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Die Filmkritik der Woche: Demokratie darf nicht im Dunklen sterben
Kultur 1 4 Min. 27.01.2018 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: Demokratie darf nicht im Dunklen sterben

Zwei Leinwandstars spielen zwei Presseikonen: Meryl Streep und Tom Hanks sind „The Washington Post“-Herausgeberin Kay Graham und ihr Chefredakteur Ben Bradlee.

Die Filmkritik der Woche: Demokratie darf nicht im Dunklen sterben

Zwei Leinwandstars spielen zwei Presseikonen: Meryl Streep und Tom Hanks sind „The Washington Post“-Herausgeberin Kay Graham und ihr Chefredakteur Ben Bradlee.
Foto: 20th Century Fox
Kultur 1 4 Min. 27.01.2018 Aus unserem online-Archiv

Die Filmkritik der Woche: Demokratie darf nicht im Dunklen sterben

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„The Post“ ist ein Film mit Sodbrennen-Garantie – zumindest für Donald Trump. Denn Hollywood fährt, mit Steven Spielberg hinter sowie Meryl Streep und Tom Hanks vor der Kamera, gleich drei, schwere Geschütze zur eleganten Kritik am Weißen Haus auf.

 „The truth, no matter how bad, is never as dangerous as a lie in the long run“ – „Die Wahrheit, so schlimm sie auch sein mag, ist langfristig nie so gefährlich wie eine Lüge“: dieses Zitat des früheren Chefredakteurs Ben Bradlee ziert heute die Wand des Newsrooms von „The Washington Post“.

Beide, Bradlee und die „Post“, stehen gleichermaßen für journalistische Qualität, investigative Recherche sowie kritische Berichterstattung. Alles Dinge, die dem aktuellen Chef im Weißen Haus sauer aufstoßen dürften. Doch dass sein spröder Charme im Umgang mit den Medien auch im eigenen Land nicht nur auf Zustimmung stößt, beschert zumindest Kinogängern ein kleines Trostpflaster: Bevor der neue SciFi-Film von Steven Spielberg „Ready Player One“ anläuft, legt der dreifache Oscar-Preisträger mit „The Post“ ein ebenso engagiertes, wie pädagogisches Plädoyer für die Vierte Gewalt im Staat hin: die Presse.

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Aktuelle Schieflage in den USA

Dabei nutzt Spielberg ein Ereignis aus der Vergangenheit, um seine Kritik an der aktuellen Schieflage in den USA anzubringen – indem er Nixon als Metapher für Trump auffährt: Ein offensichtlicher, doch eleganter Stinkefinger. Das politische Statement ist klar: Jede dieses Namens würdige Demokratie braucht das kritische Hinterfragen der Presse als unabhängige Wächter.

Unterstützt wird Spielberg dabei von einer hochkarätigen Besetzung, mit der ebenfalls mit drei Academy Awards ausgezeichneten Meryl Streep und Tom Hanks, der deren (nur) zwei sein Eigen nennen darf, in den Rollen der Herausgeberin Kay Graham und ihres damaligen Chefredakteurs Ben Bradlee.

Sie zwei stehen im Zentrum der Geschichte der „Pentagon Papers“: 1971 spielt Regierungsmitarbeiter und Whistleblower Daniel Ellsberg (Matthew Rhys) „The New York Times“ und später „The Washington Post“ vertrauliche Dokumente zu, die aufzeigten, wie Regierungen und Präsidenten über Jahre hinweg die Öffentlichkeit gezielt mit falschen Informationen in Bezug auf die Krise und später den Krieg im Vietnam manipuliert haben. Als die „Times“ am 13. Juni den Skandal publik macht, erzwingt die Regierung – per Gerichtsbeschluss – einen Stop der Berichterstattung. Die „Post“ springt ab dem 18. Juni in die Bresche und veröffentlicht weitere Artikel zum Thema. Erst ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA gibt den beiden Zeitungen recht – und stellt so erstmals Pressefreiheit und das Interesse der Öffentlichkeit über staatliche die Geheimhaltungspolitik.

Kleine Perlen der Wahrheit

Spielberg beginnt seinen Film mit klassischen Vietnam-Klischees (Dschungelgefecht, Musik, Body bags) und wirksam eingesetzter Handkamera, bevor er fliegend zu seinem eigentlichen Schwerpunkt wechselt: dem heimischen Krieg um Informationen.

Ganz der pädagogische, doch stets visuell und narrativ gewiefte Filmemacher lässt er den Zuschauer den moralischen Konflikt seines Whistleblowers ebenso wie später die (selbst-)rechtfertigenden Motivationen seiner Figuren auf Presse- und Regierungsseite begleiten. Ob aber auch der Zuschauer, dem die historischen Fakten nicht so präsent, beziehungsweise bekannt sind, alle Zusammenhänge versteht, bleibt zuweilen fraglich.

Das eigentlich Bemerkenswerte an Spielbergs Film bleibt, dass, wenngleich die Nostalgie der guten, alten (heilen) Bleibuchstaben-Pressewelt, die wie einer Mischung aus Zigaretten- und Druckerschwärzeduft, über dem Ganzen schwebt, der Film trotz stereotyper Vereinfachung nicht verkitscht-rührselig wirkt. Stattdessen kommt er wie eine notwendige Rückbesinnung daher und birgt sogar hie und da versteckte kleine Perlen der Wahrheit, wie die diskreten Ego-Seitenhiebe auf den Journalistenberuf. Das grundlegende Problem bleibt aber, dass er, wie oft bei besagter Thematik, vor Bekehrten predigt – und gerade der pädagogische Ansatz als belehrend verstanden und geradezu abtörnend wirken könnte.

Pressefreiheit und -notwendigkeit

„The Post“ führt neben der Pressefreiheit und -notwendigkeit zudem zwei weitere Handlungsstränge ein: die (mentale) Emanzipation der Frau, die sich in der männerdominierten Medienwelt der 1970er behaupten muss, sowie das Rennen um den Scoop und die Konkurrenzsituation zwischen den Zeitungen. Trotz dieser Vielzahl der Aspekte präsentiert sich der Film als ausgewogenes Ganzes.

Dass dies gelingt, ist letztlich den gestandenen Schauspielern geschuldet: Hanks als breitbeiniger Chefredakteur Bradlee, Streep, die stellenweise das Frauenklischee etwas dicker als nötig und gewohnt bedient oder noch Bob Odenkirk als engagierter „Post“-Journalist Ben Bagdikian.

Was man bei aller Nostalgie um die meinungsbildende Durchschlagskraft etwas vermisst, ist der Aspekt einer kritischen Reflexion über die gefährliche Nähe zwischen Politik und Presse, die nur am Rande angeschnitten wird.

„The Post“ fügt sich dennoch nahtlos in die Reihe sehenswerter Werke zum Thema Vierte Gewalt ein, die von „All the President's Men“ bis hin zu „Spotlight“ reicht.

Und wem Spielbergs Film gar zu elegisch erscheinen mag, der kann auf ein ebenso einfaches wie wirksames Gegenmittel zurückgreifen: sich „Ace in the Hole“ anschauen.

Die Wahrheit nämlich liegt irgendwo zwischen Billy Wilders und Stevens Spielbergs Zeichnung – doch zum Glück gilt auf der Leinwand, wie im richtigen Leben: Solange man nach ihr sucht und nicht der Überzeugung ist, sie endgültig zu besitzen, ist man auf dem richtigen Weg zur Wahrheit. Nur dann kann die Presse verhindern, wovor der Slogan der „Post“ warnt: „Democracy Dies in Darkness“¨.