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Die Filmkritik der Woche: Die Götterdämmerung
Kultur 1 4 Min. 20.05.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: Die Götterdämmerung

Raten Sie mal was gleich passiert – und lassen sich dann überraschen, 
welche Variation auf sein bekanntes Alien-Thema Ridley Scott diesmal auftischt.

Die Filmkritik der Woche: Die Götterdämmerung

Raten Sie mal was gleich passiert – und lassen sich dann überraschen, 
welche Variation auf sein bekanntes Alien-Thema Ridley Scott diesmal auftischt.
Foto: Twentieth Century Fox
Kultur 1 4 Min. 20.05.2017 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: Die Götterdämmerung

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Ridley Scott hat ein Faible für biblische Ausmaße – doch seine Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens überzeugt eher, wenn er sich damit in den Weltraum vorwagt, als wenn er, wie in „Exodus: Gods and Kings“, mit den Füßen auf dem Erdboden bleibt. Findet er ihn denn diesmal?

von Vesna Andonvic

Zehn filmische Jahre ist es her, dass die Weyland Corporation aufbrach, die außerirdischen Schöpfer der Menschheit zu suchen. Nur Dr. Elisabeth Shaw und der Androide David „überlebten“ diese wissenschaftliche Mission ins All.

Als das „Covenant“-Raumschiff mit 15 Crewmitgliedern, über 2 000 Kolonisten im Kryoschlaf und Schubladen voller tiefgekühlter Embryos nun eine bizarre Nachricht aufschnappt, beschließt die Mannschaft ihrem Ursprung nachzugehen. Doch auf dem Planeten, auf dem sie landen, sind sie nicht allein: ein tödliches Zehn-kleine-Negerlein-Spiel beginnt ...

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Nein, sie haben's noch immer nicht gerafft: die Weltraum-Cowboys auf Kolonisationsmission, die seit annähernd vier Jahrzehnten in den Alien-Filmen in den Weiten des Universums unterwegs sind – übrigens ebenso wenig, wie die Figuren, die in Horrorfilmen in dunklen Räumen vorwitzeln: Bizarre Geräusche bedeuten nicht Abenteuer und Spannung, sondern immer Ärger – ja meist sogar den Tod! Natürlich nicht so für das Publikum, denen genau diese Zutaten Filme wie „Alien“ attraktiv machen.

Hysterisch schreiende Frau

Dies gleich vorweg: Man muss kein Ridley-Scott-Fan sein, um „Alien: Covenant“ zu verstehen bzw. zu mögen, doch es hilft sicher. Einerseits, um die Zusammenhänge der neuen Geschichte zum Vorläufer „Prometheus“ zu verstehen. Andererseits, weil nur der aufmerksame und eingeweihte Beobachter hier nicht nur Scotts Vorliebe für diesen kultigen Moment der hysterisch schreienden Frau (wieder-)erkennt, sondern auch den wippenden Trinkvogel bemerkt, der da sein Köpfchen ins Wasserglas tunkt.

Beides hat man nämlich schon Mal gesehen: Und zwar 1979, als Scott mit „Alien“ einen filmischen Meilenstein setzte und eine Saga lancierte, die es, wenn schon nicht in ihrer Qualität, zumindest in ihrem Ausmaß und Denkansatz sogar mit „Star Wars“ aufnehmen kann.

Michael Fassbender steht wieder groß im Fokus des neuen Alien-Teils.
Michael Fassbender steht wieder groß im Fokus des neuen Alien-Teils.
Foto: Twentieth Century Fox

Kastrierende Frauenpower, Maschinen mit Persönlichkeit

Je mehr Zeit vergeht, und je größer der Umfang der Reihe wird, umso weiter schreitet der britische Regisseur nach der reinen Action-Ausschlachtung der Geschichte nun in Richtung Sinn- und Gottsuche voran. Ob das seinem fortschreitenden Alter geschuldet ist, sei hier dahingestellt.

