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Die Filmkritik der Woche: „Es war einmal in Deutschland“ : Schwerer Balanceakt
Kultur 2 3 Min. 08.04.2017

Die Filmkritik der Woche: „Es war einmal in Deutschland“ : Schwerer Balanceakt

Moritz Bleibtreu (r.) spielt David Bermann, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Trümmern entkommen will.

Die Filmkritik der Woche: „Es war einmal in Deutschland“ : Schwerer Balanceakt

Moritz Bleibtreu (r.) spielt David Bermann, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Trümmern entkommen will.
Foto: X-Verleih
Kultur 2 3 Min. 08.04.2017

Die Filmkritik der Woche: „Es war einmal in Deutschland“ : Schwerer Balanceakt

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
„Hitler ist tot, aber wir leben noch!“, das klingt wie etwas Genugtuung. Und doch hadern die jüdischen Überlebenden in „Es war einmal in Deutschland“ mit ihrem individuellen Schicksal, dem Leid, das sie durchgemacht haben.

Von Daniel Conrad

„Hitler ist tot, aber wir leben noch!“, das klingt wie etwas Genugtuung. Und doch hadern die jüdischen Überlebenden in „Es war einmal in Deutschland“ mit ihrem individuellen Schicksal, dem Leid, das sie durchgemacht haben. Als sie sich zusammentun, keimt Hoffnung auf – und Humor.

„Es ist, glaube ich, für die meisten Leute ein eher unbekanntes Kapitel – einfach aufgrund der Tatsache, dass die meisten dann ja weggegangen sind. [...] Dementsprechend gab es auch nicht so viele, die davon erzählen konnten“, sagt Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu im Interview zum Film „Es war einmal in Deutschland“ – einer vom Luxemburger Filmfonds mitfinanzierten Samsa-Koproduktion unter der Federführung von Jani Thiltges.

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„Die“ sind die aus den Konzentrationslagern befreiten Juden, die noch einige Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland blieben bzw. bleiben mussten – als „Deplaced Persons“ auf der Suche nach einem Neuanfang.

Die meisten wollten weg. Nach Amerika oder Palästina; weg von diesem Kontinent, in dem so viel Leid fast jedes persönliches Schicksal verändert hat. Doch das Geld reichte nicht. Zumindest für David Bermann und seine Mannschaft aus in Frankfurt am Main gestrandeten Juden. Jeder dieser Männer hat sein Paket an traumatischen Erinnerungen zu tragen: Verlust, Folter, KZ, jahrelange Qualen.

Bermann, Sohn einer Tuchhändlerfamilie, hat die Idee, um wieder auf die Beine zu kommen: Als Vertreter verkaufen sie Wäsche, „Feinstes aus Paris“ – natürlich mit allen Tricks, um genügend Gewinn für die Überfahrten herauszuschlagen und gleichzeitig ein klein wenig, um Rache am Tätervolk zu üben. Und tatsächlich: das Geschäft floriert – und doch werden die Schatten nicht vertrieben. Hat Bermann gar Juden verraten, um selbst zu überleben? Der muss sich jedenfalls einer Untersuchung einer US-Geheimdienst-Offizierin stellen.

Viel Stoff für einen Film

Regisseur Sam Gabarski, der einst mit „Irina Palm“ für Furore sorgte, taucht mit Humor in dieses historische Kapitel der Nachkriegszeit ein. Ja, richtig gelesen – Humor, und davon viel. Drehbuchautor Michel Bergmann bündelt Motive aus seinen autobiografisch geprägten Romanen „Die Teilacher“ und „Machloikes“ – und genau darin liegt auch die Schwierigkeit des Films.

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Hier prallen Geschichte, jüdischer Humor, individuelle Schicksalsberichte, eine Liebesgeschichte, Fragen um Schuld, gar Mittäterschaft und die Verarbeitung des Holocausts unter den Juden selbst mit surrealistischen Einschlägen zusammen.

Diese Verdichtung machte es für Gabarski nicht leicht, das in einen Film zu packen. Dennoch ist es ihm gelungen, all das mit einer gewissen Leichtigkeit zu erzählen – schon fast so leicht, dass der Film als Fernsehproduktion durchgehen könnte.

Die ersten, eher mittelmäßig ausfallenden Kritiken nach der Berlinale und dem aktuellen Start in den Kinos werfen dem Endprodukt, das zum Teil an Drehorten in Luxemburg entstand, Oberflächlichkeiten vor – insbesondere nicht genug, die Motive und Handlungen von Bermann zu erklären.

Dargestellte Sprachlosigkeit

Das stimmt insofern, als dass der Film einen Schwebezustand erschafft, quasi schon als Prämisse Geschichte und Geschichten vermischt: Was ist real geschehen, was ist Verdrängung, Verklärung, was ist dargestellte Sprachlosigkeit, die ob des Leids nicht weiter erzählen will und kann?

Das mag dann für die allzu Versierten zu wenig sein. Dabei ist das schlicht gute und reichhaltige Unterhaltung, die dank ihres oft bitterbösen, aber auch herrlich schönen jüdischen Humors den historischen Ballast und so manches Entsetzen erträglicher macht – und dadurch das Thema zugänglich. Und wer sagt, der Film biete zu schöne Bilder, der hat die Dialoge nicht genau verstanden.

Zwischen den Zeilen und in manch knapper Einstellung entfaltet sich ein vielschichtiges Spektrum an kultur- und sozialhistorischen Konnotationen. Und dass das nie bedrückend moralisierend daherkommt, ist eine Leistung. Ein Balanceakt, der auch dank eines herrlich spielenden Schauspielensembles gelingt.