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Die Filmkritik der Woche: "Beauty and the Beast": Wer hat hier die Hosen an?
Kultur 4 Min. 25.03.2017

Die Filmkritik der Woche: "Beauty and the Beast": Wer hat hier die Hosen an?

Emma Watson ist the Beauty - und die hat mehr für Bücher als schicke Roben übrig.

Die Filmkritik der Woche: "Beauty and the Beast": Wer hat hier die Hosen an?

Emma Watson ist the Beauty - und die hat mehr für Bücher als schicke Roben übrig.
Foto: Disney Pictures
Kultur 4 Min. 25.03.2017

Die Filmkritik der Woche: "Beauty and the Beast": Wer hat hier die Hosen an?

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Alle Achtung: In Disneys „Beauty and the Beast“ sprengt das schwache Geschlecht so manches Gender-Klischee – und den Oscar für den besten Feelgood-Romantik-Kitsch gibt es gratis dazu.

Riesengroße, himmelblaue Kulleraugen: Wie, bitte, soll man da nicht schwach werden? Doch (alle) Achtung: In Disneys „Beauty and the Beast“ sprengt das schwache Geschlecht so manches Gender-Klischee – und den Oscar für den besten Feelgood-Romantik-Kitsch gibt es gratis dazu.

Sogar Jean Cocteau hätte seine helle Freude an diesem Disney-Film: Denn zählt sein „La Belle et la Bête“ aus dem Jahr 1946 zu den zeitlos-ikonischen Filmklassikern schlechthin, so hätte die Geschmeidigkeit, mit der der Disney-Nachfolger anno 2017 Kitsch und Romantik – trotz voller Dröhnung – elegant in 129 kurzweilige Minuten kanalisiert, sicherlich auch den Franzosen beeindruckt.

Stockholmsyndrom Ahoi

Dabei ist die Geschichte so märchenhaft, sprich unschuldig, ja nicht. Buchstäblich genommen bietet sie sogar gehöriges Sprengpotenzial, das eine militante Alice Schwarzer mit den barbusigen Femen-Aktivistinnen in einem gemeinsamen Aufschrei des feministischen Entsetzens vereinen könnte.

Da hält doch tatsächlich ein (geradezu animalisch maskuliner) Typ eine (natürlich schöne und unschuldige) junge Frau so lange als seine Geisel gefangen, bis sie sich in ihn verliebt. Stockholmsyndrom Ahoi ...

Als Belohnung darf der Zuschauer am Ende auch noch eine positive Moral aus dieser durch sexistische Schemen getriebenen Story ziehen. Zumindest kann er sich diese aber dann, ganz nach Geschmack, aussuchen – denn austauschbar erbaulich sind nämlich alle darin enthaltenen Botschaften: dass Hochmut stets bestraft wird; dass es nicht aufs Aussehen sondern die inneren Werte ankommt; dass wahre Liebe immer siegt; dass am Ende alles gut wird.

Der Stoff, aus dem Zelluloid-Träume sind

Vielleicht fällt es ja einigen auf, dass Belles beschauliches Dörflein Villeneuve heißt: Eine Hommage an Gabrielle-Suzanne de Villeneuve, die die märchenhafte Geschichte 1740 veröffentlichte. Dass diese heute noch so beliebt und bekannt ist, lässt sich einfach erklären: Sie vereint große Gefühle, Gefahren, etwas Zauberei und ein grandioses Finale mit Happy End – alles Zutaten, die sie ebenfalls zum perfekten Stoff, aus dem Zelluloid-Träume sind, machen.

Dem Helden-Machogehabe eines Gaston (Luke Evans) wird ein Denkzettel verpasst.
Dem Helden-Machogehabe eines Gaston (Luke Evans) wird ein Denkzettel verpasst.
Foto: Disney Pictures

Man hätte Zweifel hegen können, ob ein In-House-Remake eines Disney-Animationsfilms aus dem Jahr 1991 mit echten Schauspielern und einer ganzen Horde Computern überhaupt Interesse wecken kann.

Die Zweifel, wenngleich vorab verständlich, erweisen sich als unbegründet: „Beauty and the Beast“ hält, was ein 160-Millionen-Budget und eine Star-Besetzung mit Emma Watson und „Downton Abbey“-Darsteller Dan Stevens versprechen. Disney liefert erwartungsgemäß großes Kino mit großen Gefühlen in großer Aufmachung.

Etwas feministischer Zeitgeist

Mehr noch: Regisseur Bill Condon und seine Drehbuchautoren Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos gelingt es sogar, etwas Zeitgeist in das alte Märchen hineinzuschleusen und diesem eine frische, ja sogar feministische Note zu verpassen.

Dem Helden-Machogehabe eines Gaston (Luke Evans) wird ein Denkzettel verpasst. Mit der Figur des LeFou (Josh Gad) gibt es erstmals einen homosexuellen Side-Kick (was dem Film eine Alterseinschränkung in Russland und den Vertrieb in manchen Gegenden der USA kostete). Und Belle ist eine furchtlos-selbstbestimmte junge Frau mit Köpfchen.

Wen wundert's da, dass das Biest ihr Herz nicht mit seinen himmelblauen Kulleraugen, sondern einem Shakespeare-Zitat und seiner riesengroßen ... Bibliothek gewinnt – wie das halt eben so üblich ist, bei einer modernen Märchenfrau.

Das Lied kennt man doch...

So ganz wollte man dann aber doch nicht auf die bewährten Trümpfe des Animationskassenschlagers verzichten und verpflichtete erneut den für genau diese Komposition zweifach Oscar-preisgekrönten Alan Menken für die Musik. Er erweiterte und ergänzte sie so, dass die Lieder trotz nichtprofessioneller Sänger mit dem typischen Disney-Ohrwurmpotenzial punkten.

Kevin Kline ist Maurice, Belles Vater.
Kevin Kline ist Maurice, Belles Vater.
Foto: Disney Pictures

Regisseur Bill Condon seinerseits legt hier, nach seinem letzten, berührenden „Mr. Holmes“, erneut ein in sich schlüssiges Werk hin, dass man ihm (fast) seine beiden „The Twilight Saga: Breaking Dawn“-Ausrutscher verzeiht.

Geschossen wird mit großen (Glitzer-)Geschützen – und erstaunlicherweise muten diese nie billig-kitschig, sondern stets wonnig-kitschig an. Vielleicht auch gerade weil Condon sich beim visuellen Altmeister Busby Berkeley inspiriert und das Ganze zu einem mitreißenden – zuweilen psychedelischen –, visuell zauberhaft-opulenten Ballett zusammenführt.

Hochkarätige Besetzung

Selbst die (meist unsichtbaren) Nebenrollen sind hochkarätig besetzt – und, da man nur die Stimmen der Schauspieler hört, ein wahrer Ohrenschmaus: Emma Thompson ist Teekanne/Mrs. Potts, Ewan McGregor als Armleuchter Lumière, Ian McKellen als Standuhr Cogsworth, und Stanley Tucci als Cembalo Maestro Cadenza. Kevin Kline hat da mehr Glück – er darf Bells Vater in Fleisch und Blut spielen.

Wie hieß es nochmal in dieser alten Schweizer Schokoladen-Werbung: „Un peu de douceur dans un monde de brutes“ – und genau diesen Effekt hat „Beauty and the Beast“ auf das Publikum.

Wann darf man sich als erwachsener Zuschauer schließlich noch heutzutage im Kino so vorbehalt- und hemmungslos verzaubern lassen wie ein Sechsjähriger?


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