Doch als er 2012 mit „Prometheus“ selbst ans Ruder der Franchise trat, kündigte dies auch die Rückkehr zu einem gewissen erzählerischen Qualitätsanspruch an. Die alte Regel, dass, wer wenig Mittel hat, dies mit viel Fantasie kompensieren muss; und wer viele Mittel hat, sich allzu sehr darauf verlässt und schnell auch mal nachlässig wird, bewahrheitet sich in „Alien: Covenant“ glücklicherweise nicht.

Die heutigen technischen Mittel stehen natürlich in keinem Vergleich zu denen von vor 38 Jahren. Dennoch sind sie für Scott ein doppelschneidiges Schwert: Wer 15 000 Leute (hauptsächlich Computerspezialisten) für sich arbeiten lässt, darf auch mal visuell auf den Putz hauen.

Beeindruckende Spezialeffekte

Die Spezialeffekte sind dementsprechend beeindruckend – und helfen über Schwachstellen des Drehbuchs und die gänzlich überflüssigen Beziehungskisten darin hinweg. Doch sie allein machen die Stärke des Films nicht aus: Diese ist vielmehr Scotts epischem Ansatz geschuldet. Dabei lässt es sich der Filmemacher, dem wir u. a. „Blade Runner“ und „Gladiator“ verdanken, nicht nehmen, aus „Alien: Covenant“ ebenfalls eine kleine, diskrete Enzyklopädie seiner persönlichen Kunstvorlieben zu machen.

Seine gewaltige Bildsprache borgt er sich so nicht nur in den atemberaubenden Landschaften Neuseelands, sondern auch z. B. bei Arnold Böcklins „Die Toteninsel“, eines der Lieblingsbilder Adolf Hitlers. Scotts eigentlicher Geniestreich ist hier aber, dass man all diese Referenzen nicht erkennen muss, um dem roten Faden des Films zu folgen.

In das Zentrum seiner philosophischen Gedankengänge setzt der Brite grundlegende Macht-, Gewissens- und Ethikfragen, die die Beziehung zwischen Schöpfer und Kreatur aufwirft und so manche unserer Überzeugungen hinterfragt bzw. erschüttert.

Horror-Upgrade

Das vom inzwischen verstorbenen, Schweizer Künstler H. R. Giger entworfene Monster erfährt ebenfalls ein kleines Horror-Upgrade, was seine Wirkung jedoch nicht dementsprechend vervielfacht. Spielte sich 1979 das Grauen meist im Kopf des Zuschauers ab, so sieht er es hier – live und in Farbe – vor sich: Man schreckt zwar auf, doch wirklich fürchten, wie früher, tut man sich nicht mehr. Michael Fassbender darf sich in der Doppelrolle des Androiden David und des Nachfolgemodells Walter so richtig austoben, und sich dabei in seiner Vision sogar auf David Leans „Lawrence of Arabia“ beziehen. Zum Glück steht Fassbenders Können nicht im Schatten seines Aussehens – und so hat der Zuschauer zumindest eine Figur, die ihm als roter Faden durch dieses weitere, düstere Kapitel der Geschichte dient. Dass dabei der stetige, urmenschliche und innerliche Kampf zwischen Gut und Böse hier von einer Maschine ausgetragen wird, dürfte der Modernität geschuldet sein. Zugleich erweitert es das Spannungsfeld der Reflexion.

Man findet, wie gewohnt – mit der unkaputtbaren Ripley (Sigourney Weaver) auch hier wieder eine Frauenfigur vor: Katherine Waterston, die sich zuletzt in „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ mit weniger furchterregenden Monstern herumschlagen musste, ist nun als Terraforming-Expertin Daniels, die sich im Showdown der außerirdischen Bestie stellen muss. Leider fällt Waterston, im Vergleich zu Weaver blass aus – und so bleibt dem Zuschauer nur David als emotional zwiespältiger Ankerpunkt.

„Alien: Covenant“ ist ein weiteres Kapitel, das durch Aufmachung und Spiel überzeugt. Selbst wenn der Zauber weg ist, macht er Neugier auf die nächste Etappe.