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Die Filmkritik der Woche: It Comes at Night: Es geht um Leben und Tod
Kultur 2 Min. 24.06.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: It Comes at Night: Es geht um Leben und Tod

In der Holzhütte des Opas finden Travis und seine Eltern Schutz vor einer unheimlichen Seuche.

Die Filmkritik der Woche: It Comes at Night: Es geht um Leben und Tod

In der Holzhütte des Opas finden Travis und seine Eltern Schutz vor einer unheimlichen Seuche.
Foto: Animal Kingdom
Kultur 2 Min. 24.06.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: It Comes at Night: Es geht um Leben und Tod

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Wie weit würden Sie eigentlich gehen, um Ihre Liebsten zu schützen? Die Antwort, die Familienvater Paul auf diese Frage findet, ist alles andere als schmeichelhaft für den Professor. Das wahre Grauen schlummert nämlich in jedem von uns ...

Wie weit würden Sie gehen, um die Menschen zu schützen, die Sie lieben? Diese Frage muss sich auch Familienvater Paul stellen. Und die Antwort, die er darauf findet, ist alles andere als schmeichelhaft – denn das wahre Grauen schlummert in jedem von uns ...

„Alles wird gut“, besänftigt Paul seine Ehefrau Sarah. Dabei hat er gerade seinem Schwiegervater eine Kugel durch den Kopf gejagt, ihn in eine Plastikplane gewickelt, in ein Erdloch gesteckt, mit Benzin übergossen und angezündet. Die einzig richtige Entscheidung aus der Sicht der Familie, denn Bud war krank, sein geschundener Körper mit schwarzen Pusteln übersät.

Mehr als nur Horror

Die Beulenpest? Der Zuschauer wird es nie erfahren, auch in den folgenden, kurzweiligen 91 Minuten nicht. So lange dauert „It Comes at Night“, der zweite Spielfilm von Regisseur Trey Edward Shults und ein packendes Kammerspiel vor Endzeitkulisse, nämlich.

Doch wer allein kammerspielartigen Horror erwartet, wird angenehm überrascht: Denn „It Comes at Night“ benutzt das altbekannte Cabin-in-the-Woods-Schema, um aus dessen ohnehin dramatischer Ausgangssituation eine überraschend tief gehende, humanistische Reflexion anzustreben.

Bekannte Geschichte, erfreuliche Tiefe

Paul (Joel Edgerton), Sarah (Carmen Ejogo) und ihr 17-jähriger Sohn Travis haben also in der (stattlichen) Holzhütte des Schwiegervaters Zuflucht vor einer unheimlichen Seuche gefunden.

Die Ankunft des Fremden Will (Christopher Abbott) sehen alle als Bedrohung – dabei will auch er nur Wasser und Nahrung für seine Frau Kim (Riley Keough) und ihren fünfjährigen Andrew finden. Anfangs scheint das Zusammenleben gut zu funktionieren, doch dann keimt Misstrauenund die Situation gerät außer Kontrolle ...

Die Geschichte klingt nicht nur bekannt, sie ist es auch, denn sie greift auf das klassische Grundmuster der Situation, die durch die Ankunft eines Fremden aus dem Gleichgewicht gebracht wird, zurück, das man so bereits oft auf der Leinwand gesehen hat.

Erzählerische Fingerfertigkeit

Trey Edward Shults versteht es geradezu intuitiv, packende Atmosphären zu schaffen und die Konturen seiner Charaktere so zu zeichnen, dass der Zuschauer sich aktiv mit einbringen muss, um die auszufüllen. Dabei greift er überaus geschickt auf filmspezifische Mittel, wie u. a. die Tonspur (beispielsweise eine beklemmend-röchelnde Atmung), um das Publikum wirkungsvoll zu manipulieren, sprich mitfiebern zu lassen.

Auch die Musik unterstreicht passend, wenngleich mit zuweilen etwas zu viel Emphase, die so geschaffenen Stimmungen.

Der Film wirft dabei ebenfalls mit erzählerischer Fingerfertigkeit grundlegende Fragen des Lebens auf: Denn schützt Paul ohne Rücksicht auf Verluste seine Familie, wird er zum instinktgetriebenen Tier und verrät so gleichzeitig alle moralischen Prinzipien, auf denen unsere menschlichen Gesellschaften fußen – mehr noch, von deren Akzeptanz womöglich sogar das Überleben der gesamten menschlichen Spezies abhängt.

Wirksame Identifikation

Dabei greift die Identifikation ziemlich wirkungsvoll: Selbst wenn man in der Geschichte weder ganz Paul, Sarah, Trevor, Will noch Kim ist – so ist man dennoch stets ein Stückweit jeder von ihnen – denn ihre Motivationen werden dem Publikum nachfühlbar präsentiert.

Genau dieses Kaleidoskop der Gefühle macht „It Comes at Night“ überdurchschnittlich interessant – vor allem lässt es aber seine Fragestellungen noch länger im Zuschauer nachhallen.

Den Film als politische Allegorie auf die grassierende, traurige Tendenz vieler, sich Igeln gleich auf sich selbst zusammenzurollen, zu verstehen, wäre diesem dann doch etwas zu viel der ehrenvollen Absicht gegeben.

Und die Moral von der Geschichte? Zugegeben, auch die kannten wir schon, bevor wir sie hier erneut gesehen haben: Extremsituationen verändern den Menschen nicht, sie offenbaren nur sein wahres Gesicht. Auch deshalb tut ein regelmäßiger Blick in den Spiegel mehr als nur gut!