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Die falsche Botschaft
Kultur 1 3 Min. 06.07.2018 Aus unserem online-Archiv

Die falsche Botschaft

In der mexikanischen Wüste kommt Alejandro (Benicio del Toro, l.) 
seinem Entführungsopfer Isabel (Isabela Moner) näher, weil er sich an
seine Tochter erinnert fühlt.

Die falsche Botschaft

In der mexikanischen Wüste kommt Alejandro (Benicio del Toro, l.) 
seinem Entführungsopfer Isabel (Isabela Moner) näher, weil er sich an
seine Tochter erinnert fühlt.
Foto: Studiocanal
Kultur 1 3 Min. 06.07.2018 Aus unserem online-Archiv

Die falsche Botschaft

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
„Die lang erwartete Fortsetzung des Drogenthrillers mit Oscar-Preisträger Benicio Del Toro und Josh Brolin“ – wirbt der Filmverleih Studiocanal auf seiner Facebookseite. Lang erwartet ja, aber im Kino dann enttäuschend – und das nicht nur gegenüber dem ersten Teil.

Nach zwei Stunden ist es endlich vorbei: Die letzte Kugel ist geschossen, der letzte Gegner gefoltert, die letzten Wunden selbstversorgt, das Blutrot auf Leinwand dem Abspann gewichen und der Cliffhanger – wenn er so wie der zweite sein sollte, hoffentlich nicht noch folgenden – zum dritten Teil gemacht.

Subtil ist, von der ein oder anderen Schauspielerleistung abgesehen, in „Sicario – Day of the Soldado“ rein gar nichts und ein reizvolles Spiel mit moralischen Grenzen, was angeblich der italienische Regisseur Stefano Sollima da auf die Beine stellen wollte, auch nicht zu erkennen. „Die Fortsetzung des fesselnden Thrillers ,Sicario‘ treibt die Spannung auf ein Maximum: Im komplexen Kampf zwischen Macht und Gier verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse“, so der PR-Text.

Die Spannung wird maximiert? Eher die Gewaltorgie. Die Story läuft jedenfalls so: Amerika wird angegriffen, Terror im Spielzeugwarenladen, Kinder und Mütter sterben. Die Selbstmordattentäter – offenbar Islamisten –, kamen über die mexikanische Grenze ins Land. Die Kartelle hinter dem Transfer verdienen inzwischen durch den Schmuggel von Menschen mehr Geld als mit dem von Drogen. Die Antwort Amerikas: ein „Spiel ohne Regeln“. Das ist dann auch die Drehbuchsteilvorlage für den Film, allerlei Grausamkeiten auszutesten und bunt mit den Ängsten der US-Amerikaner zu spielen. Der schon aus dem ersten Teil bekannte, selbstgefällige und um keine Drecksarbeit im Tötungshandwerk verlegene Matt Graver, gespielt von Josh Brolin, soll es im Geheimen richten, damit die US-Regierung nach außen eine saubere Weste behalten kann.

Und wen engagiert er ihm zu helfen? Einmal mehr den Söldner Alejandro (Benicio del Toro). Die Taktik: Streit unter den Kartellen entfachen, ohne dass die USA damit in Verbindung gebracht werden. Der Grund? Damit die Gauner sich selbst bekämpfen und dadurch Drogen und Menschenschmuggel nicht nur brachliegen, sondern auch die Verantwortlichen für den Terror in dem Trubel erledigt werden können.

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Knochenharte Gewalt

Der Auslöser dazu: Isabela, Tochter des mächtigen Kartellbosses Reyes, soll entführt werden und insgesamt so getan werden, als sei das von einem gegnerischen Kartell geschehen. Doch das geht gründlich schief. Die Folge im Film: Wer dann hier wen wann erschießen oder verschonen soll, muss oder darf, ist nicht zuletzt für den Zuschauer undurchsichtig. Ist das Ziel des Drehbuchs? Die verkehrte Welt in all ihrer Sinnlosigkeit zu zeigen? Jedenfalls, wer Kinder und Jugendliche nicht leiden sehen kann, ist schon mal ganz fehl am Platz. Und genau das soll auch irgendwie transportiert werden.

Denn der raue Söldner Alejandro, der einst seine Tochter verlor, baut plötzlich eine Beziehung zu der entführten Isabela auf, die sein sonst so stabiles Bündnis mit Matt zum Zerbrechen bringt und ihn selbst an den Rand der Selbstaufgabe führt.

Wer den PR-Strategen glauben darf, bemüht sich das Drehbuch um Breite und die Beweggründe der Figuren bzw. die Schilderung von derartigen, offenbar real inspirierten Szenarien, die im ersten „Sicario“-Film angeblich sogar von Sicherheitsexperten so bestätigt wurden. Ist er dann sogar eine Selbstbespiegelung menschlicher Grausamkeit und moralischer Enthemmung im Spiel der Mächte – lediglich gefasst in einen Plot?

So weit darf es nicht gehen. Das Schlimmste ist, dass der Film implizit eine Grenzabschottung geradezu begründet, weil alles andere sinnlos scheint. Denn was kommt über die Grenze? Nur Terror, Drogen, illegale Einwanderer – auch wenn der Film das so nicht direkt formuliert und er durchaus auch den moralischen Eigennutz der US-amerikanischen Politik in dem angezettelten Wirrwarr aus Vergeltung und Schutzfunktion mit allen Mitteln kritisiert, schwingt das mit.

Die Beschreibung von Gewalt und Sinnlosigkeit des Handels mag ein Argument für die Crew sein. Überzeugend in diesem Sinne ist sie aber nicht. Im Kopf bleiben nicht die Dilemmata oder der Wunsch nach politischen Neuansätzen, sondern die knochenharten Gewaltszenen und Abrechnungen. In Luxemburg ist das Gemetzel ab 16 Jahren freigegeben. In Deutschland wurde „Sicario 2“ ab 18 Jahren eingestuft und damit keine Jugendfreigabe der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft erteilt.

Und die Quintessenz? Selbst die in ihren Mitteln noch so harten vermeintlich Guten überleben. Gelöst wird gar nichts. Das Menschenbild: Wer zu schwach ist, wird ein Schaf. Lediglich die Starken überleben und können froh sein, immer moralisch durchzukommen. Der Film mag dann noch für Genre-Fans seine Reize bieten, einen wirklich neu gedachten Ansatz zeigt er nicht. Und das ist schlicht eine verpasste Chance.