteht es der Regisseur, der ebenfalls fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet, seine Spannungsbögen aufzubauen und zu halten. Statt wie in seinen Vorgängerfilmen „Seven Psychopaths“ oder „In Bruges“ durch Sarkasmus und Body-Count zu punkten, setzt er hier auf leise und umso wirkungsvollere Töne – Tragik begegnet dabei Komik, Verzweiflung der Hoffnung in der Geschichte von Mildred Hayes (Oscar-Preisträgerin Frances McDormand), deren Tochter ermordet wurde.

Um dem lokalen Polizeichef William Willoughby (Woody Harrelson), der noch immer weder eine Spur noch einen Verdächtigen hat, etwas einzuheizen, mietet sie drei Werbetafeln an, und stellt über riesige Plakate seine Arbeit in Frage. Jeder im beschaulichen Städtchen reagiert auf seine Weise auf die aufsehenerregende Aktion, und Emotionen kochen schnell hoch.

Heißer Oscar-Anwärter

Seit 2008 und seinem Bafta- preisgekrönten „In Bruges“, ist McDonagh, der für den Kurzfilm „Six Shooter“ bereits zwei Jahre davor einen Academy Award erhielt, ein Fixstern am Filmhimmel. Mit seinem „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ hat er seiner Hauptdarstellerin McDormand die Rolle auf den Leib geschrieben und hat mit einer Besetzung, die zudem Woody Harrelson und Sam Rockwell umfasst, einen hochkarätigen Reigen. Deren Talent flößt den Figuren Leben ein und lässt, was als Stilübung hätte scheitern können, als glaubwürdige Geschichte rüberkommen.

Kameramann Ben Davis legt, nach Filmen wie „Doctor Strange“, „Avengers: Age of Ultron“ oder „Guardians of the Galaxy“, einen radikalen, doch schlüssigen Registerwechsel hin und zaubert eine an Martin Parr erinnernde Ästhetik auf die Leinwand.

Feinfühlig und humorvoll regt der Film zur Überlegung an, was unsere Grenzen ausmacht und wie wir sie überwinden – und ist damit nicht nur ein Muss, sondern auch ein heißer Oscar-Anwärter.